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Megadeth - United Abominations

Megadeth - United Abominations
Stil: Heavy Metal
VÖ: 11. Mai 2007
Zeit: 48:11
Label: Roadrunner Records
Homepage: www.megadeth.com

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Oft wird über ein Album herumorakelt, dies sei jetzt ein Schlüsselmoment für die Band, aus dem oder jenem Grund. Meistens geht es dabei um wenig mehr als um künstlichen Hype zu erzeugen. Bei diesem Werk liegt die Sache allerdings anders. Immerhin geht es hier um die Frage, ob Dave Mustaine wirklich die Kurve gekriegt hat.
Spannend genug ist die Historie allemal: immerhin hat Megadave nach seinem Rausschmiss bei Metallica mit seinen ersten drei Alben das Genre des Speed/Thrash Metal mit erfunden und definiert. Da fanden sich messerscharfe Riffs, eine trotzige Attitüde, ein zwar nicht begnadeter, aber unverwechselbarer Gesang, und zum Beispiel eine flotte Version von Metallicas "Four Horsemen" namens "Mechanix". Was Megadeth von der Masse abhob, waren die Jazz- und Klassik-Einflüsse, die immer wieder durchschienen. Mustaine erwarb sich schnell den Ruf der Diva, war ein unangenehmer Zeitgenosse und frönte Drogen in jedweder Form. Konzerte waren kurz, Publikumskontakt fand nicht statt. Mit Countdown To Extinction lieferten sie dann 1992 das ab, was für Metallica das Schwarze Album war: die Fahrkarte zum kommerziellen Olymp. Die räudigen Rebellen wurden Millionenseller und ließen sich dann vom Plattenfirmen, falschen Beratern und kurzfristigem Erfolg immer weiter in die Mainstream-Ecke drängen. Scheiben wie Cryptic Writings (1997) und Risk (1999) waren auf Hit und Radio getrimmt und klangen viel eher nach Aerosmith als nach dem Thrash der alten Tage. Nach The World Needs A Hero (2001) war dann erst mal Schluss, die Band war völlig zerstritten, Mustaine ging auf die zigste Entziehungskur und schien erledigt, da er noch nicht mal mehr Gitarre spielen konnte (im Vollsuff schlief er auf seinem Arm ein, wobei die Nerven angegriffen wurden). Eigentlich wäre das Kapitel Megadeth zu den Akten gelegt worden, wenn da nicht ein Prozess eingesetzt hätte, der erstaunliche Parallelen zu Metallica aufweist. Wie schon bei James Hetfield machte es auch bei Mustaine irgendwann klick. Er lernte wieder Gitarre spielen und schrieb ein Album, das er eigentlich als Solo-Projekt veröffentlichen wollte, um Megadeth würdig zu beenden und dann für immer Vergangenheit sein zu lassen. The System Has Failed ließ 2004 die Metal-Gemeinde aufhorchen: da war er wieder, der alte Geist, die Trotzigkeit und die Aggression. Die Tournee geriet dann regelrecht zum Triumphzug: gut gelaunt servierte Mustaine zwei Stunden ein brillantes Hitfeuerwerk, plauderte mit dem Publikum (unerhört!) und fand die verlorene Spielfreude wieder. In Interviews machte er einen geläuterten Eindruck, und selbst im Rechtsstreit mit seinem alten Weggefährten Dave Ellefson, der ihn wegen angeblicher Tantiemenunstimmigkeiten auf Millionen verklagte, zeigte er zum Schluss Großmut. Und als die Metal-Welt dann trauerte und wie der kleine König dachte "Schade! Schade! Schade!", da rückte er raus, dass er so viel Spaß hat, dass er nun doch weitermacht. Ehrlich oder von langer Hand geplant? Ich tendierte mal zu Ersterem. Und deshalb musste man so gespannt auf diese Scheibe sein, denn welchen Weg schlägt er wohl jetzt ein? Aggression oder Kommerz?

Antwort ganz klar: Ersteres. Die ersten paar Momente des Openers "Sleepwalker" zeigen schon, dass Megadeth wieder Metal spielen. Dynamisches Riffing, schneidige Melodien, und das räudige Organ von Dave wie zu besten So Far, So Good... So What?-Zeiten. Ab dann kann er eigentlich nichts mehr falsch machen, und er legt Kracher um Kracher nach. "Washington Is Next!" ist ein klares Highlight im Megadeth-Kanon und vereint Speed, Brachialität, Melodie und Eingängigkeit mit den Markenzeichen der jazzigen Breaks. Freunde, wer den alten Dave gut fand, wird hier hüpfen. In üblicher Großmaul-Manier spricht er selbst über seine Motivation, so draufzudreschen, und man muss ihm Recht geben: "Die Scheibe ist eine Art Elektroschock für die Metal-Gemeinde. Irgendjemand musste auf den Plan treten und wieder Soli spielen, und vor allem heavy Rhythmen, die auch wirklich live im Studio aufgenommen sind und nicht einfach die gleichen sechs Sekunden 300 Mal am Computer zusammenschnipseln. Irgendjemand musste es einfach tun." Diesen Job hat er mit seinen Kumpanen Glen Drover (Lead und Rhythmus Gitarre), Shawn Drover (Drums) und James LoMenzo (Bass) herausragend umgesetzt. Weiter weg als vom Stadionrock, den er auf Drängen der Plattenfirma und des damaligen Gitarristen Marty Friedman fabrizierte, kann man kaum gehen als mit "Never Walk Alone... A Call To Arms" oder auch dem exzellenten Titelstück. Dass es aber auch auf dem kommerziellern Werk musikalische Glanzlichter gab, zeigt die Neueinspielung des Hits "A Tout Le Monde" (mit Cristina Scabbia als Gastsängerin!), der ursprünglich auf der 94er-Scheibe Youthanasia zu finden war. Wenn Kommerz, dann bitte so. Mit "Amerikhastan" donnert uns eine weitere Großtat um die Ohren, deren Titel übrigens auch klar die Richtung zeigt, in die es textlich geht: Dave äußerst sich höchst kritisch und sehr politisch zur aktuellen Weltlage, die charakterisiert ist durch Terrorangst, Polarisierung in Arm und Reich und amerikanische Selbstherrlichkeit. Daher auch der Titel, der darauf anspielt, dass Mustaine das Eingreifen der UN vermisst. Wie sagte er schon 1986: Peace Sells... But Who's Buying?

Fazit: auch wenn bei den letzten beiden Nummern die kreative Puste ein wenig ausgeht, reicht der Gesamteindruck locker aus, um die Rückmeldung Mustaines zum vollen Erfolg werden zu lassen. Alle geliebten Ecken und Kanten sind da, Thrash, Mid-Tempo-Groove, Jazz, Fusion, Klassik, Daves zynischer Gesang - aber vor allem eine Sternstunde im Songwriting, wie sie Mustaine lange nicht mehr hatte. Wenn er diese Energie live umsetzen kann, kracht es massiv, und das alte Duell Metallica/Megadeth kann wieder ausbrechen. Aber Dave hat einen Vorsprung vor Hetfield: im Hause Metallica steht ein vernünftiges Album noch aus.

Holgi

6 von 6 Punkten

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