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Konzert-Bericht

Dream Theater

Alte Oper, Frankfurt 15.03.2016

Ab und an und immer wieder mal geschehen die kuriosesten Dinge: Kinogänger, die bei Marvel-Filmen vor dem Ende des Abspanns den Saal verlassen. Schalke-Fans, die an die Meisterschaft glauben. Oder Metal-Konzerte, bei denen es nur Sitzplätze gibt. Letzteres ist brandaktuell, denn gerade baten die Prog-Metal-Heroen von Dream Theater im Rahmen ihrer Europa-Tour zu einem erbaulichen Abend in die Alte Oper zu Frankfurt, um dort ihr gewaltiges Konzept-Opus "The Astonishing" zu präsentieren. Unser Korrespondent und werter Gastschreiber Bernd Weigand war für uns vor Ort...

Aber wir greifen vor. Gehen wir zuerst ein paar schöne Jährchen zurück und rekapitulieren die persönliche Dream Theater-Historie: die beginnt beim Festival Metal 2000 in Mannheim. Iron Maiden waren Headliner (Jannick Gers fiel in den Fotograben - wer erinnert sich nicht?! [er selbst! - Holgi]). Als zweiter Act spielten Dream Theater. Noch vor Motörhead und Slayer. Spielzeit max. 45 Minuten, wenn überhaupt. Ein Auftritt, der absolutes Unverständnis bei uns hervorrief. Viele Tempo- und Taktwechsel. Konfus in jeder Hinsicht. Keine gerade Linie. Lange Songs. Fertig. Damit fiel die Combo auch erst einmal für lange Zeit durch mein Metal-Radar. Dann, wir schreiben das Jahr 2009, überzeugte mich ein Prog-Genosse, es erneut zu wagen. Die Band war gerade auf Tour mit ihrem Black Clouds & Silver Linings-Album. Und was soll ich sagen - das Konzert schlug voll ein, mit Platz und Zeit konnten sich die komplexen Songs besser entfalten und da hatten sie mich dann doch, die Herren aus New York. Seitdem sind Dream Theater-Konzerte Pflicht, so auch natürlich auch diesmal, bei besagtem Opern-Event.

The Astonishing, so heißt die aktuelle Scheibe. Oder besser: Scheiben. Denn wie gerade Iron Maiden bringen auch Dream Theater eine Doppel-CD heraus. Das Beste daran: es handelt sich um ein Konzept-Album. Inhaltlich wird eine handelsübliche SF/Fantasy-Story erzählt: wir schreiben das Jahr 2285. Die Welt hat sich verändert. Zum Schlechten. Der Nordosten der ehemaligen USA nennt sich nun das Great Northern Empire of the Americas. In diesem dystopischen Reich herrschen Kaiser Nafaryus und seine Familie. Musik und Unterhaltung sind ausgestorben bis auf kugelförmige Flugroboter, die NOMACs (Noise Machines), die zur Unterhaltung und Erbauung elektronisches Gepiepse von sich geben. In einem abgelegenen Kaff namens Ravenskill lebt Gabriel, der als einziger Mensch noch die Gabe der Musik hat und singen kann. Obwohl der Herrscher von Gabriels Künsten angetan ist, sieht er ihn als Gefahr für das Reich und seine Herrschaft. Nafaryus‘ Tochter, Prinzessin Faythe, verliebt sich in Gabriel und reist heimlich zurück nach Ravenskill, verfolgt von ihrem Bruder Daryus. So entwickelt sich ein klassisches Liebes-Drama von beinahe Shakespeare'schem Ausmaß, mit diversen Toten und Unglücken, nur mit Happy End. Denn am Ende siegt mit Hilfe der Musik das Gute. Genaueres über die Story und die dazugehörigen Songs gibt es hier auf der Dream Theater-Website.

Jetzt also Szenenwechsel: die Alte Oper in Frankfurt. Wir sind noch vor dem Einlass da und staunen über das kuriose Bild, das sich uns im Foyer bietet und ahnen schon: heute ist einiges anders, verglichen mit dem metallischen Standard-Konzert-Prozedere. Da tummeln sich natürlich Metalheads jeden Alters mit DT-Shirts, aber auch diverse Recken mit Sakko oder Hemd sind zu erspähen, die sich sichtlich über die heutige Kleiderordnung (Stichwort Oper) im Unklaren waren. Sehr lustig. Dazwischen auch die Damen des Hauses in adrett roter Uniform, die einem ein kleines Programmheftchen (!) für den heutigen Abend in die Hand drücken, dem einen oder anderen verwirrten Metaller den Weg zum Sitzplatz oder einem ergrauten YES-T-Shirt Träger (wobei grau sowohl auf Haupthaar als auch auf Shirt zutrifft) den Weg zum Abort weisen. Nach einem obligatorischen Besuch am Souvenir- und Andenken-Stand, der wie immer mit Tour-Shirt-Kauf endete, geht es dann in die Halle - nein, in den großen Saal - zu unseren Sitzplätzen (!). Hier die nächste Überraschung: kaum zückt man sein redliches Handtelefon und Schlaufernsprecher, um den interessanten Bühnenaufbau auf den virtuellen Film zu bannen, eilen eifrige "Aufpasser" herbei, um eine Verwarnung auszusprechen: Fotografieren vor, während, nach, über und unter der Show sei vom Veranstalter streng untersagt! Ernsthaft jetzt? Auch die Bühne näher zu betrachten wird schwierig. Die Gänge müssten frei bleiben, meint ein bulliger Security-Herr. Der Veranstalter wolle es so. Gerade als wir überlegen, ob wir hier auf einer SED-Gedenkfeier der Familie Honecker gelandet sind, ist es 20 Uhr. Pünktlich gehen die Lichter aus. Los geht's.

Bekanntlich sind Dream Theater-Konzerte in erster Linie eines: eine Konzentration auf Musik. Entsprechend unterscheidet sich die Grundstimmung in den Hallen von anderen Ansetzungen. Man steht da, lauscht den komplexen, aber immer wieder eingängigen Klängen, in denen man sich auch mal verlieren kann. Headbangen ist eher nicht. Hier durchbrechen Dream Theater auch jeher die Konventionen: die Gigs (An Evening with DT) dauern bis zu drei Stunden, es gibt eine Pause und zwischendurch wird auch gerne mal eine ganze Platte gespielt. In Frankfurt ist klar: es gibt The Astonishing. Und zwar in voller Länge, aber sonst auch nichts. Im Sitzen. Alles scheint wie immer. Die Herren sind gut aufgelegt. Jeder nimmt seinen üblichen Platz ein (dem introvertierten Bassisten John Myung reicht da locker ein halber Quadratmeter in der linken Ecke). Auf den gesplitteten Leinwänden im Hintergrund wird die Story des Konzept-Albums filmisch und symbolisch begleitet, so erhält das Event einen Multi-Media-Touch. Begleitende Musiker sind nicht zu sehen. Alles, was die Band nicht spielt (wie später Dudelsack-Klänge), kommt vom Band. Hm...

Nach dem filmischen und akustischen Intro und der Dystopian Ofentüre steigt Sänger James LaBrie gesanglich mit "The Gift Of Music" ein - anfangs ist seine Stimme übersteuert. Das gibt sich mit der Zeit, was auch gut ist, denn der Herr wird von Album zu Album besser und gerade hier, wo er die ‚Stimmen‘ aller Personen singt und dabei sehr akzentuiert und bisweilen sanft vorgeht, sollte ein guter Sound gezaubert werden. Der wird leider durchweg nicht richtig geboten. Warum auch immer. Auch Myungs Bass geht etwas unter, wie auch das kunstfertige Gekloppe von Schlagzeuger und Musik-Professor Mike Mangini. Schade, da ist man von den ‚normalen‘ Konzerten eine bessere Klang-Qualität gewohnt. Natürlich ist der Charakter des Events (Vorführung ist vielleicht der bessere Ausdruck) anders (erwähnte ich schon, dass wir sitzen?). Die Interaktion mit dem Publikum, die bei DT noch nie sooo ausgeprägt war, wird hier noch schwieriger. Das Publikum ist starr (feste Sitzplätze, klar), und halbherzigen Mitmach-Aufforderungen von LaBrie und Winken von Gitarrist John Petrucci, der mit Keyborder Jordan Rudess das Epos geschrieben hat, kommt man auch aus diesem Grund nur begrenzt nach. Wie gewohnt verlässt laBrie die Bühne zwischendurch, wenn sein Part erledigt ist, und so bleibt immer wieder als einziger Aktivposten tatsächlich Jordan Rudess, dessen speziell designtes, monumentales Instrument nach allen Seiten beweglich ist, was der Gute auch gerne mit eleganten Schwenks nutzt.

Trotzdem gibt es immer wieder Szenenapplaus (wir sind ja schließlich doch in einem Metalkonzert) und hin und wieder Standing Ovations. Nach Act 1 (= erste CD) und 90 Minuten ist Pause, in der wir uns wieder über das mitunter buntscheckige Volk amüsieren, das sich hier tummelt. Act 2 (= zweite CD) dauert dann noch eine gute Stunde. Hier machen Dream Theater dann doch eine Konzession an den normalen Konzertbetrieb: Kurz vor dem Ende verlassen sie die Bühne, damit das Publikum lautstark die Zugabe einfordern kann. Als dann als Story-Finale mit The Astonishing der Titel-Song ertönt, hält es dann endlich keinen mehr auf den Sitzen. Man steht in geschlossener Formation und feiert die Band wie es sich gehört ab. Jetzt werden auch die Handys gezückt. Ein Foto muss sein. Sollen sie doch kommen, die Herren und Damen von der SED. Dann, nach einem langen Applaus, ist Schluss. Die Musiker von der Metal-Manufaktur verlassen die Bühne und wir den Saal.

Was bleibt, sind Eindrücke eines einmaligen Events, das es in dieser Form wohl nicht mehr geben wird. Dream Theater beeindruckten trotz der Sound-Melange mit ihrer Handwerkskunst, und wir zollen unseren tiefsten Respekt, dass sie so ein Wagnis überhaupt auf sich genommen zu haben. Zwar bleiben in der Kategorie ‚Beste Konzept-Album-Live-Performance‘ (schönes Wort, gell?) Queensryche mit Operation Mindcrime (das diese Herren beim Bang Your Head-Festival in Balingen ja auch schon in szenischer Inszenierung kompletthaft auf die Bühne brachten) auf dem ersten Platz, aber DT folgen dicht dahinter. Bei der nächsten Tour sind wir natürlich auch wieder dabei. Diesmal aber bitte wieder im Stehen.

Holgi

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