7 Headbänga online
06.12.2020 Mina Caputo & The Sad Eyed Ladies
07.12.2020 Rhapsody Of Fire
10.12.2020 Machete Dance Club
12.12.2020 Maidenhead
19.12.2020 Emil Bulls
19.12.2020 Ohrenfeindt
Reviews (10199)
Navigation
Artikel des Tages
RSS RSS
Atom Atom
 

Konzert-Bericht

Tarja Turunen, Kings Of Modesty & Furnaze

Muffathalle, München 02.10.2009

Bei dem in der Regel gar nicht so lustigen Singspiel während des Starkbieranstiches auf dem Nockherberg gab es nach der Entmachtung des großen Edmund eine durchaus spaßige Szene. Die beiden so genannten Nachfolger H. & B. mühten sich redlich ab, aber der große Meister sah immer wieder aus einem Fenster und stellte fest: "Sie können es nicht." Einige Land- und Bundestagswahlen später steht fest: recht hatte er. Und so ähnlich könnte man auch das Schicksal einer gewissen schwedischen Sängerin charakterisieren: sie müht sich, die liebe Anette Olzon, sie ist zweifelsohne eine kompetente Rocksängerin. Aber bei der Oper, bei den wirklichen großen Nightwish-Momenten, da müssen wir halt leider mit Edmund konstatieren: sie kann es nicht.

Was tun? Linderung im akuten Opernmetal-Notstand verspricht da nur die einzig Wahre, die so oft als zickige Diva, von einem südamerikanischen Ehemann ferngesteuerte Grazie gescholtene Tarja, die sich nun schon zum zweiten Mal auf Solopfaden in München die Ehre gibt. Da müssen wir dabeisein, und tief in uns hegen wir Hoffnung auf einige nostalgische Momente. Und gleich vorab: Die Hoffnung soll nicht enttäuscht werden.

Zuerst aber gilt es, den wackeren Thrash der Kollegen von Furnaze zu bewältigen. Mit massiver Bay Area-Schlagseite gesegnet, bolzt sich das Trio - bestehend aus einem Kerry King-Lookalike an der Gitarre und einer holden Dame am Bass, vom etatmäßigen Drummer mal ganz zu schweigen - durch ein kurzes Set, bei dem Nummern wie "Guinea Pig" oder "No Stairway To Heaven" technisch überzeugen, aber nicht ganz zur musikalischen Grundausrichtung des Abends passen.

Eher in die richtige Kerbe schlagen da schon die Herren von Kings Of Modesty, die traditionellen Power Metal servieren. Die Finnen, die nach eigenem Bekunden erstmals in Deutschland unterwegs sind, marschieren frohgemut durch ihre Stückchen namens "Suicide Mission", "Staring Eyes" und "Hell Or High Water". Der Shouter mischt mit fröhlich finnisch akzentuierten Ansagen auch sprachlich Farbe ins Spiel und kann immer wieder durch Queensryche-artige Phrasierung punkten. Allerdings darf auch diese Formation nur fünf Songs zum Besten geben, was die Frage aufwirft, warum man dann denn unbedingt zwei Supportbands braucht - dann lieber eine Unterstützung mit ausreichender Spielzeit. Oder, um mal einen absurden Gedanken zu bemühen, man nähme keinen Gast mit, begönne das Geschehen um halb neun und wäre um zehn fertig. Und wir sind alle zur Sportschau daheim. Aber das ist wohl zu einfach.

Während wir noch solchen grotesken Gedanken nachhängen, formiert sich auf der Bühne die Kapelle, die die Hauptattraktion des Abends musikalisch begleiten wird. Dabei ist mindestens ein alter Bekannter mit von der Partie: vorher schon sah man ihn durch die Halle tigern, und jetzt hüpft er wirklich hervor, der omnipräsente Drum-Chef Mike Terrana. Nun, zumindest da kann also nichts anbrennen. Aber eigentlich gilt für alles schmückende Beiwerk der Name des bekannten niedermittelbayerischen Mundartkünstlers: Wurschtinger Sepp. Es gibt nur eine Frage: was bringt sie, und singt sie gescheit? Und da, Freunde, gibt es einige Überraschungen.
Zur allgemeinen Begeisterung marschiert Tarja endlich auf die Bühne, gekleidet mit einem feinen Rauscheärmelmantel, und schmeißt sich sogleich mit Spaß in die ersten Takte von "Enough". Machen wirs kurz, sie ist göttlich wie immer, der Gesang zeigt, wie lachhaft alle anderen Nachahmerinnen sind, und auch in Sachen Stageacting gibt es nichts zu mäkeln: Tarja schmeißt die rabenschwarze Mähne umher, als ob hier irgendwelche wüsten Gesellen musizierten. Und sofort stellt sich das Gefühl ein, das den ganzen Abend nicht abreißt: ist das wirklich die blöde Ziege, die nicht mehr dabei sein wollte, oder ist es nicht nur eine Frage der Zeit, bis da wieder was geht mit Tuomas und seinen Freunden? Na, einstweilen freuen wir uns an "My Little Phoenix" und nehmen mit Genugtuung zur Kenntnis, dass nicht nur Apokalyptica ein Cello auf die Metal-Bühne stellen, sondern dass der ehemalige Mitstreiter Max Lilja ist hier zumindest live ein neues Zuhause gefunden hat. Die Tourneeband ist dabei tight wie eine Eins, hat man doch jeweils weidlich Erfahrung - Alex Scholpp (Farmer Boys) zum Beispiel greift kompetent in die Saiten.

Aber jetzt setzten wir gleich zum ersten Höhenflug an: mit "She Is My Sin" gibt es einen zünftigen Nightwish-Klassiker auf die Ohren, und der kompositorische Abstand zwischen den Nummern ihres Solo-Albums Winter Storm und den Kreationen des Herrn Holopainen wird eklatant deutlich. Das ist ganz großes Kino, und das muss es endlich wieder geben. Nur zur Erinnerung, auf der Chemical Wedding-Tour gab Herr Dickinson auch "Powerslave" und "Flight Of Icarus" zum Besten.
"Damned And Divine" schließt sich an, aber schon folgt mit "Sleeping Sun" ein weiteres Juwel aus der Nightwish-Ära, das zumindest bis dahin das Highlight des Abends markiert. Ganz offenkundig bevorzugt die Dame die eher frühe Schaffensphase ihrer ehemaligen Kombo, und man darf hier eine ganz feine Stimmung erleben, zu der man nur das schöne Buch vom Hasen mit dem blauen Ohr zitieren kann: das kommt ganz selten vor. "I Walk Alone" bringt das Volk weiter in Wallung, bevor sie zum ersten Mal verschwindet und ein Drumsolo einsetzt. Klar ist Mike Terrana technisch unfehlbar, seine Kreationen lassen immer wieder staunen, aber selbst ein Schlagwerker seiner Klasse kann nicht verhindern, dass eine Soloeinlage immer verzichtbar bleibt. Als kleine (oder große, je nachdem) Wiedergutmachung sehen wir Tarja ab jetzt umgekleidet im feschen weißen Rock und schwarzen Top - my dear mister singing club, wie der Feistenhaarer so sagt. Weiter geht's mit dem Gebolze "Ciaran's Well", zu dem die Dame wieder den Haarrotor einschaltet, und der feinen Ballade "Tired Of Being Alone". Sichtlich gut gelaunt - und gar nicht ferngesteuert aus Argentinien - informiert uns die Holde nun, dass eine Coverversion folge, zu der einige wieder sagen würden, was dann wieder sein solle. Aber, das sei ja bekannt, "I always like to do something different." Sprach's und bringt eine eigene Interpretation des Alice Cooper-80er-Schlagers "Poison". Passt zumindest aus meiner Sicht nicht ganz, aber als Herr Terrana nach "Oasis" schließlich ein fesches Stakkato anstimmt, das dann in "Over The Hills And Far Away" mündet, beweist Frau Turunen, dass sich einige Songs eben doch für ihre eigene Umdeutung bestens anbieten - wie schon zu Nightwish-Zeiten macht das Gary Moore-Stück auch dieses Mal jede Menge Freude.

Nach guten 75 Minuten ist allerdings Schluss, und mehr oder weniger war das ja zu befürchten, nachdem man nur ein einziges Album im Rücken hat. Also nach einer anständigen Leistung nach Hause gehen. Ja, war ganz gut. Oder halte mal. Da machen die Ordner mitten im Raum Platz. Ist da einer hingesunken? Nein, dann würde man nicht Instrumente und Stuhl hintragen. Also sofort hin, damit man sieht was abläuft. Und tatsächlich, die Band platziert sich mitten im Zuschauerraum, und nach einem kurzen Moment wandert auch die - erneut umgekleidete - Frontgrazie mitten ins Volk. Und ab jetzt wird das wirklich ganz großer Sport, der geboten wird. Wie in einem sehr kleinen Club gibt es nun, ungläubig von den Umstehenden und Hockenden bestaunt, einige akustische Nummern, die schon allein aufgrund der buchstäblichen Publikumsnähe eine ganz eigene Magie entfalten. Ein Medley von folkloristischen Melodien gilt es zu bestaunen, bevor sich Tarja selbst ans Keyboard setzt und völlig allein eine wunderbare Ballade namens "If You Believe" darbietet. Dabei berichtet sie fröhlich, dass sie manchmal nicht richtig in die Tasten greift, weil ihr Gedächtnis nicht mehr das beste sei. "Just kidding", ja klar, sie spielt perfekt. So etwas sieht und hört man nur in raren Momenten, das sind die Konzerterlebnisse, die haften bleiben. Fehlten ihr zuletzt bei Nightwish vielleicht genau diese Situationen, dieses familiäre Beisammensein? War ihr der Sound seit Century Child zu orchesterorientiert und so zu wenig gesangszentriert? Sieht fast so aus. Unfassbar ist das allemal. In jedem Fall begibt man sich für weitere Zugaben wieder auf die Bühne, "Deep Silent Complete" schließt den Nightwish-Reigen - natürlich - mit einer weiteren Wishmaster-Nummer ab, bevor "Die Alive" das Konzert endgültig beendet.
Dann ist aus, und man fragt sich eigentlich nur eines: wann können wir "Wishmaster", "The End Of All Hope" oder "The Kinslayer" wieder so erleben, wie das mal gedacht war? Ganz offenkundig hat die Dame Freude am alten Material, und wenn es um den Preis wäre, Once und Dark Passion Play aufzugeben - ihre Rückkehr wäre es wert. So lange wir allerdings in der Zwischenzeit solche Darbietungen bestaunen dürfen, harren wir weiter aus. Aber bitte nicht zu lange harren lassen.

Setilst Tarja:
Enough
My Little Phoenix
She Is My Sin
Damned And Divine
Sleeping Sun
I Walk Alone
Ciaran's Well
Tired Of Being Alone
Lost Northern Star
Poison
Oasis
Over The Hills And Far Away
Sing For Me
---
Wisdom/Boy/Divide/Grace (Akustik-Set)
If You Believe
Deep Silent Complete
Die Alive

Holgi

Zur Übersicht
Zur Hauptseite

Werbung:

© www.heavyhardes.de