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Konzert-Bericht

Alice Cooper & Tarja Turunen

Zenith, München 06.11.2010

In der Werbung für eine mehr oder weniger vertrauenswürdige Elektronikmarkt-Kette verkündet Herr Cooper ja lächelnd: "Alles eine Frage der Technik!" Und obwohl er mit diesem Slogan durchaus auch einem Publikum bekannt geworden ist, das nicht im Entferntesten ahnt, wer dieser launige Alte denn ist, gilt dies wohl auch für seine Karriere als unser liebster Schockrocker: seit Dekaden zieht Mr. Fournier mit seinem Alter Ego sein Ding durch, ohne groß etwas zu verändern. In den 80ern wurde der Sound etwas kommerzieller und glattgebügelter, und Megahits waren die Konsequenz, aber untreu geworden ist er sich nie. Auch wenn er in den USA mittlerweile Fernsehsendungen zu solch schockierend antibürgerlichen Themen wie Golf und Kochen moderiert, zelebriert er auf der Bühne nach wie vor eine gar schaurige Moritat, in der das Ableben in diversesten Formen inszeniert wird. Wenn er also wieder einmal in sein "Theater Of Death" einlädt, folgen wir dem Wink gerne.

Und das umso mehr, als die heutige Ansetzung ein seit Mitte der 90er ehernes Gesetz außer Kraft setzt: Vorgruppen braucht und will keiner. Wo üblicherweise nämlich nur Krachkombos herumeiern, die verhindern, dass man zum Sportstudio wieder daheim ist oder die Buntwäsche noch von der Weißwäsche trennen kann, dürfen wir uns nämlich über ein wirkliches Bonbon im Vorprogramm freuen: die Grazie Tarja Turunen beehrt uns wieder und bringt ihr aktuelles Scheibchen What Lies Beneath mit.

Also auf ins Zenith, vom Ambiente nach wie vor knapp über (oder unter?) Bahnhofsniveau, aber nach dem tragischen Ableben der Georg-Elser-Halle ist diese Spielstätte ja leider der so ziemlich letzte vernünftige Ort für mittelgroße Angelegenheiten, für die die Olympiahalle überdimensioniert wäre.

Pünktlich, wie es sich für ordentliche Gothic Metaller gehört, entert die Kombo der finnischen Stimmkünstlerin die Bretter, darunter wieder Drum-Terrier Mike Terrana und der ehemalige Farmersjunge Alex Scholpp. Mit "Dark Star" wählt die Gute zwar einen etwas sperrigen, da orientalisch angehauchten Opener, aber der vom Start weg transparente Sound und vor allem die wie immer fast schon beängstigend fröhliche Laune der Holden verfehlen ihre Wirkung nicht. Keine Neuigkeit dürfte es sein, dass Tarja stimmlich unangreifbar ist - die klassische Ausbildung bleibt unüberhörbar, hier gibt es keine schrägen Töne, keine "schlechten Tage" oder keinen angeblich mangelhaften Monitor-Sound. Wie das schon Ringsgwandl über Placido Domingo sagte, der Mann ist's wert, der Mann singt Qualität. Ebensowenig darf es Wunder nehmen, dass das Stageacting von Frau Turunen nicht gerade Rampensau-Niveau hat - das Haupthaar wird natürlich geschüttelt, aber ansonsten wandert die Dame höflich über die Bühne, wie sich das für eine Tochter aus gutem Hause halt gehört.
Nach einer Begrüßung in sehr gutem Deutsch geht's weiter im Programm, das fast ausschließlich aus Nummern vom aktuellen Album besteht und mit "Underneath" einen ersten Höhepunkt erreicht. Die Band spielt tight, Mike Terrana brilliert eins ums andere Mal, und nun informiert uns die Dame, wenn man sie einmal um einen James Bond-Titelsong bitten würde, sie sich für das nun folgende "In For A Kill" entscheiden würde. Fein, fein, aber nun kommt, worauf wir uns natürlich alle insgeheim gefreut haben: "a little trip to my past", und darf man es glauben? Eine feine, kleine Piano-Klimper-Melodie setzt ein! Wenn auch das schwere Orchester von Herrn Holopainen und seinen Freunden nicht erreicht wird, gesanglich wird "Nemo" astrein inszeniert und zeigt, welche songwriterische Klasse in diesen Nummern steckt. Jetzt darf Mike Terrana nochmal ordentlich die Drums mit einem Stakkato malträtieren, und heraus kommt doch tatsächlich "Over The Hills And Far Away", wo Alex Scholpp ein amtliches Solo vom Stapel lässt.

Frau Turunen hat den Mantel mittlerweile von sich geworfen und agiert in Lederkluft, seien wir doch mal ehrlich, schaden tut das Optische auch nicht. Mit "I Walk Alone" kommt dann doch noch der Solo-Erstling zu Ehren, bevor sie sich mit einem weiteren sehr feinen Deutsch - "Danke für den schönen Abend!" und "Until My Last Breath" verabschiedet. "Wir sehen uns im Mai", ruft sie uns noch zu. Na, das hoffen wir doch.

Aber jetzt wird die Bühne von einem massiven Theatre Of Death-Vorhang verhüllt, und wer seitlich reinspitzt, sieht schon die aufgebaute Geisterbahn. Und wer, wie der Meister selbst einige Minuten später, gleich mit seinem größten Hit einsteigt, der ist seiner Sache ziemlich sicher. Als die ersten Riffs von "School's Out" durchs Rund hallen, herrscht einmütige Begeisterung, die sich natürlich noch steigert, sobald der Vorhang entfernt wird und die Sause losgeht. Klar ist er nicht mehr der Jüngste, klar hat er seit seinem letzten Besuch vor zwei Jahren etwas zugelegt, und warum ein über 60jähriger seine Augen immer noch schwarz schminkt, das kann man einem Steuerberater auch nicht erklären - aber Tatsache ist, dass in den nächsten fast zwei Stunden alles geboten wird, was man sich von Alice erwarten darf. Zusammen mit "School's Out" ballert er mit "No More Mr Nice Guy" und "I'm Eighteen" ein Eröffnungstrio ab, das sich gewaschen hat.

Showmäßig hält man sich in diesem Abschnitt noch etwas zurück, aber spätestens mit "Dwight Frye" und "Go To Hell" beginnt das Moralitätenspiel: die holde Dame, genannt Death Dealer, zieht sich wie ein roter Faden durchs Geschehen, wird zunächst mal von Alice ins Jenseits befördert, der dafür dann wieder guillotiniert wird. Das ist Musical, Typentheater, Mord und Totschlag wie bei Shakespeare, wo das ja auch unser aller moralischen Reinigung dienen sollte. Im weiteren Verlauf entspinnt sich eine immer theatralischere Handlung ("Nurse Rosetta, "Only Women Bleed"), die nur für den Megaseller "Poison" unterbrochen wird, der ohne größe Showeinlagen abläuft. Wenn man von der Zwei-Meter-Giftspritze mal absieht, die ihn am Ende durchbohrt. Nur kurz angemerkt.

Der Death Dealer erzeugt einstweilen mit Hilfe einer Flex und Metall-Dessous einen Funkenregen - alles ernst gemeint, genau so war's - und zieht dann hinter einer spanischen Wand einen Silhouetten-Striptease ab. Hossa, Freunde, hier ist's ja wie im Kuriositätenkabinett, da kommt jede Vorliebe auf ihre Kosten. Einige neue Tricks hat er auch an Bord, z.B. eine Art automatische Erdolchungsmaschine, die ihn gleich mehrfach aufspießt. Für "Vengeance Is Mine" vom letzten Studiowerk Along Came A Spider rollt er auf einer Riesentribüne herein, bekleidet in einem Spinnenmantel, durch den er acht Arme ausbreiten kann. Damit endet dann auch das Breitwand-Musical - mit "Dirty Diamonds" geht das Spektakel wieder in ein relativ straightes Rockkonzert über, auch wenn natürlich die üblichen Utensilien (in die Menge geschmissene Perlenkette, garantiert echt) nicht fehlen dürfen. Ob sich der gute Meister wohl als nächster Notenbankchef in den USA bewerben will? Frisch gedrucktes Geld unters Volk schmeißen, das kann er schon seit Jahren und tut das auch heute wieder zu "Billion Dollar Babies".

Für "Feed My Frankenstein" (We're not worthy! We're not worthy!) fährt er dann noch eine Braut im Original Elsa Lanchester-Look auf (komplett mit Blitz im Haar, so wie das sein muss), und zur ersten Zugabe "Elected" erscheint er dann mit großer Deutschland-Fahne und glitzerischem Anzug. Und weil's so schön war, rundet ein erneut vorgetragenes "School's Out" die Festlichkeiten gebührend ab.

Ach ja, gesungen hat er auch, und zwar gar nicht mal so schlecht. Und ein Humorist ist er auch: er richtet gegen Ende sogar einige Worte an uns (durchaus unüblich) und schließt doch tatsächlich mit "Goodbye Munich - alles eine frage der teknik". Wie schockierend - oder einfach nur amüsant!

Setlist Tarja:
Dark Star
My Little Phoenix
Little Lies
Underneath
Ciaran's Well
In For A Kill
Falling Awake
Nemo
Over The Hills And Far Away
I Walk Alone
Until My Last Breath

Setlist Alice Cooper:

School's Out
No More Mr Nice Guy
I'm Eighteen
Wicked Young Man
Dwight Frye
Go To Hell
Cold Ethyl
Poison
From The Inside
Nurse Rosetta
Be My Lover
Only Women Bleed/Never Cry
Black Widow
Vengeance Is Mine
Dirty Diamonds
Billion Dollar Babies
Killer
I Love The Dead
Feed My Frankenstein
Under My Wheels
Elected
School's Out

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