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Festival-Bericht

Bang Your Head Festival

mit Accept, Saxon, Iced Earth, Lordi, Thunder, At The Gates, Stratovarius, Pretty Maids & Rage

Messegelände Balingen, Balingen 12.-13.07.2013

Wer zu spät kommt, den bestraft so manches, aber nicht im Schwabenland. Nachdem es dieses Mal doch etwas kurzfristig klappte mit den doch so wertvollen Plätzen für die schreibende Zunft (erwähnte ich schon, dass man da drin dann sitzen kann?), konnte die freundliche Dame in Nuschplinge leider nur noch sagen "Esch isch alles voll. Abber isch schau emal für Sie, gell, bei de Nachbarn". So landeten wir denn gut gelaunt im Gasthof Grottental, der sich in keinster Weise im Tal oder grottig zeigte, sondern durchaus Charme als Dorfwirtschaft vom alten Schlage bewies, inklusive Etagenkühlschrank und geschäftsführender Oma.

Freitag, 12.07.2013

Aber bis zur Rast im Grottental galt es doch einige Unbill zu überwinden, der Weg ins Schwabenland ist gesäumt von marodierenden Banden und Barbaren auf mehrspännigen Fuhrwerken (wieder mal Ferien in Holland, wie immer), und auch eine irgendwann einspurige A81 befördert das Reisetempo nicht gerade. Und so laufen wir dann - nach erfahrungsgemäß ordnungsgemäßer Parkung auf dem Gelände eines landläufig bekannten Discounters - erst auf dem Gelände ein, als die Pretty Maids bereits mitten in ihrem Set sind. Die Kollegen waren ja trotz massiven Anreise-Pechs 2011, als sie aufgrund Flugverspätungen notgedrungen in der Halle spielen mussten, schon eines der Festival-Highlights. Dieses Jahr sind alle Flieger pünktlich, und so munden auch auf der Hauptbühne die alten Reißer wie "Future World" oder "Back To Back" genau wie die Nummern vom aktuellen Album Motherland, welches mit "I See Ghosts" und "Mother Of All Lies" bedacht wird. Meine heimliche Schwäche für Kitschballaden wird mit "Little Drops Of Heaven" punktgenau bedient, bevor sich dann "Red Hot And Heavy" als Rausschmeißer gewohnt famos macht. Wieder eine runde Leistung, die dänischen Mädels sind vielleicht in die Jahre gekommen, aber faul ist in diesem Staate deswegen noch lange nichts. Gerne wieder!

Jetzt aber mal ein wenig umgesehen auf dem Gelände, alles wie gehabt, gute Organisation, entspannte Security (der Kollege entschuldigt sich beim Reingehen schon fast dafür dass er mich durchsuchen muss - ist doch verständlich, ich bin doch so ein zutiefst verwegener Geselle!), die üblichen Stände (Wikingerblut, 1 Meter Bratwurst, lustige Gürtelschnallen), und dass man am Eingang die Getränkeflaschen abgeben muss, die man drinnen dann wieder kaufen darf, lassen wir mal so ziehen, sie wollen ja auch was verdienen. Spaßiger Neuzugang: eine Bude mit Holzspielzeugen für die geneigte Dame, die damit angeblich die "Kraft der Natur" original aus dem Odenwald spüren könne. Da uns diese Region nicht fernliegt (also der Odenwald, nicht das was ihr wieder meint), erkundigen wir uns, warum die Verkaufslady hinter dem Schalter dann so grimmig schaut - wir empfehlen einen Einsatz der Spielsachen und entsprechende Gemütsauflockerung zur Steigerung des Absatzerfolges, was aber irgendwie nicht sonderlich gut ankommt. Na, wer nicht will und so weiter.

Nachdem auf dem Bang Your Head üblicherweise alle Genres vertreten sind, kommt der melodische, schnelle Power Metal, der 2012 in Form von Sonata Arctica vorhanden war, auch dieses Mal zu Ehren: Stratovarius steigen mit "Abandon" in ihren Set ein, der durchaus belegt, warum die Schweden trotz aller zwischenzeitlichen Wirrnisse zusammen mit Helloween einmal zur Speerspitze dieser Spielart gehörten. Timo Kotipelto legt sich gehörig ins Zeug, die Stimmung ist ordentlich, aber nicht gerade überragend, was vielleicht an den doch im höheren Bereich angesiedelten Temperaturen liegen mag. Der melodische, epische, mit orchestralen Elementen durchzogene Sound macht durchaus Freude, Kotipelto filmt die Menge, die Band schwingt sich mit "Dragons" und "Against The Wind" durchs Programm, das von Gitarren-, Bass- und Keyboard-Solo leider unnötigerweise perforiert wird. So richtig überkochen will das Ganze aber nicht, auch wenn "Hunting High And Low" am Ende nochmal einen Glanzpunkt setzt. Schick, aber nicht mehr.

Dass der Schlager-Grand-Prix doch einen gewissen Unterhaltungsfaktor hat, dafür gebührt einem gewissen Tomi Putaansuu ewiger Dank. Denn der zwängte sich in ein wahrlich monströses Kostüm und brachte den bürgerlichen Zuschauern als Lordi das "Hardrock Halleluja". Auch wenn die letzten beiden Alben der Mannschaft um den Meister nicht gerade zu den Sternstunden ihres Schaffens gehören, sollte die Kombo doch für eine nette Sause gut sein. Das sehen sie wohl genauso und hüpfen nach einem kurzen Intro beherzt auf die Bühne, wobei von der Urbesetzung neben dem Cheffe nur noch Mumien-Gitarrero Amen übrig geblieben ist. Das macht allerdings gar nichts, "We're Not Bad For The Kids (We're Worse)" kracht gleich ordentlich ins Kontor, bevor dann das durchaus brachiale "Bringing Back The Balls To Rock" weiter knallt. Bei Lordi geht es bekanntlich nicht um ästhetische Filigranarbeit, sondern um eine spaßige Geisterbahnfahrt mit schmissigen Songs und Showeinlagen - und die liefern Herr Putaansuu und seine Recken in der folgenden Stunde am Fließband. Fröhliche Hit-Stampfer wie "Who's Your Daddy" oder "Blood Red Sandman" (Lordi mit Schlafmütze und Traumsand) machen dabei durchaus Laune, aber die richtig überschäumende Begeisterung vermag irgendwie nicht aufzukommen. "It Snows In Hell" überzeugt einmal mehr als atmosphärische Halbballade, nach einem dankenswerterweise kurzen Drumsolo mit drehenden Bass-Drum-Teilen marschiert der Meister dann zu "Supermonstars" mit einem Eimer voller (Plastik-) Gliedmaßen auf die Bühne, bevor mit "I'm The Best" ein durchaus verzichtbarer Titel am Start ist. "They Only Come Out At Night" geht dann zwar ok, ist aber ohne Udo irgendwie nicht vollständig, und so richtig Freude kommt dann beim Klassiker "Devil Is A Loser" vom ersten Album auf, als Lordi sich mal schnell Fledermausflügel umschnallt. So richtig Party gibt es dann allerdings erst beim Schlagersiegertitel "Hardrock Halleluja", bei dem sich Sänger, Gitarrist und Bassist gleichzeitig als Feuerwerkskörper verdingen. Die erste Zugabe "Sincerely With Love" wäre wieder zum Sparen gewesen, aber "Would You Love A Monsterman" rundet das Geschehen doch fein ab. Der Qualitätsunterschied zwischen den ersten drei Alben und den neueren Werken ist doch eklatant, und so steht als kleiner Wermutstropfen, dass wir auf Göttergaben wie "Get Heavy" oder "The Raging Hounds Return" verzichten mussten. Aber lustig wars trotzdem.

Flugs in die Halle gestürmt und schnell noch ein bißchen Lake Of Tears erhascht - der melodische, teilweise doomige, teilweise psychedelische Metal der Herren läuft gut rein und erfreut sich regen Zuspruchs trotz der Konkurrenz auf der Hauptbühne.
Denn dort rüstet sich nun alles zum ersten Headliner des Festivals: der Igel ist wieder einmal gelandet, die britische Institution Saxon scheint ja mittlerweile überall zu spielen wo es ausreichend Elektrizität gibt, und irgendwie gibt es kaum eine andere Band der man den wieder erstarkten Erfolg so gönnt wie diesen Altmeistern. Heute geht das alles irgendwie ansatzlos los, sie sind halt da und fangen an, ohne großes Brimborium, wobei die ersten beiden Songs "Sacrifice" und "Wheels Of Terror" zwar seitens der Instrumentalfraktion beherzt vorgetragen werden, Biff aber ein kleines wenig lustlos wirkt. Das bessert sich dann allerdings zunehmend, ab "The Power And The Glory" (this year is the 30th anniversary of this album, sagt er... oh Mann...) steigt die Stimmung dann erheblich, und spätestens ab "Heavy Metal Thunder" mit feinen Raucheffekten geht die Post ab. Saxon ist irgendwie wie die Sparkasse, immer da wenn du sie brauchst, zuverlässig, solide, nicht brillant, aber ein Garant für gute Unterhaltung und einige kleine Sternstunden. Wie zum Beispiel das feine "Solid Ball Of Rock", das monstermässig groovt. "To Hell And Back Again" spielen sie immer gerne, gehört aber doch in die zweite Reihe, ebenso wie "I've Got To Rock (To Stay Alive)", aber die Chose macht Biff sichtlich immer mehr Laune, was auf die Schlachtenbummler überspringt. Er schwadroniert kurz mit dem am Bühnenrand sitzenden Festival-Organisator Horst, das neue "Night Of The Wolf" ist ordentlich, "Conquistador" muss jetzt nicht unbedingt sein, und jetzt gibt es auch noch ein Drumsolo (bekanntlich unnötig wie das Wort "Doppelschlitztoaster"). Das ist aber dank massivem Drumriser, Feuerwerkseffekten und mittlerweile aufgrund schwindenden Tageslichts immer effektiverer Beleuchtung durchaus unterhaltsam. Schleppend-atmosphärisch stimmig dann der Überklassiker in Sachen Mondfahrt (wo eben der Igel gelandet ist, wie erwähnt), das ist einer ihrer besten Momente, immer wieder gut und immer wieder heftig - wobei man vergeblich nach dem Eagle Ausschau hält. Haben sie ihn daheim vergessen, oder ist er kaputt? Auch der folgende Klassiker "And The Bands Played On" hält den Stimmungslevel hoch, während Biff mittlerweile sogar Scherze treibt (so etwa schnappt er sich eine Kutte von einem Fan und läuft für den Rest des Auftritts damit herum) und ein ausfallendes Mikro in Monty Python-Deutsch kommentiert: "der Mikrofon ist gebroken. Kaputt. Scheise Mann" (ebenfalls meint er launisch "we've sold so many records in Germany people think we are German! And there's nothing wrong with that"). Das wilde "Motorcycle Man" brennt die mittlerweile gottlob kühlere Balinger Luft ordentlich an, "Stand Up And Fight" geht in Ordnung, aber beim unsterblichen "Dallas 1 pm" geht dann endgültig alles. Gleich auf dem Fuße folgt mein absoluter alltime Favorit "747 (Strangers In The Night)" - und auf einmal ist er da, der Adler in voller Pracht, und untermalt das Drama vom irregeleiteten Flugzeug mit massiven Lichtattacken. Wunderbar, herausragend. Dafür sind Festivals gemacht. Nach dem obligatorischen "Wheels Of Steel" (unkaputtbar) machen sie kurz Schluss, aber klaaaar fehlt da noch was - das melodische Intro lässt nicht mehr länger auf sich warten, und wie jedes Mal vergisst man beim musikalischen Genuss von "Crusader" den komplett eindimensional-naiven Text und skandiert wieder mit: "fight the good fight!". "Strong Arm Of The Law" brilliert, und nach einem weiteren kurzen Gespräch mit Horst (dem sie zumindest angabegemäß versprochen haben, ohne Gage zu spielen...) meint Biff "Mr Quinn, play them my favourite song!" "Princess Of The Night" hat die Zeit strahlend überlebt, seit wir das auf dem Schulhof des Julius Echter Gymnasiums auf einem kleinen Kassettenrekorder hörten - bis hier auf die Balinger Bühne ist nichts verloren gegangen. Das ist dann doch groß.

Wir schauen noch kurz in der Halle bei den Apokalyptischen Reitern vorbei - die sorgen für durchaus volles Haus und knüppeln ihre Gassenhauer wie "Du Kleiner Wicht" fröhlich in die Menge. Aber für zwei ältere Männer ist das dann doch zu viel des Guten. Aus für heute, gute Nacht, Grottental wir kommen.

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