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Konzert-Bericht

Mötley Crüe, Loaded & Backyard Babies

Zenith, München 14.06.2009

Im allgemeinen Revival- und Reunion-Zirkus dürfen auch die Könige des Glam/Poser/Haarspray-Rock aus Los Angeles nicht fehlen, das sollte sich ja herumgesprochen haben. Dass die wieder zum Leben erwachte wilde Horde (oder wie auch immer man den spaßigen Namen Mötley Crüe ins Deutsche übertragen mag) dabei auch nicht musikalische Leidenschaft, sondern wohl in erster Linie das Streben nach dem schnöden Mammon leitet, darüber sollte man sich auch nicht wundern. Aber im Gegensatz zu manch anderen ähnlich gelagerten Unterfangen wie etwa Judas Priest, deren Reunion-Scheiben und Konzerte nicht unbedingt in Verzückung geraten lassen, feuerten die Crüe mit der Live-DVD Carnival Of Sins ein fettes Paket heraus, das zeigt, wozu die Herren live fähig sind, wenn die Setlist passt und die Show abgeht. Und dass auch im Studio noch was geht, beweist die aktuelle Scheibe Saints Of Los Angeles mit gleich mehreren veritablen Krachern zur Genüge.

Nachdem sich die Kollegen live in Europa recht rar machen (mal abgesehen vom Rock am Ring-Gig), pilgern wir dann also brav ins Zenith, um die nach eigenem Bekunden "Loudest Show On Earth" zu erleben. Um es vorwegzunehmen, den Titel gewinnen sie nicht, das ist nach wie vor die Kinoaufführung von Flight 666.

Das immer wieder hübsch hässliche Zenith ist der Austragungsort, und der ist bei Ankunft schon recht anständig gefüllt. Zum Thema Ankunft: nachdem als Beginn 20:00 Uhr angekündigt war, hätte 20:20 Uhr doch wohl reichen sollen, auch die Opener des Abends zu erleben, aber als ich in die Halle einlaufe, stehen da oben nicht die Backyard Babies, sondern schon der ehemalige Guns'n'Roses-Basser Duff McKagan, der mit seiner Formation Loaded ebenfalls mit ins Paket geschnürt wurde. Ins Leben gerufen wurden Loaded ja bereits 1999, nur um 2002 erst mal von Velvet Revolver verdrängt zu werden. Nachdem aber an der Front ja auch nicht mehr viel zu gehen scheint, hat der gute Duff mit Gitarrist Mike Squires, Basser Jeff Rouse und Drummer Geoff Reading eine neue Mannschaft um sich geschart, mit der er heute abend eine bunte Mischung der bisherigen Loaded-Werke Episode 1999 und Dark Days vom Stapel lässt. Das ist eine ordentliche Portion Geradeaus-Rock, der wenig in der Sleaze-Tradition seines bekanntesten Arbeitgebers steht, sondern mehr angelehnt ist an klassischen Hardrock mit leichter Punk-Schlagseite. Der zwar gealterte, aber immer noch beeindruckend ranke und schlanke Duff ist zwar nicht mehr ganz so wasserstoffblond, greift in dieser Aufstellung aber auch als Gitarrist in die Saiten und liefert eine durchaus passable Gesangsleistung ab - vor allem auch bei "So Fine", einem Gunners-Track von Use Your Illusion II, den er seinerzeit schon einsang, und einem zünftigen Medley, bestehend aus "Welcome To The Jungle", "Paradise City" und "It's So Easy", wo er denn auch wieder standesgemäß den Bass schwingt. Nach dieser Einlage ist die Stimmung recht gut, und Duff verabschiedet sich brav von uns. Schöne Sache, gerne genommen.

Aber hier sind wir natürlich wegen den Verrückten aus Hollywood, und die kündigen sich mit einer Backdrop-Szenerie, bestehend aus den umgekehrten Buchstand "Los Angeles", an - aha, Hollywood aus dem Hinterhof, aus der Gosse gesehen, wie wir sie eben kennen. Schnell noch mal den Blick durchs Publikum schweifen lassen: sehr gemischt, viel Weibsvolk anwesend (zu erwarten), aber auch viele Kids, die beim Erscheinen der Erstlingswerke wohl noch gar nicht in Planung geschweige denn Produktion waren. Das Schöne am Zenith ist ja, dass man die jeweiligen Helden kurz vor Beginn ja schon seitlich auf die Bühne marschieren sieht - und das ist auch der Fall, als schließlich Mick Mars auf die Bühne geführt wird. Und das ist wörtlich gemeint: aufgrund seiner Arthritis ist der Herr ja bekanntlich extrem unbeweglich, so dass diverse Mitglieder der Rolling Stones wie frische Hüpfer gegen ihn wirken. Die anderen springen dann beherzter über die Treppe, und so sägt schließlich der unverkennbare Gitarrensound durch das weite (längliche) Rund, der ankündigt, dass die Crüe wieder da ist.

Also los geht's, mit "Kickstart My Heart" erwischen sie einen zünftigen Auftakt - hossa, kann man nur sagen, mal flugs einen der größten Hits gleich am Anfang rausgefeuert. Respekt! Außer dem genannten Schriftzug und einem überdimensionierten Video-Screen im Hintergrund gibt's auf der Bühne keine Spielzeuge zu bestaunen, links Nikki Sixx mit gewohnter Struwwelpeter-Frisur, rechts (oft an die Boxen gelehnt) Mick Mars mit Hut, zentral der Quartalsirre Tommy Lee hinter enormen Saints Of Los Angeles-Bassdrums, und natürlich als Impresario Vince Neil, der mit akkuratem Bärtchen und offenkundig einigen Kilo weniger einen fast schon schlanken Fuß macht. Der Sound ist ein wenig dünn, und über die Gesangsleistung des Herrn Neil (dem das englische Kerrang mal treffenderweise "crybaby vocals" attestiert hat) decken wir wie seit dem Beginn der Live-Karriere der Kollegen mal lieber den Mantel des Schweigens (sehr hoch, und wer sagt, dass man alle Wörter im Text auch singen muss?).

Aber, meine Freunde, die schiere Massiertheit dieses Auftaktes fegt alle Nörgler hinweg: die Crüe weiß genau, was die Anwesenden haben wollen, und anstelle von neuem Material setzt man richtigerweise gnadenlos auf Hitattacke. "Wild Side" und "Shout At The Devil" heißen die weiteren Steuerknüppel, und man muss es ihnen einfach lassen: diese Songs machen auch nach all den Jahren noch Spaß und zeigen, wie weit die Mötleys eigentlich von angeblichen Genre-Genossen wie Poison oder Ratt weg sind, die sich live immer als massive Dünnbrettbohrer enttarnen lassen mussten. Langsam wird klar: eine dekadente Show a la Carnival Of Sins wird das nicht, aber eine Party ersten Ranges. Mit "Saints Of Los Angeles" kommt dann doch eine der stärkten neuen Nummern zum Zuge - der Refrain kommt dabei live vom Band - bevor ein kurzes Gitarrengegniedel direkt in den ultimativen Brecher "Live Wire" übergeht. "Too Fast For Love" und (gekürzt) "On With The Show" vom rauen ersten Album schließen sich nahtlos an.

Ja, meine Herren, was wollt ihr denn noch als Zugabe bringen? Aber die Taktik ist klar: das ist, wie wenn man mit Sommerreifen den Berg hochfährt. Solange man in Schwung bleibt, klappt die Sache, aber sobald man stoppt, hat man verloren. Die Jungs scheinen zu wissen: wenn ich schon die Kommerz-Nummer fahre, dann darf ich mir keinen Quatsch erlauben, also nix Endlos-Solo oder Songs, die keiner hören will. Immer wieder gibt es nach Songs kleinere Pausen, in den z.B. ein Bruce Dickinson die Menge ja üblicherweise erst recht zum Kochen bringt. Das ist hier nicht der Fall, Vince richtet sich nur mit Standardsprüchen an die Angereisten ("You guys know how to rock", jaja rufst emal wieder an), aber immer wieder folgt darauf ein Knaller, der die Tanzbeine schwingen lässt. Aber jetzt, jetzt kommt Showman Tommy Lee endlich mal vor, durchtrainiert, mit "Mayhem-"Tattoo quer über den Bauch. Der spricht mit seiner sonoren Stimme zu uns, fragt, ob jeder alright sei, und reicht dann eine Flasche Jägermeister durch die Menge. Na, geht doch, oder?

Weiter im Text mit der Saints-Single-Auskopplung "Motherfucker Of The Year" und "White Trash Circus", bevor sich Vince dann selbst die akustische Gitarre umhängt. Das nun folgende "Don't Go Away Mad (Just Go Away)" markiert nun doch einen auch musikalischen Genuss, zumal die Vocals hier weitgehend passen. Starker Song, gut gebracht. Die sich aufbauende ausgelassene Stimmung nutzt "Same Ol' Situation", das sicherlich eines der Highlights aus der Dr. Feelgood-Partyrock-Phase darstellt, die der Crüe ja ihre größten kommerziellen Erfolge bescherte. Als ob das erforderlich wäre, stellt Nikki Sixx nun die Band vor - ok, man weiß schließlich nicht, wer die Akteure hier sind. Immer wieder muss man eine Solo-Einlage befürchten (immer ans Auto mit Sommerreifen denken), aber die verkneifen sie sich wirklich - "Primal Scream" und der alte Kracher "Looks That Kill" halten das Feuer zuverlässig am Köcheln. Es ist schon bemerkenswert, wie groß der Backkatalog der Kollegen wirklich ist und wie viele Schätze sich darin verbergen. Wo die breite Masse allerdings hinzieht, zeigt sich im Anschluss: bei "Girls Girls Girls" hüpfen die vor allem die Angesprochenen besonders fröhlich mit. Meine Sache waren diese Party-Nummern nie, Shout At The Devil ist und bleibt ihre hellste Stunde, aber live macht das doch Freude. Das gilt auch für "Dr. Feelgood", den Millionenseller, der sich wochenlang in den Charts hielt und heute den regulären Set - wieder mit komplett vom Band erklingenden Refrain - beendet.

Ok, mal kurz nachgedacht, es fehlt eigentlich nicht mehr viel. 90 Minuten Spielzeit, völlig ohne Mitsing-Spielchen-Füller, Soli und anderen Quatsch geht das ok, und außer "Ten Second To Love" oder "Too Young To Fall In Love" fehlt eigentlich auch nichts wirklich Essentielles. Jetzt wird ein Klavier auf die Bühne geschoben (Ein Klavier! Ein Klavier! Mutter, wir danken Dir), und Tommy Lee schwingt sich locker dahinter und klimpert die Eröffnung des Theater Of Pain-Juwels "Home Sweet Home". Das ist der beste Moment des ganzen Abends: sie stehen versammelt um den Flügel, Vince singt sehr anständig, die anderen andächtig bei der Sache, Tommy recht versiert (kein Playback, so weit ich das sehen kann). Danach ist endgültig Schluss, mit "Good night, and God bless" verabschiedet man sich durchaus höflich, und dann verschwinden sie nach insgesamt 95 Minuten.

Braucht man das? Nicht unbedingt, das ist nichts Revolutionäres, aber wer die alten Reißer mag, der kommt voll auf seine Kosten. Eine Setlist, die ich selbst mir nicht anders gewünscht hätte, eine professionelle Leistung und eine saubere Inszenierung machen die genannten Defizite locker wett. In der Form können sie gerne wieder kommen.

Setlist Mötley Crüe:
Kickstart My Heart
Wild Side
Shout At The Devil
Saints Of Los Angeles
Live Wire
Too Fast For Love
On With The Show
Motherfucker Of The Year
White Trash Circus
Don't Go Away Mad (Just Go Away)
Same Ol' Situation
Primal Scream
Looks That Kill
Girls Girls Girls
Dr. Feelgood
Home Sweet Home

Holgi

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