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Konzert-Bericht

Sacred Reich, Grantig & Q-Box

Backstage, München 27.06.2009

Es gibt Konzerte, von denen ich nie gedacht hätte, dass es sie überhaupt noch gibt. Aber immer mehr Old-School-Legenden raffen sich auf, um die alten Zeiten noch einmal aufleben zu lassen. Diesmal geht es um die Vorzeige-Thrasher von Sacred Reich, die besonders mit ihren ersten beiden Scheiben Surf Nicaragua (1988) und The American Way (1990) vor gut 20 Jahren so einigen Wirbel in der Szene erzeugten. Dann irgendwann die unvermeidliche Auflösung der Band, aber auf dem 2007er Wacken Open Air waren sie plötzlich wieder da. Neuen Stoff der Amerikaner gab es zwar nicht zu bestaunen, aber das Runterholzen der Songs scheint den alten Recken so viel Freude bereitet zu haben, dass sie inzwischen auch wieder auf Tour gehen. So, und genau diese Tour werde ich heute in den Hallen des Münchner Backstage besuchen. Ganz nebenbei ist dies das einzige Clubkonzert von Sacred Reich in Deutschland.

Aber bevor man sich an der Thrash-Orgie von Sacred Reich erfreuen darf, muss man sich erst einmal durch das Vorprogramm kämpfen, das heute nicht von der eigentlichen Supportband Warbringer, sondern von den beiden recht erfolgreichen Münchner Nachwuchskapellen Q-Box und Grantig bestritten wird. Als ich um 20:00 Uhr im Backstage eintreffe, ist die kleinere Halle zu gefühlten vierzig Prozent gefüllt und Q-Box sind schon feste am Werkeln. Die energiegeladene Mischung aus Thrash- und Deathmetal mit Rock-Anleihen kommt recht wohlwollend beim gesamten Publikum und besonders bei den Q-Box-Fans in den ersten beiden Reihen, in denen man auch schon die ersten Haare beim Fliegen beobachten kann, an. Eine durchaus überzeugende Performance, die der mit einem auffallenden, weißen Muskelshirt bekleidete Sänger Christian Papelitzky mit seiner Truppe hier abliefert.

Nach kurzer Umbaupause sind die Deutschmetaller von Grantig an der Reihe. Neben dem Austausch der Band werden auch in den ersten Reihen vor der Bühne Q-Box-Fans gegen die jüngeren Grantig-Fans ausgetauscht. Das wiederum spiegelt sich dann auch auf der Bühne wider, denn die Mitglieder von Grantig sind deutlich jünger als der Großteil des heute anwesenden Publikums. Der Auftritt von Grantig beginnt vielversprechend, da die Münchner tatsächlich eine gewaltige Lärmwand auffahren. Allerdings ist der Sound insgesamt leider nicht so wirklich ausgewogen. Meistens wird von den recht lauten Drums fast alles niedergemetzelt, so dass beispielsweise Gitarrensolos quasi unhörbar bleiben und man von den Texten auch nicht so viel mitbekommt. Das Publikum hat trotzdem Spaß an Grantig, applaudiert fleißig und lässt inzwischen bis zur vierten Reihe die Haare ausgelassen rotieren. Die präsentierten Songs sind größtenteils simpel gestrickt, aber ziemlich hart. Der Gesang von Jonathan Schmid ist ausdrucksstark, aber auf Dauer selbstähnlich und eintönig. Im Ohr blieben vor allem die Songs mit plakativen Refrains wie etwa "Du bist nicht allein" hängen, die von den vorderen Reihen frenetisch abgefeiert werden. Die hinteren Reihen dagegen sehnen sich inzwischen schon merklich danach, dass Grantig Platz machen für den Headliner des Abends.

Und dann ist es wirklich soweit, ein kurzhaariger und deutlich aufgegangener Phil Rind im schwarzen Brooklyn-T-Shirt entert mit seinen ebenfalls gealterten Mitstreitern die Bühne, um dem Publikum etwas über eine Stunde lang feine Thrash-Granaten um die Ohren zu ballern. Inzwischen ist das Backstage zu circa 75 Prozent ausgelastet und das Durchschnittsalter im Publikum deutlich über die 35 gerutscht. Mit "Independence" und "Love... Hate" legen Sacred Reich dann auch einen fulminanten Auftakt auf die Bretter und bringen schnell Bewegung unter die anwesende Meute. Wahrlich ein Fest für jeden Kuttenträger! Vor der Bühne entsteht ein beachtlicher Pit, obwohl Sänger Phil darauf hinweist, dass alle über dreißig sowas lieber bleiben lassen sollten, da man in diesem biblischen Alter die Stürze nicht mehr so gut verkraftet. Überhaupt zeigt sich Phil redefreudig und ist sichtlich beeindruckt davon, dass 17-Jährige, die seine Kinder sein könnten, vor seinen Augen herumtollen und dass sich in der ersten Reihe ein paar Polen befinden, die eine über tausend Kilometer weite Fahrt auf sich genommen haben, um Sacred Reich hier und heute bestaunen zu können. Respekt! Neben den üblichen Verdächtigen, die hauptsächlich den ersten Alben der Amerikaner entnommen sind, schallen von der Bühne als besondere Schmankerl noch "Sacred Reich" vom 85er Demo Draining You Of Life - der erste Sacred Reich-Song überhaupt - und ein Black Sabbath-Medley, welches "Paranoid" und "War Pigs" enthält, herunter. Dies passt natürlich perfekt auf die Altersstruktur im Publikum und wird auch dementsprechend angenommen. Natürlich darf ein solcher Abend nicht ohne Zugaben, die den Thrash-Fans in Form von "Surf Nicaragua" und "The American Way" gewährt werden, enden. Aber um Punkt 23:00 Uhr gehen dann wirklich die Lichter auf der Bühne aus.

Ja, man muss Sacred Reich tatsächlich konstatieren: Sie können es noch! Sie sehen zwar nicht mehr aus wie früher, aber das Zusammenspiel ist sehr tight und auch den Groove der alten Thrash-Klassiker bringen sie immer noch hervorragend rüber. Neue Songs aus dem Heiligen Reich wird es laut Aussage von Herrn Rind aber weiterhin keine geben. Wahrscheinlich eine kluge Entscheidung, denn die will wohl eh keiner hören. Das war ja 1997 mit der Heal-Scheibe schon problematisch. Der Auftritt hatte ja auch so alles, was das Thrasherherz begehrte. Wenigstens fast alles... Denn ich konnte mehrere Stimmen aus dem Publikum auffangen, denen der Auftritt zu kurz war und die gerne mehr dem Stagediven gefrönt hätten, wenn da nicht die Securities so rabiat durchgegriffen hätten. Zeitzeugen von 1989 berichteten mir, dass es damals keine Sacred Reich-Konzerte gab, bei denen nicht pausenlos von der Bühne gehüpft wurde. Was ich mir allerdings gewünscht hätte, wäre tatsächlich noch eine bekanntere Thrashkapelle im Vorprogramm - was ja auf anderen Gigs Warbringer erledigte - damit hätte man die Stimmung für Sacred Reich mit Sicherheit noch um einiges besser vorbereiten können. Summa summarum aber trotzdem ein netter Abend, um in der Thrash-Vergangenheit zu schwelgen. Sacred Reich darf sich gerne wieder hier blicken lassen.

Sebbes

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