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Konzert-Bericht

Holly Johnson

Technikum, München 09.12.2014

"In Xanadu did Kubla Khan a pleasure dome erect!" Wir schreiben nicht das Jahr 2200 (das war bei Enterprise), sondern 1984, und Samuel Taylor Coleridge, seines Zeichens Flaggschiff der englischen Romantik, erfreut sich bei den jungen Wilden der englischen Musikszene bester Beliebtheit: Steve Harris und seine Mannen rezitieren auf ihrem Jahrhundertwerk Powerslave den Rime Of The Ancient Mariner in voller epischer Länge - und die britischen Rabauken, die sich nach einem Plakatmotiv zu Frank Sinatras Aufbruch in die Filmwelt benennen, eröffnen ihren Reigen der S&M-Dekadenz mit einem Zitat aus Kubla Khan (wobei es im Original etwas gediegener heißt "a stately pleasure dome decree", aber lassen wir die Kleinigkeiten). Während Maiden noch Jahrzehnte danach vollkommen zu Recht die Arenen füllen (nachdem sie, wie von mir wiederholt wortreich und unwiderlegbar dargestellt, die beste Band der Welt sind und immer sein werden), teilen Coleridge und Frankie allerdings das gleiche Schicksal: kometenhafter Aufstieg und dann die Erfahrung des goldenen Reiters - der bekanntlich abfiel. 1984 dominieren Frankie Goes To Hollywood die Charts wie keiner zuvor, drei Hitsingles in einem Jahr, kalkulierte Provokation ("Relax" wird vom BBC-Radio-DJ aufgrund des expliziten Inhalts entsetzt mitten im Lied gestoppt, das Video wird verboten - und dadurch zum Kult) und ein Bombast-Sound sondersgleichen definieren den 80er-Pop ikonenhaft. Das zweite Album ist düster, nicht mehr so erfolgreich, man verkracht sich, Ruhe im Karton. Wenn sich dann überraschend die Chance ergibt, den Fronter dieser einstigen Skandalkombo auch einmal Auge in Auge zu sehen, wo ich doch alles verwettet hätte, dass keiner von den Herren mehr unter den Lebenden weilt, da sind wir doch dabei.

An der Tonhalle hängt ein schwindliger Zettel, das Happening sei ins naheliegende Technikum verlegt, also gehen wir einmal ümme Ecke und sind schon da - das ist ein hübscheres Wohnzimmer, sehr gepflegt und mir somit völlig unbekannt. Insgesamt 500 Nasen sind angerückt, und beim Blick ins Publikum bin ich dann doch ein wenig enttäuscht: statt deftiger Lederklamotten und pfauenhafter Hemden tummelt sich überwiegend Bayern 3-Publikum, dem man ansieht: Herbert, heute gehen wir mal weg! Der harte Kern, der damals in einschlägigen Clubs verkehrte (beachten Sie bitte auch das feine Wortspiel!), der ist deutlich in der Minderzahl, und mittlerweile respektabel verpartnert. Mit Maiden-Shirt (siehe oben, wobei die Verbindung glaube ich niemand verstanden hat) werde ich bestaunt wie ein Tier im Zoo, äußerst amüsant. Bevor es losgeht, stiehlt man uns leider wieder eine Stunde unseres Lebens - ein "DJ" führt uns "Musik" vor, ein Grundprinzip, was ohnehin schon unverständlich ist (was ist die Kunst dabei, CDs in einen Player zu legen?) und spätestens nach 30 Minuten zu Unmutsbekundungen führt ("kann man dem nicht den Strom abstellen?"). Aber das geht auch vorbei, geschäftiges Treiben (ipads am Mikroständer? Warum?), Rauch wabert über die Bühne, diverse sehr junge Musiker entern die Bühne, und los geht's mit "Atomic City", mit dem der Kollege auch 1989 sein erstes Solo-Album Blast eröffnete. Der Sound ist - nach dem sinnlosen Gehämmer zuvor umso angenehmer - tight, mit echten Instrumenten und einem Gitarristen, der sich ordentlich ins Zeug legt und seine Matte (ja!) schwingt. Der Cheffe selbst kommt mit Glitzerschuhen, Lederhose (nicht bayrisch), Ledermantel und Lederhandschuhen daher (also, geht doch), mit einer Puck die Stubenfliege-Brille, und ist stimmlich bestens aufgelegt. Er kann‘s noch, sieht für seinen Lebenswandel und Gesundheitszustand (dem Tod ist er ja grade noch einmal von der Schippe gesprungen, im Gegensatz zu einem gewissen Herrn Mercury, der da weniger Glück hatte) durchaus ordentlich aus und ist vor allem - gut gelaunt, selbstironisch und im positivsten Sinne demütig.

Er weiß genau was er hier macht, er freut sich dass die Leute da sind, parliert in brauchbarem Deutsch ("alles klar, Europa? Thank you very much for coming!") und feuert gleich als zweite Nummer seine Sternstunde heraus: "Warriors Of The Wasteland" knallt mit treibendem Takt und lauter Gitarrenlinie, die ja in den 80ern immer schön brav zurückgemischt war, dass die Formel 1-Zuschauer auch keine Angst bekommen. Weiter im Hitreigen - "the world is my oyster", lässt er uns wissen, und kredenzt uns die erwähnte Coleridge-Hommage "Welcome To The Pleasuredome". Das klingt richtig gut, macht Laune und fährt ins Beinkleid. Gleiches gilt für "Rage Hard", das in der Konservenversion fast schon sinnbildhaft für zugekleisterten Pop-Bombast stand, aber heute mit harter Kante hingepfeffert wird. Bestens, die Menge goutiert das Geschehen denn auch mit wachsender Begeisterung. Dann allerdings treten wir in die zweite Hälfte des Konzertes ein, und die ist dann leider charakterisiert von weitgehend austauschbarem, älterem oder neuerem Solo-Material. Das geht von dem alten "Love Train" über aktuelle Stücke wie "Heaven's Eyes", "Follow Your Heart" oder auch "In And Out Of Love" - das kann man alles durch die Bank sofort wieder vergessen, das ist durchaus belanglos, meilenweit weg von der Energie und dem Schrägheitsfaktor der Frankie-Sachen. Symptomatisch dafür: das ipad ("my little electronic friend", wie er es bezeichnet) muss bei den neuen Nummern als Teleprompter für den Text herhalten, witzigerweise ist das Ding nicht richtig befestigt, rutscht am Mikro herum und zwingt den Meister zu lustigen Ableseverrenkungen. Bestenfalls das atmosphärische "Europa" und die Ballade "Lonesome Town" können halbwegs überzeugen, "Americanos" plätschert dahin wie immer (und übrigens, der Laden ist hier ja gleich um die Ecke, Kollege!), und so konzentrieren wir uns eher auf das glitzerische Hemd, das er nun vorzeigt, und seine amüsante Art: "We will risk a new song, from the new album, which of course you all have heard..." "this one was on the Blast-Album, it came out on TelDec... anyone remember TelDec?" "This is our drummer, Mr Richard Bumsen Brook" "This one is about a Reeperbahn for Boys called Piccadilly".

Mit solchen kleinen Einlagen gelingt es uns, dann wieder in die erste Hälfte des Gigs vorzustoßen, die nach dem ebenfalls schwachen Frankie-Ausflug "Watching The Wildife" einsetzt - er schnappt sich eine überdimensionierte Taschenlampe, leuchtet damit ins Publikum, wie 1984 im indizierten Video, und ab die Post mit dem Stückchen, das einem genau erklärt, dass man sich erst mal locker machen muss, wenn man ihr wisst schon was will. Und jetzt tickt der Gitarrero so richtig aus, leiert sich ein schmackiges Solo aus den Rippen und verwandelt die S&M-Hymne in ein fetziges Rockthema. Respekt, meine Herren! Kurz Schichtwechsel, es fehlen, wie ich in den Umstehenden leider erklären muss, noch zwei Klassiker - und die kommen dann auf dem Fuße. Das Kalte-Krieg-Relikt "Two Tribes", schon immer mit treibendem Rhythmus gesegnet, zündet heute ein ordentliches Feuerwerk ab, wieder mit dominanter Gitarrenlinie - sehr fein. Und beim letzten Werk muss ich dann eine seit jahrzehnten verfochtene Meinung revidieren: seit ihrem TV-Auftritt mit Russenmützen schwor ich immer Stein und Bein, dass ihre Weihnachts-Kitsch-Kuschelschmuseattacke reine Parodie, fast schon Verarsche sei, bei der Einspielung derselben sie sich wohl im Studio schlapp gelacht haben. Aber wie er "The Power Of Love" heute bringt, mit Wärme und Überzeugung - das ist wirklich ernst gemeint und stimmlich der klare Höhepunkt. Reife Leistung, mein Herr! Danke fürs nochmal Vorbeischauen, es hat sich gelohnt.

Setlist Holly Johnson:
Atomic City
Warriors of the Wasteland
Welcome to the Pleasuredome
Rage Hard
Love Train
Heaven's Eyes
Follow Your Heart
In And Out Of Love
Heaven's Here
Americanos
Lonesome Town
Europa
Disco Heaven
Dancing With No Fear
Penny Arcade
So Much It Hurts
Watching the Wildlife
Relax

Two Tribes
The Power of Love

Holgi

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