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Comicfestival München 2011

Irgendwann, so am vierten Tag des Events, Sonntag also, so gegen 12 dämmerte es uns: wir haben es wieder mal überlebt, den ganzen geballten Wahnsinn, das Schlangestehen, die Planungskapriolen, die Zeichner, die ewig gleichen Hardcore-Fans. Und auch wenn es einiges zu beklagen gab: heiliges Würfelspiel, Batman, selten hatten wir so viel Spaß und auch Erfolg wie dieses Jahr in München!

Aber beginnen wir mit dem offiziellen Teil: schon zum 3. Male lockte das Comic-Festival in München (zuvor: Comicfest)- neben dem abwechselnden Austragungsort, dem ComicSalon in Erlangen, immerhin das zweitgrößte Festival dieser Art in Deutschland - Scharen von Anhängern der Bildstreifenbände zu sich. Als Location fungierte dieses Mal nicht das Alte Rathaus, sondern das Künstlerhaus am Lenbachplatz, worüber gleich noch zu sprechen sein wird. Die Organisatoren um den rührigen Heiner Lünstedt hatten es wieder einmal geschafft, einige echte Hochkaräter zu gewinnen - so etwa die beiden spanischen Megaseller Juanjo Guarnido und Juan Diaz Canales, deren Schwarze Serie-Fabel Blacksad neue Maßstäbe setzt, oder Miguelanxo Prado, dessen kunstvolle Sage De Profundis - wie kann es anders sein - bei Szene-Original Eckart Schott erscheint. Überhaupt dürften wir es wieder dem guten alten Ecki zu verdanken haben, dass auch nicht minder achtbare Namen wie Francois Walthery, Felix Meynet oder Mathieu Bonhomme sich (teilweise schon zum wiederholten Male) an die Isarmetropole bemühten. Aber auch die Freunde amerikanischer Kost sollten nicht enttäuscht werden: neben dem immer und überall präsenten Howard Chaykin durfte man sich auf Tim Sale und den ja fast schon legendären Brian Bolland freuen, der in den 80ern mit Batman - The Killing Joke einen der zweifelsohne besten Bände um das alte Spitzohr ablieferte (seht ihr, auch bei den Heftchen war in den 80ern alles besser... sag ich doch immer...) Für Freunde der Funnies waren mit Jan Gulbransson und Daan Jippes einige Entenhausen-Bevölkerer am Start, und die Kritzelfred-Fraktion, hups sorry, die Avantgarde-Anhänger sollten sich an James Sturm oder Brecht Evens halten. Und was vor zwei Jahren Hans-Rudi Wäscher besorgte, nämlich das komplette Durchdrehen von Herren in sehr gesetztem Alter, das war in diesem Jahr dem Urgestein Helmut Nickel, seines Zeichens Schöpfer legendärer 50er-Strips wie Winnetou und Robinson, vorbehalten.

Für Attraktionen war also gesorgt, das übliche Nebenprogramm (Peng-Preis, Workshops, Vorträge, Ausstellungen wie z.B. zum Batmobil im BMW am Lenbach und natürlich die Lokalmatadoren Uli Oesterle und andere) bot ebenfalls reichlich Futter, also hinein ins Getümmel. Erster Tag, und oh Schreck: das wird eng!! Im Hauptsaal drängen sich die größeren Verlage, Signierstunden werden entweder am Stand oder auf der Bühne abgehalten, die Independents sind in den dritten Stock verbannt, wohin sich kaum Laufkundschaft verirren dürfte. Das Alte Rathaus war als Austragungsort zwar auch beileibe nicht ideal, aber doch um einiges geeigneter als das ja unzweifelhaft altehrwürdige Künstlerhaus. Na gut, von Spaß hat ja hier keiner was gesagt, denn was dieses Festival auch deutlich zeigte: Spaziergänger, Tagesbesucher oder Nur-Mal-So-Vorbeischauer gibt es zumindest hier kaum noch. Hier geht es beinhart zur Sache, und das heißt nicht etwa schlendern, blättern und "das Medium erfahren", nein nein. Hier liefert sich ein immer eingefleischterer Kreis von geistig zumindest mit fragwürdigen Eigenschaften ausgestatteten Sammlern einen ausgefuchsten Stellungskrieg um die begehrten Original-Zeichnungen, die Dedicace, für die manch einer teilweise die Grenzen des akzeptablen Sozialgebarens zumindest sehr deutlich schrammt.

Grobe Entgleisungen in dieser Hinsicht gibt es nicht zu vermelden, sprich es gab keine offenen Wortgefechte oder Handgreiflichkeiten, sondern nur das übliche hyänenhafte Ausspähen von Zeichnerlisten, Flüstern von Gerüchten, wann wer wo hinkommt, und ob jetzt Nummern verteilt oder gewürfelt wird oder wie auch immer. Bei den Megastars wie Guarnido, Bolland oder auch Guillem March war der Würfel unentrinnbar, und so spielten sich dann durchaus denkwürdige Szenen ab: eine Schlange bis über die Stufen zum Hauptsaal hinab, 40 Glückstreffer zu vergeben, gefragt ist ein Pasch. Der Wahrscheinlichkeitsrechnung nach kommt dies ja nun mal nicht allzu oft vor, also heißt es: fragen "Wie viele Nummern gibt's noch?" - "Na 30 haben wir noch". - Würfel würfel. Natürlich kein Pasch. Nichts wie die Beine in die Hand, an der Schlange vorbei, wieder anstellen. Und immer wieder schreit vorne einer Hurrah, also eine Nummer weniger. Blöd halt nur, wenn die Treppe aufgrund Leibesfülle und vollkommen fehlender Ertüchtigung ein unüberwindbares Hindernis darstellt, wie für nicht wenige unserer besonderen Freunde... nun man kann über Sinn und Unsinn der Würfelei denken wie man will, in jedem Fall wäre es begrüßenswert, wenn zumindest das System im Vorhinein bekannt ist und nicht irgendwann die Ansage kommt "Und die Schlange bildet sich jetzt bitte fünf Meter da drüben noch mal". Was nicht geht. Weil zu eng.

Nun, die einzig vernünftige Haltung, an diesen organisierten Wahnsinn heranzutreten, wird Gottlob früh am ersten Tag entdeckt: es gibt einen Ausschank, und dort reicht man das wie immer stets eigenwillig so titulierte Landbier. Spätestens am frühen Nachmittag ist gute Laune garantiert, die dadurch steigt, dass trotz Glücksspiel-Hürden immer mehr Zeichnungen errungen werden: da erntet man einen feinen Donald von Gulbransson, Walthery fabriziert eine wunderbare Natascha, Bonhomme wirft einen sauberen Marquis aufs Blatt - und obwohl zumindest ich (ein Mitgereister hingegen ist ein Günstling des Schicksals...) bei Brian Bolland leer ausgehe, wird er zu meinem Festival-Highlight: zumindest zum Signieren lässt er sich herbei, und ich kann ihm zumindest kurz berichten, dass ich mir zum Killing Joke vor Jahren auch schriftliche Gedanken gemacht habe. Prompt taut er auf, erklärt das ganze Cover ("The brand of the camera is Witzmacher, this is German, it means making jokes" - aha!) und erweist sich letztlich doch als Gentleman, den wir gebührend mit "Sir!" begrüßen, als er am nächsten Tag verwirrt hinter den Signiertischen umhertaucht. Howard Chaykin ist wie gewohnt eine Quasselstrippe, kredenzt mir aber eine feine Catwoman-Zeichnung, inspiriert von der - und natürlich nur aus künstlerisch-ästhetischen Überlegungen - wir uns mit einigen der in Spandex oder weniger gehüllten Damen ablichten lassen, die umherstreifen. Die Blacksad-Jungs halten, was sie versprechen, geben sich sichtlich Mühe und bleiben fernab jeder Star-Allüren - und die Bleistift-Kollegen machen ihrem Ruf alle Ehre und fabrizieren teilweise, ähem, reduzierte Bilder oder frohe Wasserfarben-Seiten. Evan "Bert" Brecht möchte gerne wissen, was denn die Phobie desjenigen sei, der da eine Zeichnung verlangt - na, wer da sagt Dunkelheit, dem geschieht es Recht dass die Seite schwarz gemalt wird. Also was tun? "What are you afraid of... what are your phobias?" - "Well, I'm afraid of my wife, that my beer will run out, and that I have to have sex with 25 chicks". Und siehe da, heraus kommt das mit Abstand beste Exemplar! Na da sag mal einer, dass phantasievolle Wünsche nicht ziehen. Sympathisch auch Sarah Glidden, die ihre Graphic Novel "Israel verstehen in 60 Tagen oder weniger" geduldig ausschmückt.

Mit steigendem Landbier-Pegel lässt sich so manches ertragen, so etwa dass verpflegungstechnisch nahezu nichts geboten ist (wie wär's mit einem Würstelstand im Innenhof?), dass die samstägliche Comicbörse aufgrund Platzmangel nur ein Bruchteil von Erlangen oder auch München vor zwei Jahren (Schrannenhalle) ausmacht, dass sich immer wieder einige wenige versprengte Manga-Mädchen nicht abschrecken lassen, selbstgemachte Fellhüte mit Hasenöhrchen aufzusetzen, und vor allem dass Tim Sale abgesagt hat. Trotz der genannten Widrigkeiten gerät das Festival nämlich zumindest für meine Sympathisanten und mich zum vollen Erfolg, selbst aus dem schmalen Börsen-Angebot ziehe ich ein paar 70er-Jahre-Ausgaben von Superman-Batman aus dem Ehapa-Verlag, und an den Zeichenständen ergibt sich immer wieder Überraschendes, ohne dass großes Chaos entsteht (zu Frau Glidden springe ich in einem ruhigen Moment einfach hin, kein Problem, und dank wie stets guter Planung sind auch die Recken von Salleck und Piredda immer für einen kleinen Coup gut). Lustig wie immer wie Pfälzer Crew, bedrohlich wie stets diverse andere Gestalten, aber gelohnt hat es sich in jedem Fall. Wie immer. Danke an die Macher um Heiner Lünstedt, die ein wirkliches Staraufgebot an den Start und nach München gebracht haben, und vielleicht steht das alte Rathaus ja wieder zur Verfügung, in zwei Jahren. Und weil Höflichkeit immer siegt und old school gefragt ist: danke, liebe Nina, dass Sie mich am Ausschank nur noch mit "Noch eine Runde?" begrüßt haben. Nächstes Jahr: Wissenswertes über Erlangen.

Holgi

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