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Interview

Interview mit Bent Not Broken (05.03.2009)

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Am Ende des letzen Jahres haben Bent Not Broken ihr Album To Whom It May Concern veröffentlicht. Jetzt bekam ich die Gelegenheit einmal nachzufragen, wie es denn bisher so läuft mit der Vermarktung, der Band und dem Musikbusiness ganz allgemein. Man muss anmerken, dass Jörn Kachelriess, mit dem ich das Interview führte, selbst bereits ein Buch zum Thema "Selbstvermarktung für Musiker" geschrieben hat. Da konnten wir auch ein wenig stärker in die Tiefe gehen.

HH: Hi Jörn, wie geht es dir?

Jörn: Besten Dank der Nachfrage, kann mich nicht beklagen!

HH: Ich denke, es ist nicht verkehrt, dich und deine Band Bent Not Broken einmal vorzustellen. Wäre nett, wenn du ein paar Worte zu euch verlieren könntest.

Jörn: Stimmt, die Masse der Weltbevölkerung kennt uns noch nicht. Ok, im Ernst... Bent Not Broken, das sind Nils (dr), Armin (Bass) und ich an der Gitarre und dem Mikro. Wir kommen aus der Münchener Peripherie und in dieser Form gibt es uns seit Ende 2007. Zwar hatten wir vor gefühlten 100 Jahren schon in anderen Formationen zusammen gespielt, aber dazwischen lagen inzwischen gut zehn Jahre. Während z.B. Armin währenddessen fast völlig pausiert hat, war ich in der Zwischenzeit ein paar Jahre mit meiner Band Reardon zugange. Als diese sich Ende 2004 aufgelöst hat, hatte ich zunächst im Alleingang ein Album veröffentlicht, bei dem aber sporadisch ein paar Sessionplayer involviert waren. Aus Spaß an der Freude begann ich 2007 mit einem Nachfolger und im Zuge dieser Aufnahmen kontaktierte ich meine alten Kollegen. Die Chemie hat schnell wieder gestimmt und weil der Spaß nicht gleich nachlassen wollte, haben wir beschlossen, gemeinsam weiter zu machen. Der Namen Bent Not Broken geisterte damals schon eine Weile in meinem Kopf, weil es in diverser Hinsicht in meinem Leben gerade etwas ruhig ging. Als ich mir dann pünktlich zum Bandstart Dezember 2007 noch beim Skifahren das Kreuzband und den Meniskus gerissen hatte, dachte ich, Bent Not Broken ist eigentlich ein großartiges Motto. Das Leben kann uns verbeulen, aber es wird uns nicht brechen.

HH: Euer erstes Album To Whom It May Concern ist nun schon einige Zeit erhältlich und ihr habt auch schon ein paar Konzerte seit der Veröffentlichung gespielt. Wie sind die Reaktionen bisher?

Jörn: Kurz gesagt könnte man das mit Klasse statt Masse umschreiben. Um das zu erklären: Wir sind nur ein ganz kleiner Fisch in einem riesigen Pool namens Musikmarkt. Wir "betreiben" Bent Not Broken in allererster Linie nur für uns, Spaß ist vorrangig. Der Traum von der Musikkarriere ist so eigentlich nicht vorhanden. Wir arbeiten mit Bent Not Broken also auch nicht nach herkömmlichen Muster mit diversen Partnern, sondern machen alles alleine, immer in dem Rahmen, den wir auch selber stemmen können. Insofern sind wir sicher keinesfalls flächendeckend präsent und werden nur von kleinen Kreisen wahrgenommen. Dort aber waren die Reaktionen tatsächlich eher positiv.
HH: Haben die Kritiken eure Erwartungen getroffen oder seid ihr wegen des Feedbacks überrascht gewesen?

Jörn: Ganz ehrlich, ich bin mein größter Kritiker. Und selbst wenn ich nach einer Aufnahmesession mit dem Song im Auto nach Hause fahre und mir auf die Schenkel klopfe, wie grandios der neueste Take geworden ist, fallen mir gleichzeitig unzählige Beispiele von Songs ein, die noch viel, viel geiler sind. Vielleicht überrascht mich deshalb positives Feedback immer wieder. Ich denke, die meisten unserer Songs zünden nicht nach fünf Sekunden. Du musst ihnen Zeit geben und vielleicht auch auf den Text hören, um die Story zu kapieren. Wenn mir dann tatsächlich Leute sagen, dass ihnen der eine oder andere Song aus der Seele spricht, finde ich das beeindruckend. Und das ist auch wirklich diverse Male passiert. Ob das nun gut ist oder nicht - mir selber fällt es sehr schwer, unseren Sound in eine bestimmte Schublade zu stecken. Und mich freut, wenn das auch keinem der Kritiker so richtig gelungen ist. Sicher gibt es den einen Break, der wie X klingt, der Chorus wie Y, aber so 100%ig zieht doch kein Vergleich. Einer hat zum Beispiel geschrieben, dass wir so unkonventionelle Songstrukturen haben. Das hat mich sehr amüsiert, denn ich meine ja, dass alle unsere Songs mehr oder weniger immer nach demselben Schema F funktionieren.

HH: Was hältst du von eurem Album? Bist du zufrieden mit dem Ergebnis? Oder würdest du etwas ändern wollen, wenn du es könntest?

Jörn: Ich denke, wenn man die Umstände berücksichtigt, unter denen wir das Album aufgenommen haben, dann stehen wir im Vergleich zu den Helden gar nicht so schlecht da. Klar, im A:B-Vergleich zum neuen Nickelback-Album verblassen wir. Aber das ist in etwa so, als würde ein Amateurfilmer mit HD Camcorder seinen Urlaubsfilm mit dem neuesten Hollywood-Blockbuster vergleichen. Man lebt ja immer im Zustand des jeweiligen Irrtums. Zum Zeitpunkt der Aufnahmen und des Mischens fand ich diverse Sachen cool, die ich bei der nächsten Runde sicher anders machen würde. Aber das sind in der Hauptsache Details und im übrigen ist das ja auch das Schöne, dass man sich da immer weiterentwickelt.

HH: Du singst ja selbst, obwohl du sagst, dass du es nicht kannst. Warum habt ihr niemanden anderen für den Gesang? Ist es so schwer, einen passablen Sänger zu finden oder habt ihr einfach noch keinen gefunden, der zu euch passt?

Jörn: Ich muss ja feststellen, dass ich mich langsam an mich gewöhne. Das muss natürlich nichts heißen. Aber wie auch immer, gute Sänger sind leider wirklich sehr, sehr selten. Dazu kommt, dass ich zugegebenermaßen da relativ verwöhnt bin, weil wir in der letzten Band Reardon mit dem US-Sänger Matt einen echten Helden am Start hatten. Persönlich muss ich auch sagen, dass ich gerade bei deutschsprachigen Sängern ein Problem habe, wenn die englischen Songs mit Akzent vorgetragen werden. In Sachen Bent Not Broken - ich gebe zu, ich suche nicht aktiv nach einer Alternativbesetzung. Aber wenn mal einer auftaucht, der unsere Songs geil singen kann, dann bin ich der Erste, der das Mikro in die Ecke legt. Wobei ich nicht unstolz hinzufügen möchte, dass ich zu meiner größten Überraschung auch auf MySpace zum Beispiel Comments bekomme, die die Hammer-Stimme loben. Finde ich immer saukomisch. Ich meine, vergleich mal Chris Cornell mit Billy Corgan. Oder Lemmy und Rob Halford. Freddy Mercury oder sagen wir Alexi Laiho. Da liegen in jeder Hinsicht jeweils Welten dazwischen, obwohl das alles Rockstimmen sind. Versteh mich nicht falsch, ich will mich nicht mit denen in eine Reihe stellen, aber was dem einen gefällt, findet ein anderer furchtbar. Meine Stimme gehört sicher in die Kategorie derer, die polarisieren. Es gibt tatsächlich Leute, denen sie gefällt aber eben genügend, die damit ein Problem haben. Wenigstens versuche ich zu singen. Das ist sicher Geschmacksache, aber gerade bei neueren Metalbands scheitere ich zum Beispiel immer wieder am Gesang. Das sind teilweise so hammermäßige Songs, aber wenn dann ausschließlich growwowrrurhgruooorl gesungen wird, muss ich leider passen. Aber wie gesagt, das ist Geschmacksache.

HH: Wie wirkt es sich aus, wenn man eine Scheibe schreibt und produziert, bei der man weiß, dass der Gesang nicht optimal ist? Nimmt man darauf Rücksicht oder versucht man das möglichst zu ignorieren?

Jörn: Das kommt ganz stark auf die Zielsetzung an. Wenn ich vorhabe, möglichst weit oben in den Charts zu landen, dann sollte man schlichtweg abbrechen, wenn die Stimme nicht klingt. Im Mainstream-Bereich entscheidet die Stimme sicher ganz wesentlich über den Erfolg. In unserem Fall sehe ich das entspannter. Wie eingangs erwähnt, existiert Bent Not Broken in erster Linie zu unserem eigenen Vergnügen. Wichtiger als die vermeintlich tollste Stimme aller Zeiten ist mir da die Chemie und die gute Stimmung in der Band.

HH: Bei euch ist alles aus eigener Hand entstanden und auch die Vermarktung habt ihr in eigene Hände genommen. Du hast selbst ja auch schon ein Buch ("Selbstvermarktung für Musiker") über das Thema Vermarktung von Bands geschrieben. Ist der praktische Versuch aus deiner Sicht bisher ein Erfolg?

Jörn: Hm, wie sag ich's nun? Wenn ich also so perfekt über diese Industrie Bescheid weiß, dass ich sogar ein Buch darüber schreibe, müsste ich also alle Hebel korrekt gezogen haben und somit Bent Not Broken schon kurz vor dem Rock-Olymp haben. Ist das nicht der Fall, müsste ich mich fühlen wie einer dieser Anlageberater, die dir einen todsicheren Anlagefonds empfehlen und du dich fragst, warum der Typ immer noch hier hinter dem Schalter sitzt, wo er sich doch so gut auskennt. Auf die Gefahr hin, dass das nach Rechtfertigung klingt, versuche ich die Sache mal so zu erklären. Am Anfang meines Buches steht, dass auch der beste Vermarktungsversuch nicht ziehen wird, wenn die Musik oder die Band nicht hält, was versprochen wird. In unserem Fall sieht die Sache so aus, dass wir alle bei Bent Not Broken bis über beide Ohren in unseren Jobs stecken und die Band als Ausgleich betreiben. Ich habe mir im Zuge meiner Eigenschaft als Betreiber einer Werbeagentur über die Jahre hinweg ein kleines aber feines Tonstudio aufgebaut. Daher sind Aufnahmen für uns kein großes Problem. Sehr schwierig hingegen wird es für uns, wo und wann immer es geht, live zu spielen. Das würde mir zwar sehr viel Spaß machen, aber dafür fehlt einfach die Zeit. Aus diesem Grunde macht es für uns auch nicht viel Sinn, einen Booker ins Boot zu holen, denn der hätte seine liebe Mühe mit unserer Verfügbarkeit. Und ab hier beißt sich die Katze in den Schwanz, denn ohne Liveauftritte kannst du heutzutage nichts mehr zerreißen. Du musst auf die Straße und spielen, spielen, spielen, um dir langsam aber stetig eine Fangemeinde aufzubauen, die gewillt ist, zahlenderweise die Clubs zu füllen. Daher kann man klar konstatieren, dass Bent Not Broken aus kommerzieller Hinsicht natürlich kein Erfolg ist. Davon war aber bei der Summe unserer Bemühungen nicht wirklich auszugehen. Auf der anderen Seite bin ich mit der Band total happy, so wie's ist.

HH: Was sind deiner Meinung nach die Gründe für den rapiden Verfall der Musikindustrie? Die illegalen Downloads können alleine ja gar nicht so viel ausrichten, oder?

Jörn: Doch, ich würde in der Tat den Downloads, oder sagen wir mal, den illegalen Kopien in jeder Form den Großteil der Schuld geben. Das ist ein schwieriges und ziemlich verfahrenes Thema, sicher irgendwie auch eine Art Verkettung unglücklicher Umstände, aber ich versuch' mal, meine Einschätzung in Worte zu fassen. Mit Einführung der CD hat sich die Musikindustrie selbst in beide Knie geschossen. Während die Duplikation der Medien immer billiger wurde, hat man die Ware unter der Argument der hohen Qualität immer teuer, d.h. zu teuer verkauft. Das ging in den 80er und 90ern noch gut und aus dem Beginn der CD-Ära stammen ja auch diese unglaublichen Verkaufszahlen. Keiner aber konnte oder wollte damals die rasante Entwicklung der Technologie erahnen. Erst waren es die CD-Brenner und schon kamen auf eine gekaufte CD ca. zehn gebrannte. Dann kamen MP3s, gefolgt von Internet mit DSL und Flatrates. Für 2008 berichtet die IFPI von 1,4 Milliarden bezahlten Downloads. Dagegen stehen über 40 Milliarden unbezahlter Titel. 95% aller MP3-Downloads verlaufen ohne Abrechnung. Ein Bekannter von mir ist Anwalt für Warner. Da wurde z.B. festgestellt, dass bei der dt. Telekom ca. 4/5 des Datentransfers auf Peer to Peer-Börsen stattfinden. Das sind nachweislich Millionen von Songs, die mal eben so von links nach rechts verschoben werden. Um das mal klarzustellen - es geht hier nicht um die CD, die du mal eben deinen zwei, drei besten Kumpels brennst. Das nennt man Promotion. Aber du findest selbst als Unwissender mit ein paar Klicks alles im Internet, weil sich allerorten vermeintlich coole Typen aufblasen, weil sie die neue XX CD und den gesamten Backkatalog gleich mit ins Netz stellen für alle. Teilweise geht es schneller und unkomplizierter, sich die Songs zu saugen, als irgendwo mit zwei, drei Klicks zu bezahlen. Keine Frage, CDs sind generell wie gesagt zu teuer und durch die vielen Abzockergeschichten aus der Musikindustrie, von denen ja auch etliche wahr sind, hat kaum einer mehr Lust, irgendwelche Labelbosse zu finanzieren. Aber im Laufe der letzten paar Jahre hat Musik durch die Entkoppelung vom physikalischen Datenträger (CD, Vinyl) jeden monetären Wert verloren. Das große Problem ist hierbei, dass es gar nicht mehr als Problem wahrgenommen wird. Die Masse ist sich gar nicht bewusst, dass das Downloaden nicht rechtens ist und sie ganz vorrangig den Musikern schadet. Neulich wollte mir ein entfernter Bekannter eine Festplatte vorbeibringen, damit ich ihm meine Musikbibliothek drauf ziehe. Auf die Bemerkung, dass ich das so nur ungern tue, meinte er nur, wo das Problem wäre, er wolle die Musik ja nur hören. Auch herrscht, glaube ich, immer noch das Klischee, dass die Musiker eh so sensationell verdienen, dass sie die paar Downloads nicht merken. Nun, wenn Madonna statt 20 Millionen Alben nur noch drei verkauft, ist das ein harter Schlag, aber drei Millionen Alben bringen auch Geld, finanzieren die komplette Produktion und Madonna verdient on top mit Airplay und sonstigen Gagen. Eine kleine Band, die auf einmal statt 2.000 Alben nur noch 50 verkauft, aber ihre eigene Produktion vorfinanziert hat, ist damit echt angesch...

HH: Was hat sich in den letzten zehn Jahren im Marketing von Bands verändert? Wo müssen sich Bands anpassen und welche Fehler sollten Neulinge besser nicht machen?

Jörn: Eigentlich hat sich gar nicht so viel verändert. Die klassischen Regeln des Marketing gelten nach wie vor. Allerdings haben sich speziell durch das Internet völlig neue Möglichkeiten eröffnet. Generell sollte sich eine Band mit kommerziellen Absichten bewusst sein, dass heutzutage mehr zum Erfolg gehört als nur ein paar tolle Songs. Auch wenn die die absolute Grundvoraussetzung sind, muss eine Band versuchen, eine markante Identität zu entwickeln, die sie - so schwer das auch sein mag - unverwechselbar macht. Und natürlich sollte sich jeder klar sein, dass es einer gehörigen Menge Durchhaltevermögen bedarf, da der Erfolg sich nicht über Nacht einstellt. Man sollte selber einen konsequenten Weg beschreiten, dabei aber nicht den Blick über den Tellerrand scheuen. Auch wenn das vielleicht im Zuge von verlockenden Angeboten der Preis zu sein scheint, sollte man sich nicht über die Maßen verbiegen, nur um einen Deal an Land zu ziehen. Das wird man nicht langfristig durchhalten. Die große Kunst, denke ich, ist es, zur richtigen Zeit die richtigen Partner an Land zu ziehen. Denn alleine wird man über kurz oder lang an seine Grenzen stoßen.

HH: Sind große Labels heutzutage überhaupt noch notwendig? Brauchen wir die riesen Vermarktungsmaschinerien oder gilt es hier nicht, neue Wege zu gehen?

Jörn: Naja, die oben verteufelte digitale Entwicklung ist gleichzeitig auch ein Segen für kleinere Bands, da sie z.B. wesentlich preisgünstiger als noch vor zehn Jahren ein Album produzieren können. Das funktioniert auch im Alleingang. Allerdings stehen diese Möglichkeiten natürlich allen zur Verfügung und dadurch ist die Konkurrenz entsprechend groß. Das Internet bietet die Möglichkeit, sich relativ preisgünstig einer weltweiten Öffentlichkeit zu präsentieren. Dem gegenüber aber steht die schier unüberschaubare Flut der Websites. Die Chance, per Zufall gefunden zu werden, ist demzufolge verschwindend. Die großen Labels werden eh seit langem immer kleiner. Man braucht generell zunächst kein Label, um etwas zu bewegen. Ist die Band mit einer internen Struktur und verteilten Arbeiten gut aufgestellt, kann sie sich auch alleine durchschlagen. Allerdings ist zum einen der zeitliche Aufwand für Organisation aller Art rund um's Musikmachen (z.B. Konzerte organisieren, Websites pflegen) gewaltig und zum anderen mangelt es in der Regel an den richtigen Kontakten. Insofern kommt man über kurz oder lang nicht drum herum, mit einem Booker oder mit einem Vertrieb zu kooperieren. Alleine wirst du deine Songs nie bei iTunes einstellen können. Über einen Aggregator allerdings schon. Und wer sich schon mal bei irgendeiner Vorband im Konzert gefragt hat, warum die da stehen und nicht man selber, der sollte über professionelles Booking nachdenken. Bei aller - hoffentlich vorhandenen - Liebe zur Musik muss man sich im Klaren sein, dass ein Label eine Band nur signt in der Annahme, dass sie mit ihr irgendwann Geld verdienen kann. Das ist auch ein völlig legitimes Ansinnen. Ein Bäcker backt seine Brezn auch in der Absicht, sie zu verkaufen. Bevor man aber ein Label kontaktiert, sollte man sich aus eigener Kraft eine gewisse Reputation erspielt haben. Das erleichtert die Verhandlung mit dem Label, steigert den eigenen Marktwert und erhöht das Interesse. Ist die Band wirklich groß, hat sie in der Regel ein Label, welches der Band den Rücken frei hält. Dafür kassiert das Label dann auch zu Recht. Große Bands, die ohne Label operieren, haben selber ein Team eingestellt, welches im Prinzip Labelaufgaben erfüllt.

HH: Welchen Stellenwert weist du Webportalen wie heavyhardes.de (oder anderen) im Verhältnis zu den Printmedien und sonstigen Medien zu?

Jörn: Ganz ehrlich, das ist schwer zu sagen und hängt auch davon ab, wie gut die Portale betreffend Usability gemacht sind. Grundsätzlich stehe ich den Portalen positiv gegenüber, weil sie von Leuten gemacht werden, die mit echter Begeisterung bei der Sache sind und das entsprechend ernst nehmen. Zu Printmagazinen sind sie eine echte Alternative, das ist keine Frage. Viele Portale sind ja auch auf eine bestimmte Zielgruppe zugeschnitten und wenn man da reinpasst, trifft man halt auf die zu 100% passende Zielgruppe. Ob jemand in einem Portal die Review unserer CD anklickt, wenn sie aus der aktuellen Liste raus in die Nummer 21.523 von 27.565 gewandert ist, ist zu bezweifeln. Allerdings tauchen diese Einträge immer erstaunlich weit vorne auf, wenn man nach der Band googelt. Alleine das macht es schon positiv.

HH: Ich bin ein kleiner Musiker, hab eine Band mit ein paar Kumpels, einige ordentliche Songs und durch Live-Gigs konnten ich sogar schon ein paar Fans gewinnen. Reicht es jetzt, dein Buch zu lesen, damit ich dann voll groß rauskommen kann oder muss ich doch erst im Lotto gewinnen?

Jörn: Ja genau, lies mein Buch und du wirst berühmt, haha. Nun, so leicht ist es leider nicht. Es gibt kein Patentrezept zum Erfolg - war ja leider klar. Das Buch soll dir helfen, dich zu orientieren. Für Leute, die sich mit dem Thema schon eingehender beschäftigt haben, mag es als reine Check-Liste dienen. Neulinge in der Branche finden hier einen relativ umfassenden Rundumschlag über die Konzeption einer Band, den Ablauf einer CD-Produktion von der Aufnahme bis zu Druck und Duplikation, einen Überblick über die wichtigsten Aggregatoren, Möglichkeiten der Vermarktung vom klassischen bis hin zum Guerilla-Marketing bis hin zur Labelgründung. Der Vergleich mit dem Lottogewinn ist allerdings nicht so schlecht, denn unter all den Abertausenden von Bands, die sich über die Jahre aufmachen, die Welt zu erobern, gelingt es doch immer nur einer Handvoll, oben anzukommen. Insofern, Buch hin oder her, sind die Chancen einfach gering, dass kann und muss man so in aller Deutlichkeit sagen.

HH: Jetzt aber nochmal zurück zu Bent Not Broken: Was sind eure Pläne für die nächsten Monate? Schon wieder fleißig am Schreiben? Gibt es eine Welttour?

Jörn: Wir machen gang einfach so weiter wie bisher. Soll heißen, ein paar neue Songs sind schon wieder in der Mache, zwei oder drei könnte ich mir auch tatsächlich für ein weiteres Album vorstellen. Das wird es aber frühestens in einem Jahr geben, denke ich. Ansonsten werden wir natürlich in nächster Zeit versuchen, so oft es geht irgendwo zu spielen im Rahmen unserer zeitlichen Möglichkeiten. Da werden wir aber weniger auf der ganzen Welt als vielmehr im süddeutschen Raum zu finden sein. Obwohl es so aussieht, dass wir im Herbst in Griechenland unterwegs sind. Da bin ich gerade noch am Organisieren, aber das könnte ziemlich lässig werden.

HH: Wenn man mal fragen darf: Worüber habt ihr bisher am meisten Platten verkauft? Über reale Läden? Oder eher per Amazon oder andere Anbieter? Oder über den Direktvertrieb auf der eigenen Homepage bzw. über MySpace und Co.?

Jörn: Ah, jetzt also mal Tacheles. Dann mal ganz offen aus dem Nähkästchen geplaudert... Man könnte sagen, im Rahmen meines Buches war Bent Not Brokens To Whom It May Concern ein prima Realversuch. Um ganz einfach deine Frage zu beantworten: die meisten CDs gehen über unsere Homepage und auf Konzerten. In realen Läden sind wir nicht zu bekommen, weil der CD-Markt so dermaßen "kurz vor tot" ist, dass man ohne begleitende Promotion eigentlich nichts verkauft. Und mit "nichts" meine ich nichts. Nicht 50 oder fünf, sondern null. Dazu kommt, dass durch all die Zwischenhändler so viele Aufschläge nötig sind, dass für einen selber nichts bleibt. Diesen Weg haben wir mit Reardon beschritten zu einer Zeit, als die CD-Welt schon krank aber verglichen mit heute noch in Ordnung war und selbst da war das Ergebnis eher uninteressant. Bei Amazon sind wir gelistet, aber der Preis ist völlig jenseits. Zwar verkaufen wir das Album auch selber auf dem Amazon Marketplace für 9,90 (von denen vier Euro für Amazon sind), aber da müssen die Leute erstmal drauf klicken. Ich verrate dir jetzt mal ein paar tolle Zahlen, finde das ist ein schönes Beispiel. Wir haben im März 2008 Bent Not Broken bei MySpace eingestellt. Seit einem Jahr haben wir über 23.000 Klicks, über 17.000 Plays, über 600 Freunde. Und die sind in der Hauptsache Personen, keine Bands. Es ist zwar schön, mit Foo Fighters oder BLS befreundet zu sein, aber Zack wird sicher kein Album von uns kaufen. Von den 600 "Freunden" sind also ca. 400 echte Fans, von denen ich inzwischen viele tolle Comments und auch sehr nette Mails bekommen habe, wie super unsere Musik ist. So und wieviele CDs, schätzt du hab ich im letzten halben Jahr nachweislich über MySpace verkauft? Drei Stück. Bitter, aber so schaut's aus. Jetzt kannst du natürlich sagen, naja, die Songs sind halt auch nur durchschnittlich und der Gesang geht ja eh gar nicht. Aber hast du schon mal bei Google "download Myspace music" eingegeben? Schon kriegst du Berge von Links, die dir - obwohl als nicht downloadbar ausgewiesen - alle Songs aus dem MySpace-Player zum Download anbieten. Insofern haben wir unsere Songs bei MySpace gerade alle durch Snippets ersetzt, obwohl ich das eigentlich gar nicht mag. Ich habe neulich noch ein Experiment gestartet: In den USA gibt es die Plattform Amiestreet.com, da kannst du ohne Gebühr Dein Album einstellen. Die ersten zehn Downloads sind umsonst für alle registrierten User (deren Account kostet auch nichts), ab dann beginnen die Songs was zu kosten. Die ersten zehn Besucher also haben sich unser Album für lau gezogen, das dient laut Amiestreet zur Werbung. Ab dann klettert der Preis von drei Cent pro Song bis auf 98 Cent. Sprich, je mehr Leute die Musik kaufen, umso größer schätzt man die Nachfrage ein und umso mehr - so vermutet man - sind die Leute auch bereit zu bezahlen. Inzwischen kostet unser Album dort 1,62 USD, also etwas mehr als 1 EUR. Für diesen Betrag bekommst du somit 12 Songs in prima Qualität. Aber das war's jetzt auch. Das Registrieren kostet zwei Klicks, eine Emailadresse und bezahlen kannst du per PayPal oder SSL-verschlüsselter Kreditkarte. Easy und sicher. Trotzdem kauft keiner. Wenn man nun das Argument ranzieht, dass Bent Not Broken einfach nicht gut genug ist und unser Album halt einfach keinen Euro wert ist, dann muss ich leider erwidern, dass man bei Amiestreet auch die neue Kreator oder diverse Cult-Alben für ca. zwei bis drei Euro runterladen kann und diese Combos sollten doch ein paar Fans mehr haben als wir. Etliche Größen der Szene benützen Amiestreet als Testplattform. Und dann darf man sich schon fragen, ob das als Zeichen für die aktuelle Situation zu werten ist. Bei den Online-Plattformen ist sicher iTunes nach wie vor die Haupteinnahmequelle. Hier läuft - zumindest für uns - sicher noch am meisten, wenngleich auch hier die monatlichen Einnahmen eher zum schön Essen gehen als zum Miete zahlen taugen. In Bezug auf Bent Not Broken sehe ich die Sache dank meiner Gesamtsituation relativ entspannt. Es bringt mich nicht um, auch wenn wir null CDs verkaufen. Es geht mir nicht darum, damit reich zu werden, sondern ich möchte eine möglichst gute Zeit haben. Klar, eine Refinanzierung wäre toll. Allerdings ist es gerade unter den aktuellen Voraussetzungen für mich einfach grundsätzlich ein tolles Gefühl, wenn tatsächlich jemand unser Album kauft, weil es heutzutage sowas wie den ultimative Beweis für echte Wertschätzung im wahrsten Sinne des Wortes darstellt. Sprich, da fand einer unsere Musik so gut, dass er tatsächlich ein paar Euro dafür locker gemacht hat.

HH: Danke für deine Zeit. Noch ein paar letzte Worte?

Jörn: Gerne geschehen, besten Dank, dass ihr mich habt zu Wort kommen lassen! Ich hoffe, ich habe nicht zu viel gelabert. Letzte Worte? Auch wenn es verbrannte Erde ist und das keiner hören will - Freunde der Musik, helft gerade den kleineren Bands! Wenn euch deren Sound gefällt, kauft euch die Sachen und ladet nicht einfach nur runter. Ihr sägt an dem Ast, auf dem die sitzen, die ihr mögt. Musik machen ist eine der tollsten Sachen der Welt, aber es kostet richtig Zeit und verdammt viel Geld. Wenn eine Band immer nur bezahlt, damit andere Spaß haben, kann sie das nicht ewig durchhalten und so müssen viele aufgeben. Wenn ihr nicht wollt, dass irgendwann nur noch werbefinanzierte Bohlen'sche Superblödel zu hören sind, fördert die Bands, die ihr gut findet. Auch auf die Gefahr hin, dass eine Plattenfirma da mitverdient. Speziell die kleinen Bands haben keine Chance, auf einer großen Tour durch Ticketpreise Einnahmen zu generieren. Somit kommt weder Kohle durch Albenverkauf noch durch Konzerte rein und über kurz oder lang gibt da jeder auf. Und auch wenn ihr saugt und kopiert, stellt das nicht für jedermann ins Netz. Versorgt wenn's sein muss eure engsten Freunde, aber nicht die Welt. Nicht um Bent Not Broken willen, sondern um der gesamten Zunft wegen.

Sophos

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