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Special

Because it's Loud and Crazy! - Metal und Wrestling (Pt.2)

Zurück zum ersten Teil des Specials

Für alle, die auch noch den Glauben an den Osterhasen bewahrt haben: Wrestling, die Formate der WWE und aller anderen großen Organisationen sind Action-Soaps. Das, was im Fernsehen bei den Matches täuschend "echt" rüber kommt, sind Moves, die die Wrestler in jahrelangem Training so erlernen müssen, dass eigene und Verletzungen des Gegners, wenn irgend möglich, vermieden werden. Die Wrestler sind absolute Profis in ihrem Fach. Diejenigen, die eigene und Moves des Gegners, die richtig einzustecken, eine Kunst für sich ist, am besten verkaufen können, haben die besten Chancen, im Biz Erfolge zu feiern. Allerdings gehören Verletzungen, trotz alledem, zum Wrestling-Alltag. Selbst der durchtrainierteste Körper kann beispielsweise bei einem Sturz aus drei Metern Höhe auf einen Holztisch einen kleineren oder leider auch größeren Schaden davon tragen. Und die Akteure stehen dabei fast jeden Tag im Ring. Neben herausragenden physischen Fähigkeiten muss der Superstar, der es bis an die Spitze schaffen will, außergewöhnliche Entertainer-Qualitäten mitbringen. Charisma ist alles und hier schält sich eine weitere augenscheinliche Parallele zum Metal heraus. Es wird verlangt, Abend für Abend Tausende von Menschen zu unterhalten. Die "Arbeit am Mic" will in diesem Sinne genauso perfektioniert werden, wie die eigentliche Action im Ring. Im Folgenden stehen daher einige, in der Geschichte des Wrestlings einzigartige Entertainer im Brennpunkt, anhand deren Erscheinung, deren Habitus, deren tiefer liegendem (sozialen) Modell-Charakter und deren Wirkung auf das Publikum sich überraschende Entsprechungen im Bereich des Heavy Metal und Hard Rock aufzeigen lassen.

Einer der größten Stars der 80er, der sich mittlerweile als (recht konservativer) Politiker einen Namen gemacht und dem Wrestling gänzlich den Rücken gekehrt hat, ist ohne Zweifel Bryan James Hellwig, besser bekannt als The Ultimate Warrior. Selten hat die Wrestling-Welt einen solchen, fast übermenschlichen Ringcharakter gesehen. Der muskelbepackte ehemalige Bodybuilder enterte 1987 die damalige WWF im Sturm, was in diesem Fall durchaus wörtlich zu nehmen ist. Unberechenbar, unzähmbar, hyperaktiv-dynamisch und mit animalischer Wildheit ausgestattet rannte er stets in vollem Tempo zu seinen Matches über die Rampe in den Ring. Weitere typische Trademarks waren die je nach Match wechselnde "Kriegsbemalung", Fransenstiefel (wie Blackie Lawless sie heute noch trägt) und seine Interviews, in denen er vom grollenden Flüsterton abrupt zu markerschütternden Urschreien und Death Metal-artigen Growls wechselte. Jesse Ventura verpasste ihm schon am Anfang der Karriere den Nickname "The Ultimate Maniac", was sicher keine Untertreibung darstellte.
Warrior
Beim Summerslam 1988 (neben der Survivor Series, WrestleMania und dem Royal Rumble bis heute eine der vier wichtigsten Großveranstaltungen in der WWE) fiel Brutus "The Barber" Beefcake als Herausforderer des Intercontinental Champions Honky Tonk Man aus. Ein Ersatz wurde vorher nicht angekündigt. Erst als Ringsprecher Howard Finkel lange die Worte "And his opponent..." im Raum stehen ließ und das Metal-Riff des Entrance-Songs des Warriors die Stille durchschnitt, wurde klar - auch dem sichtlich schockierten Honky im Ring -, wer sich hier um den Titel bewarb. Der Warrior stürmte wie der losgelassene Zerberus zum Ring, zeigte seinen Gorilla Press (einen Move, bei dem der Gegner wie beim Gewichtheben hoch in die Luft gestemmt und fallen gelassen wird) bzw. seinen Body Press mit vorherigem Schwung aus den Seilen und pinnte den völlig überforderten Honky Tonk Man innerhalb von nur 31 Sekunden. An diesem Abend im Madison Square Garden wurde eine Wrestling-Legende geboren. Der Warrior hatte in der Folgezeit großartige Matches gegen "Ravishing" Rick Rude um den Intercontinental Titel, doch erst bei WrestleMania VI wurde der Charakter, der bis heute keinen Funken seiner Faszination eingebüßt hat, unsterblich. Ein Jahr zuvor war es bei WrestleMania V zum Aufeinandertreffen der ehemaligen Tag-Team-Partner und "Brothers" Hulk Hogan und "Macho Man" Randy Savage, der Mega Powers, gekommen. Savage wurde im Vorfeld als Heel aufgebaut, dem vom Publikumsliebling Hogan der World Heavyweight Titel entrissen wurde. Eine ähnliche Storyline war von den Bookern für WrestleMania VI vorgesehen. Auch der Warrior bestritt vorher Matches an der Seite Hogans und sollte nach dem Split den "Bad Guy" mimen, dessen Anhänger, die "Little Warriors", scheinbar in Verbindung mit den Mächten des Bösen standen, gegenüber den politisch-korrekten "Hulkamaniacs". Doch die dunklen Geheimnisse, das Rohe, das die Figur des Ultimate Warriors umrankte, wirkte auf die Fans mindestens genauso attraktiv, wie der Hulkster. Und so geschah es, dass, entgegen der Erwartungen, dem Warrior bei WrestleMania VI ähnlich viele Fans zujubelten wie Hogan. In einem der großartigsten Matches der Wrestling-Historie bezwang der Warrior Hogan, wobei ein zusätzliches Novum darin geschaffen wurde, dass es das erste Mal in Hogans WWF-Karriere passierte, dass er von einem Kontrahenten auf faire Art und Weise besiegt wurde.
Warrior
Für den Theme Song des Ultimate Warrior zeigte sich einer der (bis heute) Chef-Komponisten der WWE verantwortlich: Jim Johnston. Die schiere Unbesiegbarkeit, die Wildheit am Rande des Wahnsinns und vor allem die Dynamik des Charakters sollten sich in seiner Erkennungsmelodie widerspiegeln und so schrieb Johnston für den Warrior einen harten Metal-Song im Stile von Priests "Electric Eye" oder "The Sentinel". Johnston beschreibt seine Vorgehensweise folgendermaßen:
"Wir haben also einen 'neu heraus gebrachten Typen' oder 'einer bricht aus einem Tag-Team aus und benötigt die entsprechende Musik'. Es ist, wie einen Film zu instrumentieren. Ist er der 'Gute' oder der Bad Guy? Ist er leicht und schlank und bewegt sich schnell, bestimmt das ein auch ein schnelleres Tempo; oder er ist ein schwerfälliger Typ, in welchem Fall man einen heavy, Der-Zorn-Gottes-kommt-über-uns-Sound benötigt." (The Reigning Champs of Crunch-Time Composing von David Weiss; www.mixonline.com; Übers. Fuxx)
Im Falle des Warriors entschied sich Johnston sowohl für Uptempo als auch für einen heavy Sound. Doch auch die Figur des Warriors, eines Kriegers, der die Götter heraus fordert, eines übermenschlichen Helden, der immer wieder aufsteht und sich von keiner noch so großen Übermacht an Feinden schrecken lässt, ist ein Motiv im Metal-Bereich, das in unendlich vielen Songs mit Nachdruck zur Geltung gebracht wird und so manches Cover ziert. Im Black Metal-Bereich gehören Songs über Krieger zum guten/bösen Ton; man vergleiche dazu bspw. Sons of Northern Darkness von Immortal oder Keep Of Kalessins Kolossus. Amon Amarth sind ohne ihre Inszenierung als nordische Krieger kaum denkbar und allen voran stehen selbstredend Manowar als die "Kings of Metal" mit ihren Anhängern, den "Warriors of the World", und ihren Covern, die den Man-o-War, den Warrior bildlich verewigten (der frappierende Ähnlichkeiten mit dem Ultimate Warrior aufweist), an der Spitze einer Subströmung im Metal, die viel mit unerschütterlicher Ehre, Unbeugsamkeit und eben auch Heldenverehrung zu tun hat.
Warrior
Dazu kommen die zahlreichen Bands, die den Begriff des "Warrior" im Namen führen: Warrior (US), Warrior (UK), Spartan Warrior, Beast Warrior, Blood Warrior, Dragon Warrior, etc. Sowohl Metal- als auch Wrestling-Fans scheinen von diesem Charakter außerordentlich fasziniert zu sein bzw. werden durch ihn inspiriert.

Gänzlich anders verhält es sich mit dem "Heartbreak Kid" Shawn Michaels. Michael Shawn Hickenbottoms (da musste ein Künstlername in jedem Falle her!) Karriere in der WWE ist wohl mit keiner eines anderen Superstars vergleichbar; allein schon durch den Fakt, dass er von 1988 bis ins letzte Jahr hinein aktiv war, ohne sich auch nur einen Deut zu schonen oder im Ring nicht mehr die volle Leistung und äußerst gefährliche Moves zu bringen. Bereits seine Anfänge standen im Zeichen des Hard Rock, feierte er doch an der Seite von Marty Janetty mit dem Tag-Team "The Rockers" große Erfolge (allerdings ohne die Titel dabei zu gewinnen). Der erste Durchbruch als Einzelwrestler gelang ihm, als er sich von Janetty trennte (er warf denselben bei einer Ausgabe von Brutus "The Barber" Beefcakes "Baber Shop" durch einen riesigen Wandspiegel) und sein Image komplett veränderte. Aus dem Typen, den man gern zum Schwiegersohn haben möchte, wurde "The Heartbreak Kid", "The Sexy Boy", ein an Selbstverliebtheit und Arroganz kaum zu überbietender Poser vor dem Herrn, der zunächst nur bei den weiblichen Fans einen gewissen Grad an Beliebtheit verzeichnen konnte. An seine Seite wurde in den ersten Monaten das Valet "Sensational" Sherri (später u.a. auch Pamela Anderson und Jenny McCarthy!) gestellt, die jedoch 1993 durch Michaels "Personal Bodyguard" Diesel (Kevin Nash) ersetzt wurde. Als mehrfacher Intercontinental Champion musste er später im gleichen Jahr unter dem Vorwand, dass er den Titel nicht oft genug verteidigt hatte, denselben nieder legen und verließ daraufhin die damalige WWF. Die Hintergründe sind bis heute nicht ganz geklärt, so wurde kolportiert, dass Shawn des Steroid-Missbrauchs überführt wurde, was dieser jedoch bis heute heftig bestreitet. Doch schon wenige Monate später kehrte er in den WWF-Ring zurück und begann eine am Mic genial geführte Fehde mit Razor Ramon (Scott Hall), die in einem hinterher kaum mehr erreichten Leiter-Match bei WrestleMania X gipfelte.
Shawn
Dieses Match legte auch den Grundstein für den Turn vom arroganten Heel zum jedoch keinesfalls weniger selbstbewussten Baby-Face (Publikumsliebling), denn die Fans erkannten, dass da einer war, der alles für seinen Job gab, unglaubliche Bumps (Aufschlagen auf der Ringmatte bzw. auf dem Hallenboden) einstecken konnte und all seine Energie (und davon hatte der "Heartbreak Kid" reichlich) darauf verwendete, seinem Ziel, seinem Kindheitstraum, World Heavyweight Champion in der damaligen WWF zu werden, näher zu kommen. Sein prestigeträchtiger Gewinn des Royal Rumble 1995 trug dazu bei, in der Gunst des Publikums weiter aufzusteigen und beim Summerslam des gleichen Jahres wurde Shawn im Leiter-Rückmatch mit Razor genauso frenetisch bejubelt wie jener. Michaels verließ dieses Mal als Sieger den "Squared Circle". 1996 gewann er erneut den Rumble, jedoch mit dem Unterschied, dass er als erster von 30 Teilnehmern in den Ring steigen musste und bis zum Ende übrig blieb - ein Exempel schieren Willens und Durchsetzungsvermögens. Bei WrestleMania XII ging der Traum des kleinen Jungen aus Texas in Erfüllung. Nachdem Shawn gleich Paul Stanley an einem Seil über die Zuschauer hinweg in den Ring "geflogen" gekommen war, lieferte er sich dort mit dem Champion Bret "The Hitman" Hart (neben Warrior vs. Hogan) das vielleicht beste Match der letzten 25 WWE-Jahre. Angesetzt als "Iron Man Match", in dem die Pins, die innerhalb von 60 Minuten erfolgen, addiert werden, stand es am Ende 0:0. In der Verlängerung erfolgte der Superkick, der zuvor mehrmals von Bret Hart weg gesteckt worden war, ein letztes Mal und traf sein Ziel. Shawn Michaels wurde WWF-World Heavyweight Champion. Doch dieser Zeitpunkt markiert erst die Hälfte der WWE-Karierre des "Heartbreak Kid".
Shawn
Er gründete in den Folgejahren zusammen mit Triple H die legendäre "Degeneration X", die sich gegen McMahon auflehnte und den Chairman, wo immer es ging, durch den Kakao zog. Er lieferte sich unvergessliche Fehden u.a. mit Diesel, später "Stone Cold" Steve Austin, The Rock, auch Triple H, Mick Foley, Chris Jerico und nicht zu vergessen mit dem Undertaker, gegen den er 2009 und 2010 bei WrestleMania antrat, jedoch die "Streak" des Takers nicht beenden konnte und wie so viele vor ihm als Verlierer die Halle verlassen musste. Beide Matches wurden in allen wichtigen Wrestling-Magazinen zum jeweiligen "Match of the Year" gewählt und erst nach dem zweiten, letztes Jahr bei WrestleMania XXVI, verkündete Shawn Michaels seinen finalen Rücktritt vom Professional Wrestling. Eine bewegte Karriere. Shawn gilt heute als einer der größten Superstars aller Zeiten.
Das Image des "Heartbreak Kid" war von Anfang an wie gemalt für Michaels. Gut aussehend, lange blonde Haare, durch trainiert, ohne dabei aus den Muskeln kaum mehr heraus zu sehen, versprühte er geradezu Sex-Appeal und gab sich am Mic als höchst eloquenter, doch jederzeit in sich selbst verliebter Sonnyboy. Die ersten Zeilen seines Entrance Songs lauten: "I make 'em hot, I make 'em shiver, their knees get weak, whenever I'm around.", vorgetragen in einem lasziv-angelegten Hard Rocker voller Machismo, gespickt mit einem genialen Gitarren-Solo. Eine ganze Generation von Rockern pflegte diesen Stil: der Glam Rock, der Sleaze Rock, Cock Rock, Hairspray Rock, etc. darf mit gutem Gewissen als die Musik-Richtung bezeichnet werden, aus der der Charakter des "Heartbreak Kid" ursprünglich stammt.
Shawn
Schon Paul Stanley sang unzweideutig "You pull the trigger of my... Love Gun". Für Sex-Appeal gepaart mit einem Schuss Überheblichkeit stehen solche Größen des Hard Rock wie David Lee Roth, Bret Michaels von Poison, Tommy Lee, Nikki Sixx und Vince Neil von Mötley Crüe (über Mick Mars ließe sich in diesem Sinne diskutieren), David Coverdale oder Steven Tyler. Es ist die Vorstellung des wilden Rockers, der nur mit den Fingern zu schnippen braucht, und alle Mädels fangen an zu kreischen bzw. lassen bildlich gesprochen und in concreta die Hüllen fallen. Starappeal fasziniert! Warum sonst wären sämtliche Käseblätter voll von Stories über VIPs der Unterhaltungsbranche? Es ist die Sehnsucht nach einer Welt voll von Glitter und Glamour, die im Zuschauer geweckt wird; dass die Realität der Stars und Sternchen sich oft gänzlich von der Imagination unterscheidet, fällt dabei kaum ins Gewicht. Im Gegenteil: Affären, Skandale, Fehltritte gehören dazu und sind erst das sprichwörtliche Salz in der Suppe. Shawn Michaels wurde als Rockstar, wie er im Buche steht aufgebaut; blickt man hinter die Fassade erscheint jedoch ein Typ, der sein Leben lang darum gekämpft hat, den Leuten das zu geben, nach dem sie verlangen: Entertainment pur! Doch man frage bei Diamond Dave, Sebastian Bach, Kip Winger, Michael Monroe und all den anderen nach, wie steinig sich der Weg zum Ruhm gestaltet. Die Rolle des Entertainers muss genauso gelernt werden, wie es für den Gitarristen gilt, in endlosen Sessions Licks und Tonleitern zu üben. Die Glitzerwelt, die Shawn Michaels in jahrelanger Arbeit um sich herum kreiert hat, ist die des glamourösen Hard Rocks. Die Faszination, die davon für die Fans ausgeht, ist ein und dieselbe.

Die blitzlicht-geschwängerte Welt des Glamours ist mitnichten die des "Stone Cold" Steve Austin. Obwohl? In seinen Anfangstagen in der WCW (Debut 1991) als "Stunning" Steve Austin versuchten die Booker ihm das Image eines kalifornischen Sonnyboys zu verpassen, was sich über seine Mitgliedschaft in Paul E. Dangerouslys (Paul Heyman; späterer Besitzer der ECW) Dangerous Alliance hinzog und vor allem als Tag-Team-Partner des leider viel zu früh verstorbenen "Flying" Brian Pillman (nicht zuletzt durch den Einsatz der Valets Vivacious Veronica und "Lady Blossom" an Steves Seite) als die "Hollywood Blondes" zum Tragen kommen sollte. Doch schon in dieser Zeit, in der Austin mehrfache TV-, US- und Tag-Team-Title-Regentschaften für sich verbuchen konnte, wurde deutlich, dass ihm der Charakter des schnieken Stars kaum entsprach, denn er fiel in seinen Matches weniger durch spektakuläre Aktionen als durch gnadenlose Härte und kontinuierliche Regelbrüche auf.
Nach einem kurzen Gastspiel in der ECW (Extreme Championship Wrestling), von der später noch die Rede sein wird, heuerte Austin bei Vince McMahon an. Doch selbst dieser dürfte anfangs keine Vorstellung davon gehabt haben, welch Potential in Austin schlummerte, ganz zu schweigen davon, dass er sich mit Steve denjenigen ins Haus geholt hatte, der im späteren Verlauf seiner Karriere in der Rolle als McMahons "Staatsfeind No. 1" die Wrestling-Welt für immer umkrempeln sollte. Nachdem der Erfolg als Schützling des "Million Dollar Man's" Ted DiBiase unter dem Namen "The Ringmaster" ausblieb, beschloss McMahon, Austin sozusagen Narrenfreiheit, was die Gestaltung seines Charakters anbelangte, zu gewähren. Mit auf den Weg wurde ihm jedoch das große Wort "Anarchie" gegeben und Austin lebte diese in den nächsten Jahren in vollen Zügen aus. Als er beim 96er "King of the Ring"-Turnier zuerst Marc Mero und dann im Finale Jake "The Snake" Roberts ausschalten konnte, richtete Austin an den mittlerweile Wiedergeborenen Christen Roberts die in die Annalen der WWE eingegangenen Worte: "You sit there and you thump your Bible, and you say your prayers, and it didn't get you anywhere! Talk about your psalms, talk about John 3:16... Austin 3:16 says I just whooped your ass!" "Austin 3:16" wurde daraufhin (neben The Rocks "... if you smelllllllllll... what the Rock is cookin'!") die bekannteste Catch Phrase (ein Satz, ein Spruch, ein Schlagwort, das vom Wrestler immer wieder eingebaut wird, so explizit bei den Zuschauern hängen bleibt und in entsprechenden Live-Interviews mitgebrüllt werden kann) aller Zeiten, dicht gefolgt von Austins gängigem Interview-Schluss "...because 'Stone Cold' said so!" und dem, sein Gegenüber rüde unterbrechenden und der Lächerlichkeit preisgebenden "What!?", welches in Austins Hochzeit bis in politische Veranstaltungen, Konzerte, Sportevents vordrang, wo es von den Zuschauern immer dann angestimmt wurde, wenn ein Redner mal wieder allzu viel Nonsens verzapfte.
Stone Cold
Doch entwickelte sich Austin nicht von heute auf morgen zum Publikumsliebling. In der Gunst der Fans standen zu dieser Zeit, 1997, Shawn Michaels und auch Bret "The Hitman" Hart ganz oben. McMahon ließ Austin gegen Letzteren fehden und Steve entpuppte sich nach und nach als Genie am Micro, das keinen Joke, keinen noch so derben Witz, keine schlüpfrige Anspielung ausließ, um seinen Gegner - in diesem Fall den "Shitman" - vor den Zuschauern bloß zu stellen. Im Zeichen des Anarchos wurde ihm sogar erlaubt, seinen Kontrahenten den viel zitierten "Stinkefinger" zu zeigen, was ein weiteres Trademark "Stone Cold"s wurde. Doch wie in allen anderen Fällen, in denen ein Wrestler zum absoluten Superstar aufstieg, bedurfte es auch hier eines besonderen Matches, um nachhaltig Eindruck zu hinterlassen. Bei WrestleMania XIII traf Stone Cold nun auf den Hitman in einem Submission- (Aufgabe-) Match, um die monatelang andauernde Fehde zu einem Ende zu bringen. Beide schenkten sich nichts und das Match wurde sowohl von Bret Hart als auch von Austin mit äußerster Härte geführt. Gegen Ende hin holte sich Steve einen tiefen Cut auf der Stirn, wonach sein Gesicht innerhalb von kürzester Zeit (genauso wie weite Teile der Ringmatte) blutüberströmt war. Es gelang dem Hitman gegen den geschwächten Austin seinen Finishing Move, den "Sharpshooter" (ein Aufgabegriff, bei dem der Gegner auf den Bauch gedreht wird und man sich rittlings auf ihn setzt, fest dessen Beine umklammert und so das Kreuz überstreckt), zu zeigen. Doch Austin weigerte sich partout aufzugeben, während die Kameras immer wieder die blutige Maske, die einmal Steves Gesicht gewesen war zeigten. Nach langen Minuten im "Sharpshooter" wurde "Stone Cold" schließlich ohnmächtig und somit kampfunfähig. Damit hatte der Hitman gesiegt, doch löste dieser daraufhin den Aufgabegriff nicht sofort und malträtierte den leblosen Austin später mit Tritten und Schlägen weiter. Als Bret endlich abgezogen war, verscheuchte der langsam ins Leben zurück kommende Austin jeden, der ihm Unterstützung anbot, und schleppte sich in die Backstage Area, wo er dann sogar fluchend auf medizinische Hilfe verzichtete. Mit diesem Match wurde Austin zu einem der größten Publikumslieblinge aller Zeiten, während Bret Hart, ganz zu seinem persönlichen Missfallen (wie er es unter anderem in der Doku "Wrestling with Shadows" deutlich macht), die Rolle des Heel annehmen musste. Das Besondere im Falle Austins war jedoch, dass dieser sein Auftreten dadurch in keinster Weise änderte. Er wurde als absoluter "Bad Guy" zum "Good Guy". Die Leute standen auf die vom Charakter ausgehende, völlig unberechenbare und gänzlich respektlose Ausstrahlung. Austin machte das, wonach ihm gerade der Sinn stand, brach weiter alle Regeln (nicht nur im Ring), perfektionierte seine unflätige Ausdrucksweise und wurde so gleichzeitig zum Enfant terrible der WWE und zum Gesicht der so genannten "Attitude"-Ära, die zusammen fiel mit den allwöchentlichen "Monday Night Wars" gegen die WCW und die wie zuvor die "Hulkamania" in den 80ern einen unglaublichen Wrestling-Boom auslöste.
Stone Cold
Nachdem Austin aus einer Fehde mit dem damals noch als Heel auftretenden The Rock siegreich hervor gegangen war und den 98er Royal Rumble gewinnen konnte, nahm er bei WrestleMania XIV Shawn Michaels den World Heavyweight Title ab. Doch Vince McMahon zeigte sich alles andere als von "seinem" neuen Champion begeistert und setzte alles daran, Austin das Leben schwer zu machen, was jedoch in den meisten Fällen nach hinten losging. Steve zerstörte beispielsweise mit Hilfe seines Pick Up-Trucks die Limousine des Chefs, ließ sich aus dem Zuschauerraum Bierbüchsen zuwerfen, die er im Ring zuhauf leerte, verpasste jedem - Kommentatoren, Ringrichtern, Offiziellen - seinen Finishing Move, den "Stone Cold Stunner" und schreckte selbst nicht davor zurück, McMahon selbst tätlich anzugreifen. Vince dürfte derjenige in der WWE sein, der die meisten "Stunner" über die Jahre hinweg einzustecken hatte. Beim Summerslam '98 konnte Steve sogar den Undertaker besiegen, der als einer von vielen auf Austin angesetzt worden war. In einem Storyline-Segment kidnappte Steve Vince, doch ließ diesen bis zu seiner Zurschaustellung im Ring über die Umstände im Ungewissen, sodass McMahon, der, wie sich hier deutlich zeigt, sich für nichts zu schade ist, wenn es um die Company geht, sich vor Angst in die Hosen machte. In einem Steelcage-Match gegen Austin beim St. Valentine's Day Massacre 1999 gelang McMahon ein wichtiger Prestigeerfolg, als Paul Wight, der ehemalige "Giant" der WCW und der spätere "Big Show" unter dem Ring hervor kam, um Austin mitsamt dem Stahlgitter (!) auf den Hallenboden zu schmettern, wodurch dieser verloren hatte. Doch schon bei WrestleMania XV im gleichen Jahr konnte Austin Rache üben, indem er McMahons damaligem "Corporate Champion" The Rock den Titel abnahm. In der Folgezeit legte sich Austin mit allen großen Superstars des Wrestlings an: The Rock, Mick Foley (dem er jedoch als einem der wenigen Respekt zollte), Triple H, Kane, Ric Flair, Shawn Michaels...; doch über allem stand die Langzeitfehde mit Vince McMahon. Establishment gegen Outlaw. Die da oben gegen den da unten, denn, anders als im Falle von Gruppierungen, die sich gegen die Bosse auflehnen (Degeneration X, die n.W.o.), probte hier ein Einzelner den Aufstand und hielt die Anzugträger ein ums andere Mal zum Narren.
Von daher lässt sich der Bogen zum Metal einfach spannen. Allein schon der Name "Stone Cold" weckt metallische Assoziationen. "Stone Cold" Steve Austin ist bis heute die Verkörperung von Rebellion. Der Metal entstand als musikalische Spielart aus der Arbeiterklasse heraus, als Ventil, um der Wut über die Zustände im Thatcher-England Ausdruck zu verleihen. Metal ist Musik aus dem Volk fürs Volk, wie Steve Austin einen Charakter aus dem Volk verkörpert, der sich allein mit den Zuschauern, dem Volk, wenn man so will, verschwor (und bis heute verschwört; dieses Jahr trat er bei WrestleMania XXVII auf und zeigte dort mehrere "Stunner" gegen alles, was nicht bei drei auf den Bäumen war), um gegen Vince und damit gleich die ganze Company anzugehen. Er kam des Öfteren im Pick Up-Truck als Arbeitersymbol zum Ring und trank dort ein Dosenbier nach dem anderen, so als ob er sich in seiner Stammkneipe um die Ecke befinden würde.
Stone Cold
Als Kunstfigur blieb er stets authentisch, bodenständig, er selbst und sagte jederzeit frei heraus, wonach ihm der Mund stand. Diese ehrliche, entwaffnende Art ist auch in weiten Teilen der Metal-Szene zu finden. Vornehmlich fällt einem dazu die Thrash-Metal-Bewegung, insbesondere hier in Deutschland ein. Gibt es eine ehrlichere Haut als Gerre von Tankard? Mille von Kreator hat in seiner gesamten Karriere nie ein Blatt vor den Mund genommen, wenn es um Anliegen der arbeitenden Bevölkerung ging. Kreator waren in ihrem Kern stets eine durch und durch anarchische Band: "Everyone against everyone. Chaos!"
Austin outete sich zudem nicht nur durch sein äußeres Erscheinungsbild - Glatze, schmucklose, schwarze Lederweste, schwarze Springerstiefel - als Rocker. Es ist zwar nicht ganz geklärt, ob erwähnter Jim Johnston auch für den Theme Song von "Stone Cold" ursprünglich (später spielten Disturbed den Titel als "Glass Shatters" neu ein) verantwortlich war - Zakk Wylde beansprucht nämlich die Credits für sich -; auf den Charakter maßgeschneidert ist der an Panteras "Walk" oder die eine oder andere Nummer von Crowbar erinnernde Track allemal. Nachdem der Sound zersplitternden Glases Austins Erscheinen ankündigt, entspinnt sich im Midtempo ein schweres Thrash-Riff, das alles, was sich ihm in den Weg stellt, nieder zu walzen droht.
Im Jahre 1998 erschien zudem eine Compilation mit dem Namen Steve Austin's Stone Cold Metal, auf der sich eigens von Steve ausgesuchte Songs befinden, um so gezielt seine Fans anzusprechen, die zumindest nach der Meinung Vince McMahons, der bei der Veröffentlichung der Compilation natürlich auch seine Finger im Spiel hatte, zu einem Großteil aus dem Metal-Lager stammen. Darauf enthalten sind u.a. "Balls To The Wall" von Accept, "Rock You Like A Hurricane" und "No One Like You" von den Scorpions, Def Leppards "On Through The Night", Purples "Perfect Strangers", "Rainbow In The Dark" von Dio, Dokkens "Breakin' The Chains" und selbstredend "Stone Cold" von Rainbow. Die Auswahl überrascht durch die 80er-Lastigkeit, sodass man durchaus zum Schluss kommen kann, dass es sich tatsächlich um eine persönliche Auswahl an Lieblingsnummern des "80s' Child" Steve Austin handelt. Selbst hier macht Austin also seinen absoluten Anspruch, auf die Freiheit, das zu tun, wonach ihm der Sinn steht, geltend.

Zusammenfassend lässt ich also die Behauptung aufstellen, dass Austin wie kein anderer Wrestler vor oder nach ihm Unabhängigkeit verkörpert. Damit ist Austin Metal in Reinform. Seine ganze Aura ist die des Rebellen der Neuzeit, der sich auf intelligente Art und Weise, jedoch mit allen erforderlichen Mitteln, mit nachdrücklicher Härte gegen ausgemachte soziale Regeln und Seilschaften stemmt. Der scheinbar willkürlich jene, deren Macht auf solchen Restriktionen beruht, sprichwörtlich vor den Kopf stößt, der den Mittelfinger zu seinem Markenzeichen gemacht hat und so auf einer Linie mit dem liegt, was Metal in seiner ursprünglichen, rohen Form bedeutet; nämlich sich nicht vom Überbau einschläfern zu lassen, aufrecht und unbequem durchs Leben zu gehen und soziale Schieflagen und Ungerechtigkeiten nicht einfach zu schlucken, sondern diese scharf anzuprangern. Anders als in den beiden vorher erwähnten Beispielen steht Austin für eine individuelle "Ich finde mich mit den Zuständen nicht ab!"-Einstellung, für das Lebensgefühl, das Heavy Metal für den Einzelnen sein kann. "Austin 3:16 says, I just whooped your ass!"

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Weitere Bildquellen:

- Abb. 1: www.pwpix.net
- Abb. 2: www.ifight365.com
- Abb. 3: www.theageofconsent.blogspot.com/2009/05/my-all-time-top-10-favorite-wrestlers.html
- Abb. 4: www.ring-rap.com
- Abb. 5: www.garyttpoirier.blogspot.com/2011/03/wrestlemania-showcase-of-immortals.html
- Abb. 6: www.s898.photobucket.com
- Abb. 7: www.wweenjoy.blogspot.com
- Abb. 8: www.fanpop.com
- Abb. 9: www.germanwebwrestling.foren-city.de

Zum dritten und letzten Teil des Specials

Fuxx

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