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Konzert-Bericht

The Pogues

Zenith, München 06.07.2011

Tja, so kann man sich täuschen. In einigen meiner Grundannahmen zu diesem denkwürdigen Abend hatte ich ja recht: ja, die Pioniere des Irish Folk Rock sind alt geworden, teilweise so alt dass man denkt das kann doch nicht sein, und dann gar nicht mehr in den Spiegel schauen mag. Shane war da, zumindest augenscheinlich so komplett verstrahlt wie immer. Gespielt haben sie auch (fast) alles, was das Paddy-Herz begehrt. Und außerdem dachte ich, das wird sicher sehr geruhsam. Und das genau war der Fehler.

Aber beginnen wir mit dem Anfang, als der unnachahmliche Shane MacGowan 1991 aufrund chronischer Unzuverlässigkeit von den Pogues gefeuert wurde, nach der Hell's Ditch Tour, war das einfach nicht mehr dasselbe, auf der nächsten Gastspielreise vertrat ihn dann Joe Strummer, seinerzeit Produzent der Knaben, und Gott hab ihn wirklich selig, aber das war nix damals, und die eingestreuten Clash-Nummern passten so gar nicht ("London Calling" war glaube ich dabei). Und außerdem hatten sie ja ein massives Problem, da die besten Nummern eben vom Herrn Shane geschrieben sind und somit nicht dargeboten werden durften, grade mal "Dirty Old Town" war drin. Traurig, und eigentlich abgehakt, aber dann rauften sie sich halt doch noch mal zusammen, Anfang des Jahrtausends, und als man dann in diesem Jahr auch noch einen der ganz wenigen Deutschland-Gigs in München ankündigte, war die Sache klar: hingehen und noch mal abfeiern, so lange der Gute noch laufen kann.

Kurz vor dem Zenith steht schon eine rechte Schlange, aus dem Auto wird man gefragt "Alder, wo gessier sum Kesselhaus?" Junge Leut, komische Baseballkappen, seltsame Shirts - des Rätsels Lösung: im angrenzenden Kesselhaus bittet der Rapper Snoop Dogg (Bruder von Doggy Dog) zum, na weiß nicht was man da so macht, zum Kopfnicken? Auch egal, wir gehen mal eine Tür weiter, die Halle ist noch recht leer, also locker in die erste Reihe spaziert, da ist schon alles aufgebaut - keine Vorgruppe, endlich hat's mal einer kapiert, dass wir dann rechtzeitig zu Hause sind und in Ruhe die Buntwäsche noch von der Weißwäsche separieren können. So langsam füllt sich das Zenith dann doch, und als um halb neun die ersten der gefühlt 20 Bandmitglieder auf die Bühne spazieren, ist's durchaus gut besucht.

Höflichkeitsapplaus gibt's natürlich schon, als Spider Stacy (sieht immer mehr aus wie Keith Richards), Philip Chevron (kann man so einen Hut kaufen?) und wie sie alle heißen erscheinen, aber frenetisch wird's erst als ein gebeugtes Männlein mit Sonnenbrille daherwatschelt, als ob er der einzig wahre Donald Duck-Imitator wäre: er ist da, noch mal Glück gehabt, und los geht's mit "Streams Of Whiskey". Astreiner Sound, sauber gespielt, Shane gurgelt wohlig schön ins Mikro, und plötzlich rumms. Was war das? Na, hat mich halt einer gerempelt. Und noch mal. Und noch mal. Also, Herrgottsa, mal umdrehen - ich fass es nicht, hinter mir entsteht gerade ein amtlicher Moshpit, wo sich jugendliche (!) und ältere Herrschaften fröhlich durch die Gegen wirbeln. Hallo, das sind alte Männer, die a bissi Folk Rock spielen? Naa, man lässt sich nicht beirren, und die Hüpferei nimmt immer abenteuerliche Formen an, als mit "If I Should Fall From Grace With God" gleich ein Highlight folgt. Wunderbar gespielt, die Sachen sind einfach komplett unzerstörbar, was man von mir nicht behaupten kann, weshalb ich mich sukzessive nach hinten vorarbeite. Was auch gut so ist, denn so entgehe ich knapp einer kleinen Schlägerei. Mann, ihr seid hier nicht bei Slipknot! Das Gerammel (stehender Begriff meiner langjährigen Konzertmitstreiter, in keinster Weise sexuell besetzt, ok? Wäre bei den meisten Teilnehmern auch nicht erstrebenswert gewesen) erstreckt sich mittlerweile über das ganze vordere Drittel der Halle, als Shane eine coole Ansage macht: "Gutän Abänd. Sche neeggschd on isch called gschlmnokdf". Diesen Song spielt man dann wiederholt, denn so oder ähnlich wird jedes Stück angekündigt.

Wunderbar ist es allerdings, sehr schön das feine "A Pair Of Brown Eyes", diese Atmosphäre bekommen nur diese Herrschaften hin - und jetzt watschelt Donald von der Bühne, anscheinend ist ein wenig Pause angesagt, und Spider singt "Tuesday Morning". "Lullaby Of London" erzeugt wie immer feine Melancholie, "Sunny Side Of The Street" kommt schmissig rüber, aber die Sternstunde des Abends folgt dann natürlich mit der eigentlich von Eric Bogle stammenden Gallipolli-Ballade "And The Band Played Waltzing Mathilda". Was haben wir das runtergenudelt, und es ist nicht kaputtzumachen, dieses wunderbare, einfache, traurige Lied über die armen Seelen, die eine der schlimmsten Schlachten des ersten Weltkriegs geschickt wurden. Gänsehaut. Immer wieder. Auch heute. Dann marschiert Herr Chevron nach vorne, es folgt eine der wenigen verständlichen Ansagen ("This is called Thousands Are Sailing"), aber oh Schreck was ist denn das?? Das Stück, bei dem ich doch eigentlich heulen wollte wie ein Schlosshund, singt nicht Shane, sondern eben der genannte Kollege. Klar, der hat es immerhin geschrieben und kann es auch manierlich, aber ohne das Original funktioniert das nur halb so gut. Somit fällt Heulen leider aus, wobei es immer noch unvergleichlich ist, wenn ein Song über die großen Auswanderungswellen von Irland nach Amerika mit den Zeilen beginnt "The island it is silent now, but the ghosts still haunt the waves, and a torch lights up a famished man whom fortune could not save". Aber jetzt wird's wieder stilecht, Shane tapst heran und bringt ihren wohl größten Gassenhauer sicher unters Volk - was gar nicht nötig wäre, denn natürlich kennt auch der letzte in der Halle die Worte zu "Dirty Old Town". Alles andere wäre ja auch unverzeihlich. Bei "Bottle Of Smoke" und dem Reißer "Sick Bed Of Cuchulainn" fliegt die Kuh dann nochmals ganz massiv, bevor sie sich erst mal verabschieden. Ja, klar, denn das beste schönste lustigste und traurigste Weihnachtslied aller Zeiten und Universen fehlt noch, gelle?? "Sally MacLennane", "Rainy Night In Soho" und das alte Schlachtross "Irish Rover" beschließen den Reigen erneut, jetzt wird's dann aber Zeit - bei "Poor Paddy" rastet das Volk standesgemäß aus, und "Fiesta" überzeugt wie immer (und ich bleibe dabei, dass da im Mittelteil die Liechtensteiner Polka vorkommt). Shane und Spider hauen sich irgendwelche Blechdinger übern Kopf (warum, wissen sie vermutlich selbst, hoffen wirs mal), und dann ist Schicht im Schacht.

Ja. Genau. Sie ist nicht drangekommen, die "Fairytale Of New York", bei der ich doch fest vorhatte, so wie es sich gehört anständig emotional zusammenzubrechen. Ok, Fazit: ihr wohl famosestes Lied kam gar nicht dran, das zweite auf der Liste wurde nicht von Shane gesungen - also ärgern? Nein, niemals, denn der Rest war so genial, dass ich sogar das verzeihen kann. Und immerhin können wir auf DuSchlauch betrachten, wie Shane die "Fairy Tale" im Duett mit Katie Melua bei der Weihnachtsausgabe der Jonathan Ross Show intoniert. Das ist hübsch, und zwar in jeder Hinsicht.

Auf dem Rausweg tönt aus dem Kesselhaus das humpa humpa täterä, aha ist er noch zugange, der gute Snoopy. Am nächsten Tag stand zu lesen: das begann um halb elf (!!) und dauerte sage und schreibe 40 Minuten (!!). Muss man hier noch etwas hinzufügen, so in Sachen Vergleich alte Herren/gehypter Rapper, Publikumsveralberung etc.? Danke, dachte ich auch nicht.

Setlist Pogues
Streams Of Whiskey
If I Should Fall From Grace With God
The Broad Majestic Shannon
Boat Train
A Pair Of Brown Eyes
Tuesday Morning
Lullaby Of London
Sunny Side Of The Street
Repeal
Waltzing Mathilda
Body Of An American
London Girl
Thousands Are Sailing
Dirty Old Town
Bottle Of Smoke
Sickbed of Cuchulainn
---
Sally MacLennane
Rainy Night In Soho
Irish Rover
---
Poor Paddy
Fiesta

Holgi

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