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Festival-Bericht

Bang Your Head Festival

mit Accept, Saxon, Iced Earth, Lordi, Thunder, At The Gates, Stratovarius, Pretty Maids & Rage

Messegelände Balingen, Balingen 12.-13.07.2013

Wer zu spät kommt, den bestraft so manches, aber nicht im Schwabenland. Nachdem es dieses Mal doch etwas kurzfristig klappte mit den doch so wertvollen Plätzen für die schreibende Zunft (erwähnte ich schon, dass man da drin dann sitzen kann?), konnte die freundliche Dame in Nuschplinge leider nur noch sagen "Esch isch alles voll. Abber isch schau emal für Sie, gell, bei de Nachbarn". So landeten wir denn gut gelaunt im Gasthof Grottental, der sich in keinster Weise im Tal oder grottig zeigte, sondern durchaus Charme als Dorfwirtschaft vom alten Schlage bewies, inklusive Etagenkühlschrank und geschäftsführender Oma.

Freitag, 12.07.2013

Aber bis zur Rast im Grottental galt es doch einige Unbill zu überwinden, der Weg ins Schwabenland ist gesäumt von marodierenden Banden und Barbaren auf mehrspännigen Fuhrwerken (wieder mal Ferien in Holland, wie immer), und auch eine irgendwann einspurige A81 befördert das Reisetempo nicht gerade. Und so laufen wir dann - nach erfahrungsgemäß ordnungsgemäßer Parkung auf dem Gelände eines landläufig bekannten Discounters - erst auf dem Gelände ein, als die Pretty Maids bereits mitten in ihrem Set sind. Die Kollegen waren ja trotz massiven Anreise-Pechs 2011, als sie aufgrund Flugverspätungen notgedrungen in der Halle spielen mussten, schon eines der Festival-Highlights. Dieses Jahr sind alle Flieger pünktlich, und so munden auch auf der Hauptbühne die alten Reißer wie "Future World" oder "Back To Back" genau wie die Nummern vom aktuellen Album Motherland, welches mit "I See Ghosts" und "Mother Of All Lies" bedacht wird. Meine heimliche Schwäche für Kitschballaden wird mit "Little Drops Of Heaven" punktgenau bedient, bevor sich dann "Red Hot And Heavy" als Rausschmeißer gewohnt famos macht. Wieder eine runde Leistung, die dänischen Mädels sind vielleicht in die Jahre gekommen, aber faul ist in diesem Staate deswegen noch lange nichts. Gerne wieder!

Jetzt aber mal ein wenig umgesehen auf dem Gelände, alles wie gehabt, gute Organisation, entspannte Security (der Kollege entschuldigt sich beim Reingehen schon fast dafür dass er mich durchsuchen muss - ist doch verständlich, ich bin doch so ein zutiefst verwegener Geselle!), die üblichen Stände (Wikingerblut, 1 Meter Bratwurst, lustige Gürtelschnallen), und dass man am Eingang die Getränkeflaschen abgeben muss, die man drinnen dann wieder kaufen darf, lassen wir mal so ziehen, sie wollen ja auch was verdienen. Spaßiger Neuzugang: eine Bude mit Holzspielzeugen für die geneigte Dame, die damit angeblich die "Kraft der Natur" original aus dem Odenwald spüren könne. Da uns diese Region nicht fernliegt (also der Odenwald, nicht das was ihr wieder meint), erkundigen wir uns, warum die Verkaufslady hinter dem Schalter dann so grimmig schaut - wir empfehlen einen Einsatz der Spielsachen und entsprechende Gemütsauflockerung zur Steigerung des Absatzerfolges, was aber irgendwie nicht sonderlich gut ankommt. Na, wer nicht will und so weiter.

Nachdem auf dem Bang Your Head üblicherweise alle Genres vertreten sind, kommt der melodische, schnelle Power Metal, der 2012 in Form von Sonata Arctica vorhanden war, auch dieses Mal zu Ehren: Stratovarius steigen mit "Abandon" in ihren Set ein, der durchaus belegt, warum die Schweden trotz aller zwischenzeitlichen Wirrnisse zusammen mit Helloween einmal zur Speerspitze dieser Spielart gehörten. Timo Kotipelto legt sich gehörig ins Zeug, die Stimmung ist ordentlich, aber nicht gerade überragend, was vielleicht an den doch im höheren Bereich angesiedelten Temperaturen liegen mag. Der melodische, epische, mit orchestralen Elementen durchzogene Sound macht durchaus Freude, Kotipelto filmt die Menge, die Band schwingt sich mit "Dragons" und "Against The Wind" durchs Programm, das von Gitarren-, Bass- und Keyboard-Solo leider unnötigerweise perforiert wird. So richtig überkochen will das Ganze aber nicht, auch wenn "Hunting High And Low" am Ende nochmal einen Glanzpunkt setzt. Schick, aber nicht mehr.

Dass der Schlager-Grand-Prix doch einen gewissen Unterhaltungsfaktor hat, dafür gebührt einem gewissen Tomi Putaansuu ewiger Dank. Denn der zwängte sich in ein wahrlich monströses Kostüm und brachte den bürgerlichen Zuschauern als Lordi das "Hardrock Halleluja". Auch wenn die letzten beiden Alben der Mannschaft um den Meister nicht gerade zu den Sternstunden ihres Schaffens gehören, sollte die Kombo doch für eine nette Sause gut sein. Das sehen sie wohl genauso und hüpfen nach einem kurzen Intro beherzt auf die Bühne, wobei von der Urbesetzung neben dem Cheffe nur noch Mumien-Gitarrero Amen übrig geblieben ist. Das macht allerdings gar nichts, "We're Not Bad For The Kids (We're Worse)" kracht gleich ordentlich ins Kontor, bevor dann das durchaus brachiale "Bringing Back The Balls To Rock" weiter knallt. Bei Lordi geht es bekanntlich nicht um ästhetische Filigranarbeit, sondern um eine spaßige Geisterbahnfahrt mit schmissigen Songs und Showeinlagen - und die liefern Herr Putaansuu und seine Recken in der folgenden Stunde am Fließband. Fröhliche Hit-Stampfer wie "Who's Your Daddy" oder "Blood Red Sandman" (Lordi mit Schlafmütze und Traumsand) machen dabei durchaus Laune, aber die richtig überschäumende Begeisterung vermag irgendwie nicht aufzukommen. "It Snows In Hell" überzeugt einmal mehr als atmosphärische Halbballade, nach einem dankenswerterweise kurzen Drumsolo mit drehenden Bass-Drum-Teilen marschiert der Meister dann zu "Supermonstars" mit einem Eimer voller (Plastik-) Gliedmaßen auf die Bühne, bevor mit "I'm The Best" ein durchaus verzichtbarer Titel am Start ist. "They Only Come Out At Night" geht dann zwar ok, ist aber ohne Udo irgendwie nicht vollständig, und so richtig Freude kommt dann beim Klassiker "Devil Is A Loser" vom ersten Album auf, als Lordi sich mal schnell Fledermausflügel umschnallt. So richtig Party gibt es dann allerdings erst beim Schlagersiegertitel "Hardrock Halleluja", bei dem sich Sänger, Gitarrist und Bassist gleichzeitig als Feuerwerkskörper verdingen. Die erste Zugabe "Sincerely With Love" wäre wieder zum Sparen gewesen, aber "Would You Love A Monsterman" rundet das Geschehen doch fein ab. Der Qualitätsunterschied zwischen den ersten drei Alben und den neueren Werken ist doch eklatant, und so steht als kleiner Wermutstropfen, dass wir auf Göttergaben wie "Get Heavy" oder "The Raging Hounds Return" verzichten mussten. Aber lustig wars trotzdem.

Flugs in die Halle gestürmt und schnell noch ein bißchen Lake Of Tears erhascht - der melodische, teilweise doomige, teilweise psychedelische Metal der Herren läuft gut rein und erfreut sich regen Zuspruchs trotz der Konkurrenz auf der Hauptbühne.
Denn dort rüstet sich nun alles zum ersten Headliner des Festivals: der Igel ist wieder einmal gelandet, die britische Institution Saxon scheint ja mittlerweile überall zu spielen wo es ausreichend Elektrizität gibt, und irgendwie gibt es kaum eine andere Band der man den wieder erstarkten Erfolg so gönnt wie diesen Altmeistern. Heute geht das alles irgendwie ansatzlos los, sie sind halt da und fangen an, ohne großes Brimborium, wobei die ersten beiden Songs "Sacrifice" und "Wheels Of Terror" zwar seitens der Instrumentalfraktion beherzt vorgetragen werden, Biff aber ein kleines wenig lustlos wirkt. Das bessert sich dann allerdings zunehmend, ab "The Power And The Glory" (this year is the 30th anniversary of this album, sagt er... oh Mann...) steigt die Stimmung dann erheblich, und spätestens ab "Heavy Metal Thunder" mit feinen Raucheffekten geht die Post ab. Saxon ist irgendwie wie die Sparkasse, immer da wenn du sie brauchst, zuverlässig, solide, nicht brillant, aber ein Garant für gute Unterhaltung und einige kleine Sternstunden. Wie zum Beispiel das feine "Solid Ball Of Rock", das monstermässig groovt. "To Hell And Back Again" spielen sie immer gerne, gehört aber doch in die zweite Reihe, ebenso wie "I've Got To Rock (To Stay Alive)", aber die Chose macht Biff sichtlich immer mehr Laune, was auf die Schlachtenbummler überspringt. Er schwadroniert kurz mit dem am Bühnenrand sitzenden Festival-Organisator Horst, das neue "Night Of The Wolf" ist ordentlich, "Conquistador" muss jetzt nicht unbedingt sein, und jetzt gibt es auch noch ein Drumsolo (bekanntlich unnötig wie das Wort "Doppelschlitztoaster"). Das ist aber dank massivem Drumriser, Feuerwerkseffekten und mittlerweile aufgrund schwindenden Tageslichts immer effektiverer Beleuchtung durchaus unterhaltsam. Schleppend-atmosphärisch stimmig dann der Überklassiker in Sachen Mondfahrt (wo eben der Igel gelandet ist, wie erwähnt), das ist einer ihrer besten Momente, immer wieder gut und immer wieder heftig - wobei man vergeblich nach dem Eagle Ausschau hält. Haben sie ihn daheim vergessen, oder ist er kaputt? Auch der folgende Klassiker "And The Bands Played On" hält den Stimmungslevel hoch, während Biff mittlerweile sogar Scherze treibt (so etwa schnappt er sich eine Kutte von einem Fan und läuft für den Rest des Auftritts damit herum) und ein ausfallendes Mikro in Monty Python-Deutsch kommentiert: "der Mikrofon ist gebroken. Kaputt. Scheise Mann" (ebenfalls meint er launisch "we've sold so many records in Germany people think we are German! And there's nothing wrong with that"). Das wilde "Motorcycle Man" brennt die mittlerweile gottlob kühlere Balinger Luft ordentlich an, "Stand Up And Fight" geht in Ordnung, aber beim unsterblichen "Dallas 1 pm" geht dann endgültig alles. Gleich auf dem Fuße folgt mein absoluter alltime Favorit "747 (Strangers In The Night)" - und auf einmal ist er da, der Adler in voller Pracht, und untermalt das Drama vom irregeleiteten Flugzeug mit massiven Lichtattacken. Wunderbar, herausragend. Dafür sind Festivals gemacht. Nach dem obligatorischen "Wheels Of Steel" (unkaputtbar) machen sie kurz Schluss, aber klaaaar fehlt da noch was - das melodische Intro lässt nicht mehr länger auf sich warten, und wie jedes Mal vergisst man beim musikalischen Genuss von "Crusader" den komplett eindimensional-naiven Text und skandiert wieder mit: "fight the good fight!". "Strong Arm Of The Law" brilliert, und nach einem weiteren kurzen Gespräch mit Horst (dem sie zumindest angabegemäß versprochen haben, ohne Gage zu spielen...) meint Biff "Mr Quinn, play them my favourite song!" "Princess Of The Night" hat die Zeit strahlend überlebt, seit wir das auf dem Schulhof des Julius Echter Gymnasiums auf einem kleinen Kassettenrekorder hörten - bis hier auf die Balinger Bühne ist nichts verloren gegangen. Das ist dann doch groß.

Wir schauen noch kurz in der Halle bei den Apokalyptischen Reitern vorbei - die sorgen für durchaus volles Haus und knüppeln ihre Gassenhauer wie "Du Kleiner Wicht" fröhlich in die Menge. Aber für zwei ältere Männer ist das dann doch zu viel des Guten. Aus für heute, gute Nacht, Grottental wir kommen.

Samstag, 13.07.2013

Nachdem wir nach einigem Herumirren die nächtliche Eingangstür gefunden haben und nach ausgiebiger Plauderrunde das Frühstück mal so ganz knapp verpennen ("schi habe jeds aber ned scho lang geschlafe, oder?" meint die Oma am nächsten Tag so gegen Mittag... äh, doch...), verabschieden wir uns von der wie immer vorzüglichen Gastronomie auf der Hohenzollernalb und rollen wieder Richtung führender Discounter-Kette. Von dort aus führt (nach stilechtem Frühstück aus dem Kofferraum heraus) uns ein kurzer Fußmarsch direkt vor der Hauptbühne zu Morgana Lefay, deren melodischer Power Metal teilweise schon heftig ins Gebüsch brettert. Die Stimmung ist für die frühe Zeit am Tag schon ordentlich, die Schweden um Sänger Charles Rytkönen legen sich ins Zeug - ordentliche Leistung.

Warrel Dane, Jeff Loomis und Jim Sheppard touren mittlerweile wieder mit jener Kombo durch die Lande, die sie vor ihrem Hauptbetätigungsfeld Nevermore unterhielten: Sanctuary beehren diverse Festivals mit Besuchen, bevor es ein neues Album zu bestaunen geben soll. In der mittlerweile doch recht brütenden Hitze von Balingen serviert Mister Dane vor einer beachtlichen Zuschauermenge im schickem (naja) Cowboy-Hut Songs der beiden Alben Refuge Denied und Into The Mirror Black - "Die For My Sins" oder "Battle Angels" werden vermischt mit "some new songs". Der teilweise mit Thrash-Elementen garnierte melodische Metal der Herren gefällt durchaus, so dass der eine oder andere bedauert, als Herr Dane kommentiert, man müsse nun gehen und ein Flugzeug nach Tschechien erwischen (dort spielten sie nämlich am nächsten Tag bei den Masters Of Rock).

Rage mausern sich zu einem Dauergast auf Festivals im Allgemeinen und Balingen im Besonderen - Peavy Wagner und Victor Smolski lassen auch dieses Mal nichts anbrennen und zünden ein Feuerwerk von feinem Material aus deutschen Landen. Etwas heiß sei es hier, stellt der voluminöse Fronter treffend fest (ist halt auch blöd in schwarzem Kittel), und ungewöhnlich, da man seit Monaten nur mit Orchester im Studio am Werkeln sei. Dennoch zimmern sie Stückchen wie "Cleansed By Fire", "From The Cradle To The Grave" oder "Straight To Hell" fröhlich ins Gebälk. Das goutiert die Menge sichtlich und geht steil, und als nach dem obligatorischen "Soulchaser" Schicht ist, meint Peavy noch, das sei jetzt ein hartes Stück Arbeit gewesen. Stimmt. Für uns auch!

Zumindest bei mir steigt jetzt die freudige Erwartung, denn die Briten von Thunder gehörten schon 2007 in Balingen zu meinen absoluten Favoriten. Nach einem zwischenzeitlichen, glücklicherweise kurzlebigen Split sind die Herren wieder auf der Spur und erfreuen Balingen erneut mit einem bunten Blumenstrauß bluesiger, einprägsamer Hymnen. Gleich zu Anfang schießen sie ihr größtes Hitgeschoss "Dirty Love" ab, Sänger Danny Bowes gibt eine Rampensau mit Stil - witziges Herumtanzen und äußerst britische Ansagen inklusive ("Good Afternoon! Are you gonna sing? Are you gonna dance? You promise?"). Die Songauswahl ist wie immer erste Kajüte, der Sound passt exakt zum warmen Spätnachmittag - groovige, hooklastige Nummern wie "River Of Pain" oder "Higher Ground" gehören exakt hier und jetzt auf diese Bühne. Mit einem mehrfachen "splendid" und "fabulous" angekündigt (fast mag man denken, gleich stolpert Hugh Grant herein und will eine Hochzeit oder einen Todesfall feiern), feiert die Menge "Backstreet Symphony" gehörig ab. Der folgende Song sei über "sex and masturbation", referiert Danny, deswegen sei er "for all you wankers": "The Devil Made Me Do It" macht wie immer gehörig Laune und Party-Feeling, ebenso wie "You Can't Keep A Good Man Down", zu dem Herr Bowles die Menge erfolgreich zum massiven Mitmischen animiert. "I Love You More Than Rock'n'Roll" setzt dann einen würdigen Schlusspunkt unter eine gewohnt freudige Leistung der sympathischen Briten. Wäre absolut jammerschade, wenn sie sich getrennt hätten. Aber wirklich!

Der große Zuspruch und auch Zulauf, den Thunder genießen konnten, wird den Pionieren des melodischen Death Metal nicht zuteil. Das Götheborg-Abrisskommando von At The Gates kann die Ehre des "wer hats erfunden?" für sich beanspruchen, heutige Größen wie Arch Enemy oder Amon Amarth wären undenkbar ohne die Herren, aber so richtig reinhauen vermag das hier und heute, bei einer ihrer sporadischen Reunion-Festival-Shows, leider nicht. Der Sound ist zwar mächtig, Brecher wie "Terminal Spirit Disease" oder "Under A Serpent Sun" sind zwar kompromisslos, aber dann doch, man entschuldige die Formulierung, irgendwie eintönig. Die Menge vor der Bühne lichtet sich auch deutlich, man kann relativ einfach in die vorderen Reihen gelangen, was kurz vorher noch schwerlich möglich gewesen wäre. Die Jungs nehmen's gelassen und fahren mit "Captor Of Sin" ein weiteres Brett auf, das sie dem verstorbenen Jeff Hanneman widmen. So geht es weiter durchs melodische Todesmetall, das mag für Genre-Freunde sicher achtbar sein, die breite Masse in Balingen reißt es nicht vom staubigen Boden auf. Wir prüfen flink, ob die britische Institution Raven in der Halle vielleicht eine Alternative sein kann, aber trotz der gut gefüllten Halle treibt uns der doch etwas arg gewöhnungsbedürftige Gesang von John Gallagher und nicht sonderlich gute Sound wieder hinaus auf die Steppe.

Dort harren schon Iced Earth auf ihren Einsatz, und auch diese Kollegen beehren uns ja schon zum wiederholten Male. Das weite Rund ist mit einem Schlag wieder bestens gefüllt, was zeigt, dass der klassische Metal der Amis besser nach Balingen passt als schwedisches Todesblei. Hatte er beim letzten Ausritt noch Original-Sänger Matt Barlow im Gepäck, der wieder von Ripper Owens übernommen hatte, fährt Gründer und Cheffe Jon Schaffer nun Stu Black am Mikro auf. Gekleidet sind sie alle in eine eher seltsame Jeans/Leder-Kombi, die wohl true und retro aussehen soll - naja, das mit dem Affen und der Seife kennt man ja in Sachen Geschmacksfragen. Musikalisch fahren sie allerdings das volle Brett auf und starten mit "Dystopia" und "Dark Saga" kraftvoll ins Set. Schaffer (der es irgendwie geschafft hat, dass seine Haare nicht mehr grau, sondern schwarz sind, Respekt!) schaut finster wie üblich drein und feuert seine Riffs präzise ins Volk, aber als er den wieder mal am Bühnenrand sitzenden Horst entdeckt, hellt sich die Miene auf, und man begrüßt sich durchaus herzlich. "Pure Evil" und "Burning Times" ballern frohgemut weiter, die Menge honoriert das Geschehen zunehmend. Zu "V" trägt Shouter Black dann die mittlerweile leider hinlänglich bekannte Guy Fawkes-Maske - wir nehmen zu Gunsten des literarisch bewanderten Schaffer mal an, dass er den Hintergrund in Alan Moores Comicroman V For Vendetta kennt und nicht nur ungefragt Symbole übernimmt wie diverse Freds aus so genannten Occupy-Bewegungen. Nach "A Question Of Heaven" und "Anthem" folgt mit "Watching Over Me" eine atmosphärische Ballade, die offenkundig für einen tödlich verunglückten Freund Schaffers entstanden ist. Sehr fein. Nachdem Stu Black mit "Iced Earth" dann den Abschluss des Sets verkündet, regen sich diverse Missfallens-Bekundungen - und mit was? Mit Recht, denn es würden noch gut zehn Minuten Spielzeit zur Verfügung stehen, und so richtig pünktlich angefangen hat man auch nicht. Das kapiert wohl auch die Band irgendwann und schiebt mit "The Hunter" noch eine Nummer nach, womit die Menge dann auch befriedet ist. Gute Leistung, hat mir besser gefallen als der letzte Auftritt der Kollegen.

Nun, sehr verehrte Damen und Herren, the main event of the evening - und das sind nicht twelve rounds of heavyweight boxing, aber so etwas Ähnliches. Die Wiederkunft der Solinger Stahlschmiede darf wohl mit Fug und Recht zu den beeindruckendsten Comebacks der Szene gezählt werden, im Gegensatz zu den müden Auftritten von Judas Priest und anderen Herrschaften haben Accept mit Blood Of The Nations ein Götteralbum vorgelegt und in Balingen schon 2011 ausführlich dokumentiert, warum sie einmal die erfolgreichste deutsche Metal-Band überhaupt waren und den teutonischen Stil entscheidend geprägt haben. Das Nachfolgeopus Stalingrad erreicht die Qualität des Vorgängers zwar nicht ganz, aber davon lassen sich die Herren nicht verdrießen und feuern uns mit "Hung, Drawn And Quartered" und "Hellfire" gleich zwei Nummern von dieser Scheibe um die Ohren. Formal alles wie gehabt - Wolf Hoffmann erweist sich wieder als coolste Socke im Gitarrenuniversum und schüttelt sich die Riffs grinsend, entspannt, aber messerscharf aus der Hüfte, Peter Baltes malträtiert seinen Bass wie ein Uhrwerk, früher-Kurzzeit-und jetzt Dauermitglied Herman Frank sieht zwar nach wie vor aus wie der Tod auf Rädern, aber füllt alle Hooks und teilweise auch Solo-Parts zuverlässig aus. So ist denn die Meute auch vom ersten Ton begeistert, und als dann als dritter Beitrag mit "Restless And Wild" gleich eine der definierenden Band-Hymnen in rostfreiem Glanz erstrahlt, wird deutlich, dass auch heute Abend wieder alles in beste Ordnung geht. Mark Tornillo hat sich den Accept-Sound mittlerweile gänzlich angeeignet und überzeugt erneut mit einem passenden, aber dennoch eigenen und nicht nur Udo-kopierten Organ. "Losers And Winners" setzt den Reigen fröhlich fort (irgendwann kriege ich noch raus, was sie da zum Schluss rufen, Hans Sachs kann es nicht sein auch wenn es so klingt!), mit "Stalingrad" setzt es dann den Titeltrack vom neuen Werk, und wie bei Sabaton darf auch hier die Frage erlaubt sein, ob solche gewichtigen Themen wirklich passend zum Feiermodus hier sind. Aber nun gut. Vollgas auf die Mütze dann mit "Breaker", brutal, technisch anspruchsvoll - herausragend. Mit "Shadow Soldiers" wird die aktuelle Scheibe ein viertes und letztes Mal bedacht (für Accept-Standards nur Durchschnitt, wie mein Mitstreiter betont), aber mit "A Bucketful Of Hate" knallt es dann wieder ordentlich. "Bulletproof" groovt wieder schön, und das anschließende Duell, in dem sich Hoffmann und Baltes um die schnellsten Melodie-Läufe auf Gitarre und Bass (!!) bewerben, zeigt, dass eine Solo-Einlage doch auch spannend sein kann. "Pandemic" überzeugt wieder als überragender Mid-Tempo-Stampfer, aber das schleppende Riff, das danach "Princess Of The Dawn" durchzieht, steht erneut über allem. Ein Song für die Ewigkeit und exakt für solche Momente gemacht. "Up To The Limit" feuert die Stimmung weiter an, und der erste Speed-Metal-Song der Geschichte macht alles platt - nach "Fast As A Shark" ist dann aus. Zunächst. Denn natürlich gibt es noch ein bisschen Klassik-Unterricht, den uns Herr Hoffmann mit "Metal Heart" ausgiebig erteilt. Dann hauen sie uns noch das wunderbare "Teutonic Terror" um die Ohren, aber "Balls To The Wall" sieht dann nun wirklich jede noch zur Regung fähige Figur in Balingen auf den Füßen und die Fäuste schütteln. Auf Wiedersehen von Horst, Feuerwerk, aus is.

Auch wenn der ganz große Coup im Billing fehlte (Cinderella! Black Sabbath! Ratt! Alice Cooper! Nur um mal ein paar Kandidaten zu nennen, die passen würden...), gefiel das Bang Your Head einmal mehr durch seine ganz eigene Atmosphäre und die guten Vorstellungen vor allem der beiden Headliner. Deshalb werden wir auch nächstes Jahr dabei sein - gerne auch wieder im Grottental. Denn das ist sogar ein bisschen näher als Nuschplinge.


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