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Konzert-Bericht

Iron Maiden & Rise To Remain

Olympiahalle, München 31.05.2011

Keine Angst. Dieses Mal zur Abwechlsung keine Tirade nach dem Motto "Maiden ist die beste Band der Welt". Sind sie, aber wir machen das heute anders. Und zwar so.

Es gibt ganz seltene Momente, in denen man einfach weiß: das, was man jetzt gerade tut, ist just eben genau das Richtige, und alles andere wäre verfehlt, und jeder der nicht dabei ist verpasst etwas ganz Großes. Solche Augenblicke gab es an jenem Dienstag in der Olympiahalle nicht nur vereinzelt, sondern en masse. Erstmals etwa, als ein nebenberuflicher Flugkapitän uns auf lyrischste Weise nahe bringt, wie es sich anfühlt, die Kontinente in einem silbernen Vogel zu umspannen. Oder dann, als wir der melancholischen Weise beiwohnen, in der erzählt wird, wie (vermeintlich) der Wind der atomaren Verwüstung weht. Das war unnachahmlich, unerreicht und einzig. Zu großes Kaliber für ein Metal-Konzert? Nein. Viel zu wenig. Aber es nutzt ja nichts, wir müssen es trotzdem versuchen, das in Worte zu packen.

Lange hatten sie auf sich warten lassen, die letzte Hallentour war die A Matter Of Life And Death-Gastspielreise, ansonsten beehrten die unbestrittenen Könige (Metallica? wer soll das sein?) nur die Großfestivals und boten dort schon Liedgut zum Niederknien aus ihrer besten Schaffensperiode, verpackt als Somewhere Back In Time. Wer die Reise nach Wacken nicht antreten wollte, konnte sich zumindest mit dem grandiosen Konzertfilm Flight 666 über Wasser halten, in dem es auch schon genauso um Fliegerei wie um Schwermetall ging (hab ich schon erwähnt, dass ich die Ed Force One jüngst in Edinburgh auf dem Flughafen rumstehen sah?? Echt, nicht gelogen!!). Aber das war halt nicht zu vergleichen, zumal die Herren ja eigentlich bekundet hatten, aufgrund der Strapazen keine Hallentour mehr absolvieren zu wollen. Immerhin ist man ja jenseits der 50, eine Tatsache, auf die die bürgerlich-intellektuelle Presse in ihrer teilweise durchaus hilflosen Berichterstattung später nicht müde werden wird hinzuweisen. Nun, irgendwie hat es sie aber wohl doch noch mal gepackt - vielleicht lag es daran, dass The Final Frontier immerhin eines der erfolgreichsten Alben aus ihrem Kanon geworden ist (in Oberhausen wurde die Goldene Schallplatte verliehen, wie uns Bruce informierte), oder vielleicht wollten sie den ungezählten Epigonen und Möchtegernnachfolgern noch mal demonstrieren, wie man das macht.

Egal, die Spannung war nachgerade unermesslich, die Setlist geisterte seit Monaten durchs Netz, eine gute Mischung aus neuem und altem Material, eine durchaus angemessene Spielzeit, und immer wieder begeisterte, teilweise euphorische Berichte. Dass sie live eine Macht ist, muss nicht betont werden, dass ihr Flugbegleiter Bruce stimmlich besser denn je unterwegs ist, sollte auch klar sein, also kann, darf nichts schief gehen, darf einfach nicht.

Das sehen auch die Angereisten so, die dafür sorgen, dass die Olympiahalle bis hinten raus ausverkauft ist. Daran ändert auch nichts, dass es natürlich zunächst einmal gilt, eine Vorgruppe zu überstehen. Als einzig interessanter Faktor hierbei mag gelten, dass eine gewisse Familiarität vorherrscht: durfte bisweilen Lauren Harris, die Tochter vom Cheffe, den Reigen eröffnen, springt dieses Mal Austin Dickinson mit seiner Kombo Rise To Remain über die Bretter. Die jungen Briten ballern Metalcore, der für Freunde dieser Spielart sicherlich in Ordnung geht, aber jetzt auch nicht unbedingt sein muss. Beherzt und freudig ist das Ganze, Brüllerei und Gebolze wechselt mit Melodie, und "Bridges Will Burn" kommt gut. Dickinson jr. sieht dem Papa zwar nicht sondern ähnlich, aber in so mancher Gesangslinie blitzen die guten Gene dann doch auf. Nach einer halben Stunde ist dann aber auch gut.

So und bitte seien Sie jetzt nervös. Die Halle füllt sich, die letzten Lücken werden geschlossen, und die Bühne ist rechts und links hinter dem Vorhang ohnehin schon zu erahnen, die Metalltürme aus dem "Final Frontier"-Video lassen grüßen. Punkt Neun kommen dann die Klänge von UFOs "Doctor Doctor" vom Band - das inoffizielle Intro (warum? keine Ahnung), es geht wirklich los. Licht aus, Weltraumbackdrop, rechts und links Videoleinwände, auf denen das lange, klirrende, kalte "Satellite 15" nebst bildlicher Untermalung erscheint. Dann entern ein paar Schemen die Bühne, und endlich endlich geht es mit "The Final Frontier" vollgültig zur Sache. Der Jubel ist frenetisch, die Meute geht zu den ersten Zeilen sofort steil - "I'm stranded in space", von da an gibt's kein Halten mehr. Die Bühne ist knallhell, im Raumschiff-Design, Nicko wie immer unsichtbar hinter dem monströsen Drumkit, links Dave Murray und Adrian Smith, die wie immer so kontrolliert wie virtuos ihre Kunst verrichten, daneben Obermeister Harris und Kasper vom Dienst Gers, der wie immer seine albernen Pirouetten dreht. Ja, und der gute Bruce, der steht keine Sekunde still, rast über die Aufbauten, ist überall und nirgends und dabei stimmlich besser als jeder seiner Kollegen. Aber, Freunde, aber, irgendwas stimmt nicht - es ist zu leise, zu verwaschen, nicht tight, kurz gesagt es knallt nicht richtig. Schon beim nächsten Knüppel "El Dorado" sorgt dies für ein wenig Ernüchterung, klar ist das gut gebracht, aber der Sound bläst einen nicht weg, so was das sein muss. Oh nein... bitte findet jetzt den Knopf, verdammt! Und irgendein weltmeisterlicher Mischer findet ihn. Licht aus, und dann schneidet das beste Stakkato-Riff aller Zeiten die Halle mittendurch. Mit "2 Minutes To Midnight" platzt der klangtechnische Knoten endgültig, und ab dann ist alles zu spät. Wer derartig unzerstörbares Material a) hervorgebracht hat und b) derartig massiv darbietet, der ist schlicht und ergreifend über jeden Zweifel erhaben. Dickinson ist vollkommen unangreifbar und singt in einer ganz eigenen Liga, die Instrumentalfraktion brilliert so, wie man es gewohnt ist - und das ab jetzt in einem derartig lupenreinen Sound, dass es fast schon unfassbar ist.

Und jetzt kommen sie reihenweise, die oben genannten Momente, die ein ganz klein bisschen magisch sind - zumindest für jeden, der zum Kreis der Kundigen gehört, und nicht zu den Feuilletonisten, die ihnen zwar endlich musikalische Klasse konstatieren müssen, aber unterschwellig immer wieder vorwerfen, nur alte Herren zu sein, die immer das Gleiche machen. Dass dies einfach nur Unfug ist, zeigt eben der Kontrast zwischen den alten, aggressiven, eher kurzen Nummern, und einem Stück wie dem jetzt folgenden "Talisman" - ausladend, episch, komplex und einfach nur noch genial. Und jetzt, jetzt findet Bruce auch mal Zeit, ein paar Worte an uns zu richten, berichtet von der Erfahrung, in wenigen Tagen in unterschiedlichsten Kontinenten zu spielen ("Today - India! Tomorrow - New Zealand! There's something wrong here!!"), die man schließlich in das grandiose "Coming Home" verpackt hat, und zwar so, dass zumindest der wie immer hingerissene Schreiberling (das war sicher bislang nicht wahrzunehmen, oder?) nur noch in ganz stiller Einkehr betrachten kann. Das ist ganz, ganz große Emotion, meine Freunde, und das können nur diese Herren.

Ohne viel Federlesens wechselt das Backdrop dann zum Herrn Eduard als Sensenmann, und die ersten beschaulichen, akustischen Klänge von "Dance Of Death" füllen das Rund. Dieser Song ist wohl eines der Stücke neueren Datums, das die Maiden-Signatur am deutlichsten trägt und gleichzeitig weiterentwickelt: langsames, bedrohliches Intro, dann dieses unheimliche, folkloristisch durchzogene Hauptthema, zu dem die ganze Halle hüpft wie an der Schnur gezogen (nie war Morris-Dancing mächtiger), die ausladenden Soli, zurück über die Folk-Teile hin zum Anfang. Grandioser Song, grandios gebracht. Als ob es noch einer Steigerung bedurft hätte, brechen dann alle Dämme, als Eddie im Militärfrack aufgezogen wird. Die Krimkrieg-Ballade "The Trooper" (für literarische Menschen: nach Alfred Lord Tennysons Charge Of The Light Brigade, dieses Mal aber ohne die "Into the valley of death rode the sixhundred"-Zitate) verwandelt die Halle in einen Schnellkochtopf, und Dickinsons Schwenken der zerfetzten Fahne ist ohnehin eines der Sinnbilder für Metal überhaupt. Mein mitgereister Sympathisant verliert denn auch vollends die Contenance und tickt sehr gepflegt aus - wie gesagt, jeder bekommt heute Abend seinen persönlichen magischen Moment. Macht nichts, denn mit dem ansatzlos folgenden "Wicker Man" komme ich wieder an die Reihe. Dieses Riff, der Refrain, und vor allem der wohlige Gedanke, dass sie 2000 mit diesem Song endlich wieder da waren und wir alle zum Metal 2000-Festival pilgerten, wo Dickinson den unseligen Grunge endgültig beerdigte ("Metal is back!!" stellte er seinerzeit die Welt wieder richtig) - es kann nicht besser werden.

Dann wieder eine Rede unseres Kapitäns: man sei auf der ganzen Welt unterwegs, man habe Fans in den unwahrscheinlichsten Winkeln, "and in metal there's no exclusivity, to us it doesn't matter if you're Christian, Hindu, Muslim or Jedi - we're blood brothers!" Nun, der Song ist auf Konserve ja durchaus leicht totzunudeln, aber live funktioniert das Pathos ganz wunderbar. Vor dem Hintergrund einer verwüsteten Landschaft schickt man sich nun an, das ambitionierte Stück des neuen Albums darzureichen, und "When The Wild Wind Blows" zeigt erneut, dass sie in einer ganz eigenen Liga antreten. Vollkommen unkommerziell, überlang, mit Wechseln der Atmosphäre, Tempo, Melodielinien, wieder ein bedächtiger Anfang, eine traurige kleine Weise, die sich zum Sturm steigert und dann wieder in sich zusammenfällt. Es sind dies die einzigen Momente, in denen Dickinson ein wenig schwächelt, textlich nicht ganz trittsicher scheint, aber im Gesamteindruck stört das nicht sonderlich. Immer noch wunderbar. Dann wieder ein Griff in die Vergangenheit - "The Evil That Men Do", eigentlich ja eher aus der zweiten Reihe, kracht ins Kontor wie nichts Gutes - das ist um so viel besser wie damals beim Monsters-Auftritt 1988, das ist nicht zu beschreiben. Und jetzt entert auch Eduard der Große die Bühne, klar in seiner Ausprägung aus dem "Final Frontier"-Video, auf den Videoleinwänden sehen wir seine schwindelerregende Perspektive, Janick Gers springt um ihn herum, bevor man dem Pupperl eine Gitarre in die Hand drückt und er mitmischen darf. Das gehört zur Maiden-Geisterbahn und ist immer wieder fein.

Was nun folgt, ist jedoch für viele (verständlicherweise) der absolute Höhepunkt des gesamten Geschehens. Zu stockfinsterer Bühne steigen sie in "Fear Of The Dark" ein, und wenn diese Hymne live schon immer berauschend ist, so ist das heute ein Orkan. Dickinson macht den finsteren Zeremonienmeister (komplett mit Höllengelächter), und spätestens beim ersten Refrain steht die gesamte Halle wie ein Mann und übernimmt die Sangesdienste. "Scream For Me, München" - ja, das machen wir, Bruce. Und wie. Und wie. Der Blick zurück zeigt, dass die Begeisterung in den letzten Winkel dringt und keiner mehr sitzt. Bitte vergleichen Sie die anfänglichen Ausführungen zu den gewissen Momenten. Unfassbar.

Ja, und dann gilt die Weisheit des rosaroten Panthers: denn irgendjemand scheint an der Uhr gedreht zu haben, und es heißt wie so oft "Iron Maiden's gonna get you, wherever you are", und selbst dieses alte Schlachtross macht dermaßen alles platt, dass es eine Art hat. Eddie wird hinter der Bühne überdimensional aufgepumpt und winkt uns bedrohlich zu, die Meute rastet noch mal standesgemäß aus, und dann ist Schluss. Erst mal, denn die letzten paar Klassiker fehlen ja noch. Und wieder bewahrheitet es sich: ihre beiden bekanntesten Songs werden sie live in 20 Jahren noch nicht hinbekommen. "The Number Of The Beast" macht wieder Spaß, aber klingt einfach nicht kompakt, aggressiv und hart genug. Da sind wir ja froh, dass wir nicht durch "Run To The Hills" waten müssen. Dafür erstrahlt sogar das eigentlich schon längst mausetote "Hallowed Be Thy Name" in rostfreiem Glanz ("Scream For Me!" - ja klar machen wir wieder), und beim alten Drei-Akkorde-Heuler "Running Free" wird wieder die Band vorgestellt, dann ist wirklich aus. "Always Look On The Bright Side Of Life" als Rausschmeißer, witzig. Vollkommen sprachlos verlässt man den Ort des Geschehens und verbittet sich jede Äußerung. Diese Darbietung war grandios, unerreichbar und vollkommen - bis auf zwei leider irreparable Schäden. Erstens: es musste enden. Zweitens: es verbietet sich ab jetzt jeder Besuch ähnlicher Veranstaltungen. Denn dies wäre reiner Frevel.

Setlist Iron Maiden:
Satellite 15 - The Final Frontier
El Dorado
2 Minutes To Midnight
The Talisman
Coming Home
Dance Of Death
The Trooper
The Wicker Man
Blood Brothers
When The Wild Wind Blows
The Evil That Men Do
Fear Of The Dark
Iron Maiden
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The Number Of The Beast
Hallowed Be Thy Name
Running Free

Holgi

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