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Interview

Interview mit Edguy (08.05.2004)

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Wochenlang hüpfte ich mit einer mords Vorfreude im Bauch durch die Gegend und endlich wurde es wahr: Edguy beehrten Süddeutschland mit ihrer Headlinertour und brachten Brainstorm und Nocturnal Rites mit! Im Gepäck: das brandneue Album Hellfire Club, einen riesigen Bühnenaufbau und eine CD der Münchner Freiheit. Gitarrist Jens Ludwig war vor dem Konzert freiwilliges Opfer unserer Neugier.

HH: Wo treibt sich denn der Rest der Band rum?

Jens: Keine Ahnung, Tobias (Exxel, Bass - Kara) steht da rum, Tobi ist im Hotel...

HH: Im Hotel?

Jens: Ja, der hat manchmal ein Hotelzimmer, wo er tagsüber mal ein Stündchen pennen kann oder zwei, um sich einfach ein wenig zu schonen.

HH: Wegen der Stimme?

Jens: Ja, auch. Bis jetzt verlief alles ohne Krankheiten, das ist auch gut so. Wir wollen's so beibehalten.

HH: Aber erstmal zur Warnung, wir sind nicht vorbereitet heute!

Jens: Ich auch nicht, das ist also nicht so schlimm!

HH: Seid ihr schon lang unterwegs?

Jens: Seit 01. April, das sind jetzt drei Wochen.

HH: Und wie war's bisher?

Jens: Durchaus positiv. In den ersten Tagen jetzt muss sich erstmal alles eingrooven, so die ersten zwei, drei Konzerte, aber seitdem lief eigentlich alles wie geschmiert.

HH: War's denn ausverkauft bis jetzt?

Jens: Relativ. Wir hatten z.B., was ziemlich geil war, Pratteln in der Schweiz ausverkauft, das war superfett. Ich glaube Paris auch, also bis jetzt können wir uns über den Zuschauerschnitt nicht beschweren, auch Tschechei, Slowakei hatten wir so zwischen sechs- und achthundert Leute, also überall wo wir bisher gespielt haben eine deutliche Steigerung im Vergleich zum letzten mal und das ist ja eigentlich schon mehr als gut.

HH: Merkt ihr eigentlich noch wo ihr seid oder ist das ein Backstage Bereich nach dem anderen?

Jens: Ja, das steht da immer auf unseren Listen. Nein, natürlich guckt man auf seinen Plan, wo man als nächstes hinkommt, weil manchmal kann man sich zwischendurch ein paar schöne Sachen angucken oder man kennt Leute aus der Gegend, dann versucht man, die zu treffen. Wir versuchen schon, uns da zu informieren und wir sind ja auch nicht irgendwie, dass wir so im Suff durch die Gegend laufen, dass wir gar nicht mehr wissen, wo wir uns aufhalten. Aber im Prinzip hast du schon recht, man wacht morgens auf, irgendwie vor einer Halle und geht in irgendeinen Backstage Raum oder hält sich im Bus auf, geht dann Abends in den Bus und wacht morgens an einer anderen Halle wieder auf. Also das ist manchmal schon ein bisschen strange, man muss sich schon dran gewöhnen. Aber auf der anderen Seite sind wir hier ein netter Haufen und es macht tagsüber schon Spaß, man kann mit jemandem zusammensitzen oder wenn man gar keinen Bock hat, setzt man sich in den Bus und schaut sich einen Film an. Also es ist auf jeden Fall angenehm.

HH: Aber man ärgert sich ein bisschen gegenseitig, oder?

Jens: Ja natürlich, das muss sein, man will ja auch seinen Spaß haben.

HH: Ihr macht das ja jetzt schon ziemlich lange, könnt ihr euch überhaupt vorstellen so einen 9to5-Job zu machen bzw. wieder?

Jens: Ich habe das noch nie wirklich gemacht, das einzige, was ich richtig gearbeitet habe, waren mal Ferienjobs und Zivildienst, wenn man das wirklich Arbeit nennen kann.

HH: Von der Schule auf die Bühne.

Jens: Ja, ohne Scheiß, wir haben sehr zeitig angefangen. Die ersten Tourneen 1998 haben wir in den Sommerferien gemacht, das hat bis jetzt alles so funktioniert. Ich habe noch nie einen "ordentlichen" Job gemacht, kann's mir aber auch nicht vorstellen. Mal gucken, aber ich will da auch gar nicht dran denken. Jetzt momentan läuft's halt so gut und man genießt es einfach und versucht da dran zu arbeiten, dass man diesen Weg noch weiter bestreiten kann, solange wie's eben geht.

HH: Ihr habt noch gar nicht darüber nachgedacht, was danach kommt? Ich meine, Tobi hat die Schule abgebrochen, habt ihr sie alle fertig gemacht?

Jens: Ne, ne, wir haben alle die Schule beendet. Wenn das jetzt mit der Musik nicht mehr funktionieren würde, könnte ich studieren zum Beispiel. Irgendwie Sozialwesen oder Hauswirtschaftslehre, ich habe keine Ahnung. Aber ich mag mir darüber jetzt noch überhaupt keine Gedanken machen, irgendwas wird sich schon finden, dadurch, dass man jetzt eben in dieser Branche den Fuß drin hat, denke ich, dass ich auch weiterhin irgendwie, selbst wenn jetzt das mit dem selber Musik machen nicht mehr funktioniert, als Roadie anheuern könnte oder so, das macht ja auch Spaß. Aber wie gesagt, da will ich mir jetzt überhaupt keine Gedanken drüber machen, was ich mache, wenn's überhaupt nicht mehr funktioniert. Das kann ich machen, wenn es soweit ist und dann sehen wir weiter.

HH: Wir hart ist eigentlich das Musik Business? In letzter Zeit ist ja eine riesen Diskussion entstanden, hohe CD-Preise, die Musikindustrie klagt ohne Ende, dass die bösen Raub- und Privatkopierer ihnen das Geld abgraben. Merkt ihr den harten Konkurrenzkampf nach dem Motto: "Bringt Geld oder ihr fliegt!" oder ist es doch noch so, eben weil ihr gerade sehr erfolgreich seid, dass ihr ein Art Schutzzone um euch rum habt?

Jens: Naja, im Prinzip muss man sich der Sache halt bewusst sein, dass sobald man einen Plattenvertrag unterschreibt, egal bei welcher Firma, möchte die Plattenfirma mit einem Geld verdienen, die Plattenfirma investiert in eine Band und dann ist das ganz logisch, wenn sich das für die Plattenfirma nicht rechnet, die müssen ja schliesslich auch ihre Angestellten ernähren, dass man dann irgendwann sagen muss: "Hey Jungs, wir müssen uns mal unterhalten!". Das ist ja völlig logisch. Dessen sollte man sich aber von Anfang an bewusst sein. Ich halte es für unrealistisch, dass es Leute oder Plattenfirmen gibt, die irgendwelchen Bands Geld in den Hintern blasen, nur weil sie Spaß dran haben. Wenn die Band dann nichts abwirft, ist es völlig klar, dass die Plattenfirma irgendwann sagt: "Hey, so geht's aber nicht weiter." Gut, aber wir hatten bisher das Glück, dass wir noch nie in so einer Situation waren. Die Leute haben mit uns bis jetzt eigentlich recht gern mit uns zusammengearbeitet, wahrscheinlich, weil sie auch gut Geld damit verdient haben, aber ich meine, das ist auch in Ordnung so, so ist das nunmal. Und wenn man Musiker sein möchte, dann findet man sich damit ab oder man lässt's von vornherein bleiben. Logisch, es gibt schon irgendwie Haie und nicht ganz ehrliche Leute, aber man kann sich ja mit Verträgen absichern.

HH: Ihr wart ja vor kurzem bei dieser ProSieben Show und seid auch sonst im Fernsehen gut vertreten, inwieweit verkauft ihr euch da, weil das Label das macht oder macht ihr das freiwillig, weil das einfach dazugehört?

Jens: Wir machen das freiwillig. Das ist doch geil, überleg doch mal. In der Metal Szene sind wir vielleicht sehr bekannt, aber es ist ja kein Geheimnis, wir als Band möchten ja auch Platten verkaufen, wir möchten unsere Musik ja auch soweit verbreiten, wie es nur geht und wenn man eben die Chance geboten bekommt, sich vor einem Millionenpublikum im Fernsehen zu präsentieren, ohne dass man sich verbiegen muss, d.h. wir haben jetzt keine Choreografie dafür eingeübt oder irgendwie einen speziellen Song dafür geschrieben, der irgendwelchen Teenies gefallen wird, solange man sich da nicht verbiegt und sich selbst treu bleibt und einfach seinen Stiefel durchziehen kann, ist das eine geile Sache. Wenn man überlegt, dass da tausend Teenager waren, die das gesehen haben und denen das vielleicht gefallen hat, die informieren sich vielleicht mehr darüber und kommen dann in diese Musikrichtung generell rein und wenn sich die die nächste Primal Fear kaufen anstatt die neue Single von Alexander Klaas, dann ist das für mich ein spitzenmäßiger Erfolg. Man muss das mal so sehen, ist doch wahr. Bei uns im Gästebuch und im Forum gab's da auch Diskussionen und ich wurde auch schon von vielen Leuten angesprochen, aber ich kann der Diskussion ehrlich gesagt nicht folgen. Einerseits beschweren sich die Leute, dass Heavy Metal im Fernsehen kaum stattfindet, dass es zu wenig Musiksendungen gibt und Videos werden kaum gespielt, und bekommt jetzt eine Band wie wir, oder Nightwish ist ja jetzt auch bei Top Of The Pops, die Möglichkeit geboten, da mal in dieses Metier vorzustoßen und da mal eine Fuß reinzukriegen und den Leuten mal zu zeigen, dass es da auch noch was anderes als Pop- und Superstars gibt und dann beschweren sich die Leute wieder und sagen, jetzt ist aber Ausverkauf. Ich kann der Diskussion ehrlich gesagt nicht folgen und generell als Fazit, solange man sich da nicht verbiegen oder Arschkriechen oder irgendwas machen muss, was einem nicht passt, dann ist das doch völligst legitim.

HH: Wie waren den die Reaktionen des Publikums? Ich habe einmal diesen legendären Maiden Auftritt bei Top Of The Pops gesehen, die waren vorne alle wie reinbetoniert gestanden und irgendwo war ein ganz einsamer Headbanger. War das bei euch auch so oder hat euch das Publikum angenommen? Da hat man im Fernehen ja kaum was gesehen.

Jens: Das Publikum hat uns angenommen, da waren wir auch sehr überrascht. Wir waren sicher aufgeregt davor, aber einerseits kann ja eigentlich nichts passieren, weil die Zuschauer ja gedrillt werden, die bekommen ja Zeichen von der Seite, Applaus usw. Aber ohne Scheiß, ich habe da extra mal auf diesen Typen geachtet, der hat bei uns nichts gemacht, die Leute sind von ganz allein abgegangen, die haben das anscheinend doch angenommen. Und es hat Spaß gemacht, es war zwar ein komplett anderes Publikum, was du da vor Augen hast, das war ein bisschen ungewohnt, aber da musst du das beste draus machen und das ist natürlich eine besondere Motivation, solche Leute zu überzeugen, die nicht schon jede Platte von einem im Schrank stehen haben. Das ist dann natürliche eine Herausforderung und da hängt man sich gerne mal rein.

HH: War das alles live oder hat nur Tobi live singen dürfen?

Jens: Nein, wir waren ja zweimal bei dieser Show, das erste mal haben wir noch Halb-Playback gemacht, da hat Tobi live gesungen. Das hat uns aber im Nachhinein ehrlich gesagt auch nicht gepasst, weil du hast da bei dieser Show die Leute hast, die im Ton sitzen und die mit dieser Musik in ihrem Alltag auch nicht wirklich viel zu tun haben und das wurde wie Popmusik gemischt, d.h. die Musik war irgendwo im Hintergrund und die Stimme ganz weit vorne, aber bei unserer Musik ist das eher ebenwertig und deswegen haben wir beim nächsten mal gesagt, wir gehen auf Nummer sicher, wir möchten den Song so gut wie möglich präsentieren und der soll dann auch gut klingen, wenn man eben schon mal diese Chance hat und deswegen sind wir dann auf Voll-Playback umgestiegen. Das war geil, da kannst du posen wie ein Großer, weil du eh keine Fehler spielen kannst und wer's wirklich wissen möchte, der schaut sich ein Konzert von uns an und weiß dann auch, dass wir den Kram live spielen können. Im Prinzip ist es ja eine Auszeichnung für das Fernsehen, man möchte jetzt nicht irgendwie live die Zuschauer anfeuern, sondern die sind ja im Prinzip nur da um das Bild ein wenig schöner zu machen. Und deswegen hatten wir auch kein Problem damit. Wir wollten den Song präsentieren, es war Playback, im Video ist auch immer alles Playback, da beschwert sich auch keiner, ist auch für's Fernsehen gemacht, also Augen zu und durch und Spaß haben.

HH: Kurz zu dem Video, Dirk ist leider nicht da, dass ich ihn persönlich fragen könnte: Hat Dirk seine zurückweichende Haarlinie absichtlich unter dem Hut versteckt oder war der Hut wegen dem allgemeinen Outfit?

Jens: Das war einfach wegen dem allgemeinen Outfit, ja. Also bei unserem nächsten Video trägt er kein Stirnband.

HH: Ich musst nur so lachen, als ich die Fotos gesehen habe, aha, ihr werdet schon auch älter.

Jens: Ja natürlich, aber wir sind ja immer noch relativ jung. Aber logisch wird man älter, das kann man ja wohl nicht leugnen.

HH: Habt ihr euch durch den ganzen Zirkus persönlich verändert? Merkt ihr selber, dass ihr anders geworden seid als damals beim Abi?

Jens: (überlegt) Keine Ahnung, kann ich selbst nicht beurteilen. Sicher, man ist älter geworden, wenn man einen trinkt, braucht man vielleicht mal einen ganzen Tag um sich zu erholen, als früher, als man nach fünf Stunden wieder fit war. Ansonsten - uns selber fällt das irgendwie nicht auf, das war ja auch eine sehr langsame Entwicklung, die die Band durchgemacht hat. Uns gibt's jetzt seit zwölf Jahren und ich habe jetzt noch den gleichen Freundeskreis wie vor zehn Jahren, grob gesagt. Ich treffe immer noch Leute aus der Schule, ich gehe immer noch in die gleichen Kneipen, also wenn man nicht auf Tour ist, fühlt man sich zuhause eigentlich nicht wirklich anders als sonst. Sicher, im Hinterkopf hat man schon, "Hey cool, nächste Woche fliege ich nach Australien und spiele da ein Konzert!", das ist schon ein tolles Gefühl, ganz klar. Aber ob wir uns jetzt persönlich verändert haben, kann ich nicht beurteilen, da müsste man Aussenstehende fragen, die uns über längere Zeit erlebt haben. Die Leute sagen eigentlich immer, dass wir bodenständig geblieben wären und wir zicken normalerweise auch nicht rum, dass wir Vorbands abhacken oder sonst irgendetwas. Ich denke, mit uns kann man sich noch ganz normal unterhalten.

HH: Tragt ihr Designerklamotten?

Jens: Ja, H&M, was man vom Endorser geschenkt bekommt, das ist alles Qualitätsware. Neee, ich bin doch nicht bescheuert, ich kaufe mir doch nicht so teures Zeug, warum? Ist doch albern. Wenn dann ein schönes Auto, wenn ich mal das Geld dazu haben sollte.

HH: Was für ein Auto?

Jens: Keine Ahnung, das kommt darauf an, wieviel Geld ich habe. (lacht)

HH: Ihr verdient doch relativ gut, war das Album eigentlich euer bestes bisher? Ich meine mich zu erinnern, dass Mandrake höher in die Charts eingestiegen ist.

Jens: Ja, schon, Mandrake ist höher in die Charts eingestiegen, aber andererseits war Mandrake nach der zweiten Woche schon wieder draussen und mit der Platte halten wir uns jetzt schon die fünfte Woche. Ich weiß allerdings nicht, ob sich das jetzt besser verkauft, die Scheibe ist jetzt glaube ich vier Wochen draussen, das kann man noch nicht absehen. Momentan halten wir uns noch, die Verkäufe sind noch konstant, insofern warten wir einfach mal ab. Was uns bei der Tour aufgefallen ist: wir hatten überall eine Steigerung der Zuschauerzahlen. Deshalb denke ich, dass das Album auch noch ganz gut abgehen wird. Gerade in Japan war es um vieles besser als die Vorgängeralben, ansonsten ist es jetzt noch zu früh, um irgendwelche Prognosen zu stellen. Warten wir einfach mal ab, was passiert.

HH: Wart ihr überrascht von dem ganzen Lob das ihr bekommen habt? Im Rock Hard habt ihr den ersten Platz im Soundcheck eingeheimst.

Jens: Ja, an sich schon. Man freut sich immer über gute Kritiken, man liest sich das durch und freut sich. Was die Journalisten schreiben ist aber eine Sache, uns interessiert aber viel mehr, was die Leute nach dem Konzert zu uns sagen, wenn es denen gefällt, die die Platte auch kaufen, dann sind wir viel glücklicher, als wenn ein Journalist schreibt, dass er die Platte toll findet.

HH: Ihr kriegt das ja auch mit oder?

Jens: Ja natürlich, im Ausland jetzt weniger, aber hier in Deutschland schon. Wir kaufen uns ja auch die Magazine und überlegen, was sie jetzt wieder sagen. Das ist natürlich auch eine spannende Sache.

HH: Was ist das für ein Gefühl, wenn man sich selbst in einer solchen Zeitung anschaut?

Jens: Ich habe mich daran gewöhnt, sagen wir mal so! (lacht)

HH: Ihr seid ja alle recht fotogen und gerade Tobi kommt auf Foto um einiges besser rüber als in Echt.

Jens: Findest du?

HH: Das ist ein Kompliment, er ist sehr fotogen, ich bin das nicht! - Bist du im Nachhinein zufrieden mit der Scheibe oder würdest du etwas anders machen wollen?

Jens: So wie die Scheibe jetzt ist, bin ich 100% damit zufrieden. Sobald du im Studio fertig bist, dann fallen dir logischerweise sofort zwei, drei Sachen vom Produktionsablauf ein, wo man sich überlegt, dass man hier und da noch eins draufsetzen könnte, aber irgendwann muss man einen Schlussstrich ziehen und sagen, das ist es jetzt eben. Dafür sind wir alle sehr zufrieden mit der Platte, es ist alles so geworden, wie wir uns das vorgestellt hatten. Es rotzt gut und wir haben ein schönes Orchester dabei, das im Hintergrund mal ein bisschen Fülle macht, die Songs gefallen uns nach wie vor und das ist jetzt unser aktueller Standard. So kann man das ungefähr beschreiben. Was bei der nächsten Platte kommt... da wird man natürlich versuchen, nochmal einen draufzusetzen und irgendwas anders zu machen, aber auch da machen wir uns jetzt noch gar keine Gedanken drüber, weil jetzt erstmal die Tour ansteht. Diese Platte haben wir in der Hinterhand und es gilt jetzt erstmal, sich auf die Tour zu konzentrieren. Wenn das dann Ende des Jahres fertig ist, dann fängt man langsam an zu überlegen, was man auf der nächsten Platte macht. Naja, was heisst überlegen, wir haben bis jetzt noch nie großartig darüber nachgedacht, was wir machen sollen, sondern haben uns immer einfach hingesetzt und Songs geschrieben und geguckt, was dabei rauskommt, denn es ist absoluter Blödsinn, sich Richtlinien zu setzen, bevor man überhaupt anfängt zu schreiben. Da kommt man unserer Meinung nach auf keinen grünen Zweig. Wir versuchen einfach das zu machen, worauf wir gerade Bock haben und mal schauen, auf was wir nächstes Jahr dann Lust haben.

HH: Wie ist denn die Tendenz, dass euer Material härter wird. Gerade auf der letzten Scheibe war z.B. "Nailed To The Wheel" schon ein bisschen härter. Ist das so die Tendenz, bei den schnellen Sachen ist es eigentlich immer ein Pfund mehr? Glaubst du, dass das noch so weiter geht, so von dem jugendlichen Happy Metal hin zu mehr Härte?

Jens: Das kann schon passieren. Dass die Songs härter sind, war nicht wirklich beabsichtigt. Das einzige, was wir uns im Vorfeld überlegt hatten, welchen Schritt wir gehen wollten, war, dass wir vom Sound her ein wenig roher klingen wollten. Deswegen haben wir Schlagzeug und Bass wieder auf Analog-Bändern aufgenommen und das Ganze ist nicht mehr überproduziert; wir wollten es nicht mehr so glattgebügelt haben, es sollte einfach Rock'n'Roll sein. Wenn wir live spielen, haben wir nämlich auch nur unsere zwei Gitarren, Bass, Gesang, Schlagzeug und das war's. Da hat man eben keine fetten Chöre im Hintergrund. Gut, das sind zwar unsere Trademarks und die möchten wir auch beibehalten, das finden wir nach wie vor geil. Live singen wir halt nur mit vier Leuten, aber das passt auch. Wir haben einfach festgestellt, dass das Dreckige, das Rotzige uns auch sehr viel Spaß macht und zu unserer Musik passt und deswegen wollten wir soundtechnisch ein wenig dreckig werden. Dementsprechend sind die Songs vielleicht auch so geworden, wie sie sind.

HH: Im Nachhinein, jetzt wo ihr die Platte kennt, würdet ihr dieses Orchester wieder engagieren? Ich finde, dass die Samples heutzutage schon soweit sind, dass man das Album auch ohne Orchester fast so gut hinbekommen hätte. Findet ihr, dass sich das gelohnt hat und würdet ihr das wieder machen?

Jens: Ja, auf jeden Fall. Gut, ab einem bestimmten Punkt kannst du keine Steigerung von 50% oder sowas haben. Das sieht man gerade produktionstechnisch. Wenn man jetzt unsere Platte, die sagen wir 100.000 Euro gekostet hat, gegenüberstellt zu Platten, die meinetwegen 500.000 Euro gekostet haben, dann ist zwar der finanzielle Unterschied sehr hoch, aber der klangliche Gewinn fällt nur sehr, sehr gering aus. Bei kleineren Sachen kann man größere Schritte machen, was den Zuwachs an Qualität angeht, aber wenn man sich schon auf einem sehr hohen Level bewegt und dann noch ein paar Prozent draufsetzen will, muss man entsprechend mehr investieren. Ich finde schon, dass sich das Orchester auf jeden Fall gelohnt hat. Als ich das auf Platte gehört habe... das hat eine Dynamik, das bekommt noch kein Sampler hin, da ist einfach ein Unterschied. Vielleicht spielt bei mir auch eine Rolle, dass ich weiß, dass es ein echtes Orchester ist und dass es sich dadurch gleich besser anhört, aber ich glaube, Samples können da einfach nicht mithalten. Das ist ein Fakt. Vielleicht haben wir ja auf der nächsten Platte überhaupt keine Songs, die ein Orchester brauchen oder wo wir kein Orchester machen wollen, dann lassen wir es natürlich weg, aber wenn es sich anbietet, machen wir das natürlich wieder.

HH: Das führt gleich zur nächsten Frage. Könnt ihr euch vorstellen, ein Album ohne Pflichtbalade einzuspielen, denn da könnte man immer ein Orchester brauchen? Forever z.B., solche Songs schreibt Tobi im Dutzend, die hätte genauso auf der Mandrake oder der Theatre... stehen können. Könnt ihr euch vorstellen ein ganzes Album lang einfach nur Gas zu geben?

Jens: Kann man sich natürlich vorstellen, andererseits weiß ich nicht, ob wir das machen wollen, es macht auch Spaß, Balladen zu schreiben und zu spielen. Es ist ja auch ein Ziel, Stimmung auf der Platte zu erzeugen und dafür bieten sich Balladen als Ruhepunkt optimal an. Auch auf Konzerten finde ich das toll. Eine Platte, die von vorne bis hinten einfach nur durchballert und wo du keine Zeit zum Luftholen hast, finde ich langweilig. Das Ganze muss auch eine gewisse Dynamik haben und atmen...

HH: Das kann man aber doch auch innerhalb der Songs machen. "The Piper Never Dies" z.B. ist ein saugeiler Song mit wahnsinnig vielen Wechseln. Braucht man dann die Ballade überhaupt noch? Aber wenn ihr die Balladen weglasst, quillt wahrscheinlich euer Gästebuch über.

Jens: Keine Ahnung. Wir stehen auf solche Sachen, es macht uns Spaß und wir haben auch noch gar nicht darüber nachgedacht, ob wir ein Album ohne Balladen machen sollten. Sicher, wenn wir demnächst wieder anfangen zu schreiben und da ist keine Ballade dabei, weil sich keiner in der Stimmung fühlt, sowas zu schreiben, dann läßt man's halt, aber andererseits ist der Prozess des Songwritings irgendwie wie ein Tagebuch. Bestimmte Stimmungen, die man hat, erzeugen bestimmte Riffs, Songs oder Melodien und wenn man dann mal scheiße drauf ist oder Liebeskummer hat, dann setzt man sich hin und drückt das in Form einer Ballade aus, anstatt die Ballernummer zu nehmen. Das ist völlig logisch, aber im Vorfeld will ich jetzt keine Prognosen stellen.

HH: Tobi schreibt ja die allermeisten Texte. Hast du zufällig eine Ahnung, wie autobiografisch die sind?

Jens: Wie autobiografisch? (überlegt) Mal so, mal so, da gibt's keinen roten Faden, der sich da durchzieht, sondern er macht das frei Schnauze. Ganz einfach, was im in die Quere kommt, was ihm auffällt, was auf ihn hereinprasselt, was er fühlt, je nachdem, wie's kommt, schreibt er das halt auf. Manchmal sind es irgendwelche blöden Geschichten über ausserirdische Hasen aus dem Weltraum, andererseits sind es aber auch Sachen, die ihn persönlich betreffen oder aufregen. Aber das ist frei Schnauze, er hat kein Grundkonzept, wo er sagt, ich schreibe jetzt nur über dies oder jenes.

HH: Achtet ihr darauf, was er mit seinen Texten aussagt, teilt ihr seine Aussagen, die er macht, z.B. aus den Büchern von Aleister Crowley, oder ist euch das völlig wurscht, was er da vorne singt?

Jens: Das ist uns natürlich nicht wurst. Wir befassen uns ja auch mit den Texten und wenn Tobi auf einmal singen würde "I love Adolf Hitler", dann würden wir natürlich "Halt!" sagen. Ausserdem würde ich nicht sagen, dass er Aussagen von Crowley vertritt, sondern er hinterfragt eher Sachen. Insofern können sich die Leute selbst ein Bild darüber machen. Er will keine Meinung vertreten oder Aussagen von Crowley oder wem auch immer rüberbringen, sondern die Leute zum Denken anregen. Es ist immer besser, sich selbst Gedanken zu machen als jemandem blind hinterherzurennen, der meint, er wüsste über alles Bescheid.

HH: Wo würdest du mit Edguy noch gerne hin? Wenn du den Erfolg der letzten Jahre linear weiterführst, wie weit glaubst du, könnt ihr es schaffen?

Jens: Naja, nach oben gibt es keine Grenzen. Man arbeitet daran, man möchte mehr Leute erreichen und beim nächsten Mal noch größere Hallen spielen. Letztes Jahr, als wir unsere erste Headliner-Tour gespielt haben und wir unser eigenes Bühnenset realisieren konnten, da haben wir uns wie Kinder in einem Spielzeugladen gefühlt. "Jetzt können wir das und das machen und hier und jenes!", man verwirklicht sich da auch selber und hat Spaß an der Sache. Mit dieser Tour gehen wir einen Schritt weiter und das hat auch riesig Spaß gemacht, sich im Vorfeld zu überlegen, was wir noch machen und welche Bühnenaufbauten wir verwenden könnten. Natürlich wäre es schön, sich mal zu überlegen, was man macht, wenn man in einem Stadion spielt, aber soweit ist es noch nicht und wir denken da eher in kleinen Schritten. Wir versuchen an uns selbst zu arbeiten und wenn sich das rumspricht, wenn den Leuten unsere Musik gefällt, dann freut uns das natürlich.

HH: Hast du einen Traum? Was würdest du denn gerne mal machen? In einem Stadion spielen hatten wir ja schon. Wacken headlinen?

Jens: Wir waren da ja schon Co-Headliner, das war auch ganz nett.

HH: Balingen seid ihr noch nicht Headliner gewesen. Ich habe euch da 2000 gesehen, da hat Tobi gesagt, nächstes Jahr müsst ihr Headliner sein. Da hat Tobi die Meute angefeuert: "Sprecht mir nach: Edguy müssen nächstes Jahr Headliner sein, Horst!".

Jens: Ja, das war schon lustig.

HH: Ist das so ein Traum, die deutschen Festivals zu headlinen?

Jens: Ja klar, aber das muss nicht nur in Deutschland sein. Ich würde auch gerne mal in den USA in den Billboard-Charts auf Platz eins landen, da würde ich mich auch nicht beschweren. Aber man darf selber nicht in Größenwahn abschweifen. Natürlich, wenn du sagst, wo sind deine Traumziele, dann greift man natürlich ganz nach oben. Ob das realistisch ist, kann ich nicht einschätzen, aber man kann daran arbeiten. Wir machen im Herbst eine kleine Tour durch die Staaten und versuchen da mal einen Fuß reinzukriegen. Man fängt ja auch eine Band an, weil man im Hinterkopf hat, man müsste reich und berühmt werden und da gibt's dann nach oben keine Grenzen.

HH: Wie ist da eigentlich mit den ganzen Klischees? Habt ihr schon Hotelzimmer verwüstet, wieviele Groupies habt ihr im Schnitt?

Jens: Hotelzimmer, nö, das muss man ja alles selber bezahlen und das zahlen wir auch nicht so aus der Tasche, dass wir einfach mal sagen könnte: "Hier 10.000 Euro, hui aus dem Fenster!". Das Geld investiere ich lieber in Pyrotechnik oder sonstwas, da hat man beim besten Willen mehr davon.

HH: Was kann man denn von eurer Bühnenshow erwarten?

Jens: Schau's dir an! Es ist eine sehr schöne Bühne und es ist auch ein wenig mehr los, als beim letzten mal. Der Bühnenaufbau sieht aus wie ein schöner großer Tempel.

HH: Habt ihr vor, irgendwann eine DVD zu machen?

Jens: Ja, auf jeden Fall. Wir sind am überlegen, ob wir das vielleicht im Herbst in Süd-Amerika machen, aber auch da gibt's bisher noch keine konkreten Pläne. Definitiv ist, dass wir sowas machen wollen, wenn möglich auf dieser Tour, aber konkret ist da noch nichts und wir müssen da einfach mal abwarten.

HH: Was ist jeweils das Beste und das Schlimmste, was euch bisher auf Tour passiert ist?

Jens: Das schlimmste was einem auf Tour passieren kann, ist dass man aufgrund von Krankheit Konzerte absagen muss. Das ist immer bitter, aber die Gesundheit hat nach wie vor Vorrang und wenn Tobi nicht singen kann, dann kann er halt nicht singen. Da kann man aber auch nichts dran machen, das sind dann immer so Momente, wo man ein wenig deprimiert in der Ecke sitzt.

HH: 1999 habt ihr zusammen mit Gamma Ray gespielt und da ist der Kay Hansen teilweise ausgefallen und da hat der Tobi dann was übernommen, das fand ich ziemlich cool. Kannst du dir vorstellen, dass ihr sowas durchzieht?

Jens: Logisch. Bei der letzten Tour war es so, dass wir Konzerte absagen mussten, weil Tobi krank war. Beim Konzert in Osnabrück hat dann der Freddi von Nostradamus zwei Songs mitgesungen, um Tobi zu entlasten. Und jetzt bei dieser Tour, toitoitoi, kamen wir noch nicht in so eine Situation, aber das ist auch sowas, da macht man sich drüber Gedanken, wenn es soweit ist.

HH: Und was war das coolste oder schönste, an das du dich jetzt erinnern kannst?

Jens: Viele Sachen. Bei der letzten Tour ist mir Australien sehr gut in Erinnerung geblieben, da freu ich mich auch wieder riesig drauf, wenn's da wieder hingeht.

HH: Warum? Wegen den Leuten, weil es so viele waren?

Jens: Das war vielmehr das Land an sich, die Atmosphäre einfach. Du läufst da auf die Straße und die Menschen sind da ganz anders, die sind eine ganze Ecke freundlicher als in Deutschland und alles war sehr offenherzig, sehr warm. Gut, wir sind in Australien keine Megastars, aber du läufst da durch die Straßen und dich quatschen einfach Leute an und fragen dich: "Hey, du kommst aber nicht von hier, das sieht man dir doch an!". Dann unterhälst du dich mit denen fünf Minuten, dann wünschen die dir noch viel Spaß und du sollst die Zeit dort genießen, dann gehen sie weiter und and er nächsten Ecke kommst du wieder mit jemandem ins Gespräch. Das war eine Atmospäre, wie ich sie von Deutschland oder Europa generell noch nicht gekannt habe. Das bleibt einem natürlich sehr positiv im Gedächtnis. Andererseits war in Brasilien am Strand zu liegen auch sehr schön. (lacht) Das sind dann die Annehmlichkeiten, die die Sache mit sich bringt, wenn man mal einen Tag Zeit hat und sich was gönnt, dann ist das umso geiler.

HH: Und welches Land würdest du noch gerne betouren?

Jens: Afrika, das fände ich mal sehr interessant. Ansonsten, wo immer sich ein Promoter findet, wo Fans sind, vor denen man spielen kann, sind wir am Start, wenn's realisierbar ist.

HH: Was kostet ihr für einen Auftritt?

Jens: Das kommt ganz darauf an.

HH: Wenn euch jetzt z.B. jemand auf einen Geburtstag einladen würde?

Jens: Da rufst du unsere Konzertagentur All Access an und fragst die mal!

HH: Welche CDs laufen bei euch im Tourbus?

Jens: In letzter Zeit sehr viel Münchner Freiheit. Das kam irgendwie von der Crew. Der Ernst, unser Tonmann, ist ein Münchener und er hat das irgendwie mal angeschleppt. Ich finde das auch nicht schlecht. Den ganzen Tag hast du das Geballer um die Ohren und da finde ich es auch mal ganz schön, gerade wenn du und die Crew einen 15, 16 Stundentag hinter sich haben und du die ganze Zeit unter Strom stehst, dann ist es schon ganz angenehm, wenn du mal was Seichtes hörst. Ansonsten läuft von Fear Factory über Bon Jovi bis Münchener Freiheit alles querbeet, worauf man halt grad Bock hat.

HH: Bist du eigentlich froh, dass du nicht der Mann auf der Bühne bist, der nicht im Mittelpunkt steht, sondern dass das der Tobi macht oder würdest du da auch gern mal den großen Macker machen?

Jens: Der macht das schon sehr, sehr gut da vorne. Ich weiß auch nicht, ob ich das so gut drauf hätte wie er, weil er hat da schon einen ganz besonderen Draht zu den Leuten.

HH: Aber er sollte keinen Witz über den Postfrosch erzählen.

Jens: Dann wär's aber auch nicht mehr die Band in dieser Konstellation, wie sie jetzt ist. Ich finde das schon gut, wie es jetzt ist. Ich beschwere mich auch nicht im geringsten über meine Position und das ist schon in Ordnung so. Man soll ja nicht versuchen, was zu reparieren, was nicht kaputt ist.

HH: Vom Hören her hat sich dein Gitarrenspiel auf der letzten Scheibe deutlich verbessert, auch was die Soli betrifft sind die komplizierter geworden. Hast du dich dahingehend bewusst entwickelt oder hat sich das einfach so ergeben?

Jens: Ich war noch nie der Mensch, der viel sein Gefrickel geübt hat, sag' ich mal so. Das war mir viel zu langweilig. Ich habe eher eine CD reingeworfen und versucht da mitzuspielen und mir Soli rauszuhören. Natürlich versucht man von der musikalischen Seite her von Album zu Album was besser zu machen. Ich habe an mich selber noch Anspruch, da gibt es immer noch Sachen, die man besser machen kann, wo man mehr Feeling reinbringen kann, wo man vielleicht, wenn es sich anbietet ein wenig rumfrickeln kann. Den Anspruch hat jeder in der Band an sich selbst und das macht das Endprodukt stimmiger und besser. Ich werde auch weiterhin an mir arbeiten und natürlich, wenn man ein Jahr lang auf Tour ist und jeden Abend 90 bis 100 Minuten spielt und sich vorher noch eine Stunde warmspielt, das macht sich am Ende der Tour natürlich bemerkbar, dass man da ein wenig flinker geworden ist und das setzt man dann auch in den Songs um, wenn's passt.

HH: Hattest du wirkliche Gitarrenheros in deiner Jugend bzw. hast du die immer noch?

Jens: Nicht wirklich muss ich ehrlich sagen. Großes Vorbild als ich angefangen habe, war Kai Hansen, weil der einen guten Mittelweg findet, genauso wie Zakk Wylde oder Al Pitrelli. Die finde ich genial, das sind Leute, die haben eine technische Basis, die wirklich vom Feinsten ist, aber die haben es nicht nötig, das den Leuten auf's Auge zu drücken und über's Griffbrett zu wichsen bis zum geht nicht mehr. Am besten kann man das beschreiben, wenn man sagt, die haben Rock'n'Roll, die haben Feeling und da stehe ich selber auch sehr drauf. Ein Solo soll ja auch Melodie und Wiedererkennungswert haben und wenn ich mir da irgendwelche Malmsteen Sachen anhöre... . Ich erkenne schon an, er ist technisch wahrscheinlich der absolute Gott, aber mir gefällt das halt nicht, da wird mir schwindelig, wenn ich mir das anhöre.

HH: Wenn du Zeit für ein Nebenprojekt hättest, was für Musik würdest du dann damit machen?

Jens: Also es sollte auf jeden Fall mit Gitarren zu tun haben. Für alles andere bin ich sehr offen. Unser Techniker im Studio, der uns immer aufnimmt, der ist auch Songwriter und hat mal eine CD gemacht, das ging dann in die Richtung U2, so Singer-Songwriter, auch ein wenig Gitarrenpop, da habe ich mitgespielt und ein, zwei Konzerte mit ihm gespielt. Das hat auch sehr viel Spaß gemacht. Es war einfach mal was ganz anderes. Auf der anderen Seite habe ich einen Bekannten, der einfach mal ein bisschen grunzen wollte, da habe ich mich hingesetzt und gesagt, jetzt schreibst du mal einen Thrash oder Black Metal Song. Man versucht das einfach mal, das macht auch Spaß anstatt immer nur das gleiche zu machen. Man muss sich da rechts und links auch mal austoben können. Das muss jetzt nicht innerhalb der Band passieren, mit der Band haben wir unseren Stiefel schon gefunden, den wollen wir auch so durchziehen und für alles was man anders machen will, sind Projekte da.

HH: Das kostet aber auch viel Zeit, oder?

Jens: Nein, überhaupt nicht, ich habe jetzt nicht das dringende Bedürfnis danach, ich fühle mich mit der Musik, die wir machen, sehr wohl und der Rest der Band auch.

HH: Wenn man dich in eine Zeitmaschine stecken könnte, wo würdest du aussteigen wollen?

Jens: Wenn ich die Möglichkeit hätte, würde ich mir schon mal gern die Zukunft angucken, nur aus Neugierde, wohin sich die Menschen noch so katapultieren. Ich kann jetzt nicht sagen, ob in's Positive oder Negative, das weiß ich nicht, aber mich würde mal interessieren, wo der ganze Scheiß noch hinführen wird. Ich würde auf jeden Fall nach vorne gehen, denn was hinter mir passiert ist, kann ich auch in Büchern nachlesen, wobei man sich das ein oder andere schon gern mal angucken würde.

HH: Konzerte oder worauf spielst du an?

Jens: Nein, geschichtliche Ereignisse einfach. Als Nero z.B. Rom angezündet hat, das fände ich schon interessant mal zu sehen.

HH: Wenn du für einen Tag eine andere Person sein könntest, wen würdest du dann auswählen und warum?

Jens: (überlegt) Gute Frage, keine Ahnung. Da habe ich noch nie drüber nachgedacht. Vielleicht mal für einen Tag Gott sein, das wäre schön. Aber darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht, da fällt mir jetzt nichts zu ein.

HH: Auch nicht Pamela Anderson?

Jens: Naaa, das mit Hepatitis und so, lass mal!

HH: Gene Hoglan hat mal gesagt, er würde einfach mal eine Frau sein wollen, einfach mal sehen wie das so ist.

Jens: Das wäre natürlich auch interessant, so für einen Tag wäre das ok. Oder für einen Tag ein wirklich hochkarätiger Politiker, um mal hinter die Kulissen zu gucken, um zu sehen, was da wirklich abgeht.

HH: Wenn eure Musik eine Pflanze wäre, was für eine wäre das?

Jens: Öhh? Fleischfressend.

HH: Ich habe daheim eine, die frisst die ganzen Fliegen auf, das ist schon praktisch. Ach ja, der Spagat von Tobi auf dem Promofoto, ist der echt?

Jens: Ja.

HH: Der kann das?

Jens: Der kann so hoch springen, das ist nicht gefaked.

HH: Sehr sexy. Ihr habt ja viel Sex in euren Texten...

Jens: Das gehört ja zum Rock'nRoll dazu, oder? (grinst)

HH: Aber die Drogen lasst ihr weg, oder?

Jens: Ja, bitte! Gut, wir trinken gerne, so auf Tour ab und zu mal, das macht schon Spaß, aber man darf es natürlich auch nicht übertreiben

HH: Ist so ein Totalabsturz schon mal vorgekommen, soweit, dass die Mucke beim nächsten Konzert viel zu laut war?

Jens: Nein, das ist noch nicht passiert. Da muss man einfach ein wenig diszipliniert sein. Wir sind jetzt sechs Wochen am Stück am touren und insgesamt wahrscheinlich bis zum Ende des Jahres, ich möchte danach noch aufrecht gehen können, ich möchte danach noch gesund sein und ich möchte danach noch wissen, wie ich heisse.

HH: Bringt das Touren was für eure Konditon?

Jens: Ich denke schon, aber man muss sich im Vorfeld ganz einfach vorbereiten, ansonsten hält man das nicht durch. Wir haben vor ein paar Tagen eine Show in Paris gespielt, das war abartig von der Hitze her. Da hat der Veranstalter mittags die Heizung angeschmissen, damit die Leute abends mehr trinken, und dann war das Ding mit ca. 1400 Leuten einfach voll. Dann hast du noch Pyrotechnik hinter dir und Scheinwerfer, das mach das Ganze auch nicht kälter, das war wirklich so ein Ding, wo ich zwei Stunden nach dem Konzert immer noch da saß und gepumpt habe wie ein Maikäfer, weil der Sauerstoff auf der Bühne knapp wird.

HH: Und wie bereitet man sich da vor?

Jens: Einfach ein wenig Sport treiben. Ich versuche regelmäßig zu schwimmen, halbwegs anständig essen, wenn es denn geht und natürlich nicht allzuoft abstürzen. Ansonsten gehst du daran kaputt. Man möchte die eineinhalb Stunden auf der Bühne ja auch Gas geben und den Leuten für ihr Geld was bieten und die auch überzeugen, beim nächsten Mal wiederzukommen. Das ist nicht möglich, wenn man bis morgens um sieben säuft und mit Tränensäcken auf die Bühne geht. Sicher, man kann vorher einen Warmmacher trinken, so ein Gläschen Wein macht schon Spaß, macht locker und dann kann man auch Gas geben, aber man soll's echt nicht übertreiben. Logisch gibt's auch mal Feten, wo man abstürzt, aber wenn das einmal passiert, ist das auch nicht so wild, Hauptsache man kann am nächsten Tag sein Konzert so gut spielen, wie's nur irgend sein soll.

HH: Wie läuft das dann mit eurem Privatleben, mit eueren Freundinnen? Wie läuft das mit dem Kontakt, ihr seid immerhin ein dreiviertel Jahr weg.

Jens: Telefon! Und wenn's passt besucht man sich gegenseitig. Meine Freundin kommt z.B. morgen und nimmt mich dann am Day Off mit nach Hause. Solche Sachen versucht man natürlich so zu legen. Sicher ist es manchmal hart, da führt kein Weg daran vorbei. Andererseits, ich möchte das auch nicht aufgeben. Wenn ich jetzt von meiner Freundin spreche, sie wird mich nie vor die Wahl stellen, sie oder die Musik.

HH: Weil sie weiß, dass sie dann verliert.

Jens: Einerseits wäre das mal gar nicht so sicher, aber andererseits musst du das auch so sehen: Wenn ich jemandem sage, dass ich ihn liebe und gleichzeitig das wegnehme, was er am liebsten macht, das stimmt ja nicht, das passt nicht zusammen.

HH: Kurz zu den Ticket- und Merchandising-Preisen. Habt ihr da ein wenig Einfluß und versucht ihr da zu schauen, dass es so niedrig wie möglich bleibt? Ich werde mich da gleich noch ein wenig dran vergreifen, deswegen frage ich schon mal.

Jens: Ja, du darfst die Hand nicht beissen, die dich füttert. Im Prinzip ist es so. Wir wollen die Leute, die uns unterstützen, nicht abzocken. Wenn wir anfangen, die abzuzocken, zeigen die uns irgendwann den Mittelfinger und das ist nicht der Sinn der Sache, wir versuchen schon, das fair zu halten. Wir bekommen beide Seiten mit, wir wissen z.B., dass sich die Nightlinerpreise in den letzten Jahren fast verdoppelt haben. Es wird alles teurer. Insofern muss eine Produktion, wie wir sie auffahren, erstmal finanziert werden. Aber wir versuchen das auch so loyal wie möglich zu halten und ich denke, das ist uns auch gelungen. Wir haben jetzt auf der ganzen Tour Preise so um die 20 Euro, manchmal ein bisschen weniger, manchmal ein Euro mehr. T-Shirts kosten so 15 Euro, wir versuchen das so cool zu halten, wie man es nur machen kann. Wir wollen die Leute ja nicht abzocken.

HH: Ihr habt auf jeden Fall Einfluß darauf.

Jens: Ja.

HH: Joey DeMaio hat mal behauptet, dass eine Band keinen Einfluß auf die Preise hat.

Jens: Ja, wenn das bei ihm so ist, dann hat er sich ganz schön abzocken lassen.

HH: Wenn du jetzt in meiner Position wärst, was für eine Frage würdest du dir gerne mal stellen?

Jens: "Darf ich dich zum Essen einladen?" (lacht)

HH: Gute Antwort. Dann noch vielen Dank für das Interview!

Kara

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