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Interview

Interview mit Undertow (12.04.2006)

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Mit der Veröffentlichung von Milgram hat die schwäbische Formation Undertow ein kleines Meisterwerk geschaffen und ganz nebenbei auch einen großen Schritt nach Vorne gemacht. Frischer, abwechslungsreicher und grooviger als bisher präsentiert sich der Dreier auf dem neuen Album. Bassist Tom nahm sich die Zeit und beantwortete ein paar Fragen zur Musik, fragwürdigen Experimenten, putzigen Tieren und einsamen Inseln.

HH: Hallo zusammen. Wie geht's so? Da das euer erster Auftritt in unserem Online Magazin ist, würdest du bitte kurz dich, die Band und eure Musik vorstellen.

Tom: Also, mein Name ist Tom und ich spiele Bass bei Undertow. Joschi kümmert sich schon seit unseren Anfangstagen vor ca. 13 Jahren um Gesang und Gitarre gleichzeitig und seit über zwei Jahren haben wir mit Rainer den perfekten Mann am Schlagzeug gefunden. So, und jetzt hier, darf ich vorstellen: unsere Musik! Tja, was soll man da sagen, es ist Metal mit kleineren oder größeren Anteilen aus Thrash, Hardcore, Emo, New Metal, Grunge, Doom - you name it!

HH: Rückblickend, wie würdest du die Entwicklung von Undertow von Anfang bis heute beschreiben?

Tom: Wie eben gesagt, uns gibt's ja schon ein paar Tage und als wir damals in 'ner Waschküche in 'nem Keller unsere erste Probe hatten, hat wohl weder Joschi noch ich geahnt oder gar zu träumen gewagt, wo uns das mal hinbringen würde. Wir haben uns damals nur aus der Freude an der Musik und dem gemeinsamen Spielen zusammengerauft und im Prinzip hat sich daran bis heute nichts geändert. Wir haben so nach und nach immer die nächste Stufe genommen, erstes Demo-Tape, erste selbstfinanzierte CD, Anfrage von einem kleinen (und schlechten) Label, danach mit dem zweiten Album Wechsel zu einem coolen Label (Silverdust, wo wir bis heute zu Hause sind), Touren, Festivals, Interviews, Ausland usw. Klar gab's auch den ein oder anderen Tiefschlag. Zwei Mal hatten wir z.B. Wechsel am Schlagzeug zu verkraften. Diese Schritte nach vorne sind es auch, die uns nach wie vor motivieren. In den nächsten Tagen spielen wir z.B. erstmals in Frankreich, der Tschechei und der Schweiz.

HH: Euer langjähriger Drummer hat euch ja vor den Aufnahmen zu Milgram verlassen. Kannst du uns etwas über die Hintergründe hierzu sagen?

Tom: Ach, das ist jetzt ja wie gesagt auch schon wieder über zwei Jahre her. Ich glaube die Gründe hat unser Ex-Drummer damals selbst noch nicht so realisiert. Er hat uns damals auf jeden Fall ordentlich geschockt mit der Ansage, denn eigentlich hatten wir ein sehr erfolgreiches Jahr hinter uns (sehr coole Reviews auf 34CE, zweiwöchige Nightlinertour mit End Of Green, fast 30 Konzerte). Seine damalige Freundin und jetzige Frau war jedenfalls schwanger und mittlerweile hat er sogar schon seinen zweiten Sohn. Langweilig ist ihm also bestimmt nicht!

HH: Milgram zeigt euch als wesentlich eigenständigere Band als eure bisherigen Alben. Wie kam es zu den Veränderungen, waren sie geplant und wie stehst du ihnen gegenüber?

Tom: Eigenständigkeit ist ja immer 'ne schwer zu taxierende Sache, wenn man selbst in der Band spielt um die es geht. Ich fand uns auch schon mit den früheren Alben kaum mit einer Band verwechselbar, aber wie gesagt... alles relativ. Veränderungen sind, für uns jedenfalls, 'ne ganz natürliche Sache und da wird auch nichts geplant. Wir lernen als Menschen und Musiker ja täglich dazu. Man verändert sich und bleibt idealerweise auch nicht stehen in seiner Entwicklung. Außerdem probiert man hier und da auch gern mal was Neues aus im Studio. Ich denke unser Produzent Roger Grüninger hat da auch einen gewissen Anteil daran, der Frauengesang bei "Two Fingers" ist z.B. zu 100% auf seinem Mist gewachsen...

HH: Wie sind die bisherigen Reaktionen auf das Album ausgefallen?

Tom: Wir sind völlig geplättet von den Reaktionen. Die Reviews zu 34CE waren ja schon sehr gut, aber Milgram kommt bei der Presse ganz offensichtlich noch besser an. Und seit dem 24.3.2006, an dem wir unserer Releaseparty gespielt haben und den seitherigen Shows, wissen wir auch, dass das Album den Leuten sehr gut gefällt. Die Songs werden bei Shows regelrecht abgefeiert und unser Gästebuch und die Shoutbox auf der Homepage kriegen auch jede Menge Positives ab.

HH: Ich muss zugeben, dass ich beim ersten Blick auf das Cover ziemlich dumm geschaut habe, da ich das "g" überlesen habe. Wenn man aber keinen Buchstaben übersieht, weckt der Titel dann aber Assoziationen zu einer berühmt-berüchtigten Versuchsserie in den Sechzigern. Inwiefern findet sich diese Thematik in den Liedern wieder?

Tom: Tja, was ein einziger Buchstabe ausmachen kann... Der Titel bezieht sich tatsächlich auf den amerikanischen Wissenschaftler Stanley Milgram und sein wohl bekanntestes Experiment. Es gibt keinen Text, der sich explizit damit auseinandersetzt, es gibt aber ein paar Songs, die sich in die Richtung der Kernaussage lesen lassen. Dass man Autorität durchaus auch mal hinterfragen sollte und eben nicht nur wie ein Rudel Lemminge in die Richtung rennt, die irgendjemand vorgibt.

HH: Was inspiriert euch generell beim Songwriting? Was findet in eure Texte Einzug?

Tom: Also unser Sänger, der sich die Textarbeit mit mir teilt, ist Pfleger auf einer psychiatrischen Station in einem Krankenhaus. Und glaub mir, das ist endlose Inspiration für die nächsten Undertow-Alben. Er hört da einfach so viele krasse Geschichten und Schicksale. So was beschäftigt einen auch noch nach Dienstschluss. Bei mir ist das mit der Inspiration sehr unterschiedlich. Das Thema Beziehungen ist ein unendlicher Quell der Inspiration, aber da können auch Impulse aus anderen Richtungen kommen: Filme, die ich gesehen habe, Bücher, Zeitungen, Zeitschriften, Internetseiten, die ich lese... Generell Sachen, die einen beschäftigen, nachhallen und einen nicht mehr loslassen.

HH: Wie würdest du persönlich in solch einer, nennen wir es "Milgram-Situation" reagieren?

Tom: Was wäre wenn? Ehrlich gesagt hab ich keine Ahnung. Man sieht sich ja schon gerne als coolen Typen, der alles im Griff hat und Situationen gut und richtig einschätzt. In der entsprechenden Situation kann das aber ruckzuck ganz anders sein. Es gibt ja geschichtlich oft Situationen, wo man sich als Unbeteiligter hinterher fragt "Wie konnte so was passieren?" Man nehme nur den Holocaust... Ich hoffe, dass ich nach kurzer Zeit aufbegehrt hätte und mich geweigert hätte weiter zu machen.

HH: Wann wäre für dich der Punkt erreicht an dem du gegen solch geartete Autorität aufbegehren würdest?

Tom: Wie gesagt, schwer zu sagen. Bei klarem Verstand würde ich sagen, dass für mich die Grenze überschritten wird, sobald jemand verletzt wird.

HH: Zurück zur Musik. Ihr macht seit gut 13 Jahren Musik und habt die Grenze zwischen Underground und dem großen Durchbruch bisher nur ansatzweise überschritten. Welche Erwartungen setzt du in diesem Punkt an Milgram?

Tom: Keine bzw. nur wenige. Das mag jetzt komisch klingen, aber für uns ist das Erscheinen der, je nach Zählweise, nun schon vierten oder fünften Platte an sich schon ein riesiger Erfolg. Hätten wir ja, wie oben schon erwähnt, früher nie davon zu träumen gewagt. Klar wäre es schön, wenn wir ordentlich Platten verkaufen würden, so dass das Label das investierte Geld wieder einspielen könnte und uns das nächste Album finanzieren kann. Und damit das jetzt nicht lakonisch klingt oder so, wir haben riesigen Bock mit der Band noch viel zu erreichen, ferne Länder zu bereisen, Fans zu beglücken usw. - aber unser Seelenheil hängt nicht davon ab.

HH: Wenn ihr an die anstehenden Tourneen blickt. Was wäre dein Dreamteam mit dem du gerne on the Road wärst?

Tom: Am liebsten würde ich mit Joachim Baschin (Gesang/Gitarre) und Rainer Pflanz (Schlagzeug) auf Tour gehen. Also mit der aktuellen Undertow-Besetzung. Das geht aber leider nicht, da Rainer Lehrer ist und nicht einfach so für eine Tour außerhalb der Schulferien zur Verfügung steht. Deswegen spielen wir die Pro-Pain-Tour auch mit einem Ersatzdrummer. Wenn es bei dem erwähnten Dream-Team um eine Bandkonstellation geht, dann würden wir gerne mit Metallica, Nine Inch Nails, Thrice und Katatonia durch die Stadien dieser Welt touren.

HH: Ihr gehört mittlerweile ja fast schon zum Inventar des Summer Breeze. Verglichen mit Clubtourneen, wo spielst du lieber und warum?

Tom: Das kann man so gar nicht vergleichen. Derart große Festivals, wie das Summer Breeze, sind immer etwas ganz Besonderes für eine Band wie uns und so was flasht einen natürlich vor so vielen Leuten zu spielen. Aber es kann auch noch 'nen Zacken cooler sein ein kleineres Festival zu spielen, bei dem man dann vielleicht nach Einbruch der Dunkelheit auf die Bühne darf. Wenn die Leute da dann noch abgehen, dann gibt's wenig Besseres. Clubshows kann man auch nicht pauschalisieren, ein voller Club mit den Leuten direkt vor der Nase ist auch ein ganz besonderes Erlebnis. Am letzten Wochenende haben wir z.B. mit Koroded und Nme.mine in Düren vor ca. 200 Leuten in 'nem Club, der für ca. 100 Leute ausgelegt war, gespielt und das war überfett!

HH: Was war das Peinlichste was dir je auf Tour passiert ist?

Tom: Ich will mich hier echt nicht als Unschuldslamm und Mr. Perfect hinstellen, aber ich kann mich an kein größeres Missgeschick auf Tour erinnern. Ich hab sonst schon ein Händchen für Fettnäpfe, frage z.B. Leute, die ich lang nicht mehr gesehen habe, ausgerechnet dann gerne mal nach ihren Partnern, wenn sie sich grade ein paar Tage vorher von ihnen getrennt haben. Mir fällt da aber gerade eine Story von unserer Tour mit Crowbar, Eye Hate God und Soilent Green ein. Der Basser von Eye Hate God ist bei der Show in Bielefeld völlig zugedröhnt und besoffen, ganz wie Onkel Coyote aus den Warner-Zeichentrickfilmen, über den Bühnenrand gestiefelt - um dann schmerzlich zu erfahren, dass auch er nicht auf Luft gehen kann. Sah sehr derbe aus, und wenn's nicht so krass gewesen wäre, wäre es wohl auch irgendwie lustig gewesen. Er hat sich glücklicherweise nix getan, aber der Bass war am Arsch...

HH: Wenn du nicht gerade in den Millionen aus den Plattenverkäufen schwimmst, was machst du mit deiner Zeit?

Tom: Tja, das Schwimmen nimmt schon viel Zeit in Anspruch. Man muss ja auch ständig aufpassen, dass man die ganze Knete schlau anlegt, so dass man nicht zu viel versteuern muss usw. Ansonsten muss man das Geld ja auch unter die Leute bringen und da geht schon viel Zeit für Frauen, Drogen, protzige Immobilien, Rennwagen usw. drauf... Nee, Quatsch. Wir haben alle Jobs, die wir auch alle sehr mögen. Außerdem Freundinnen, Joschi hat sogar schon eine Tochter, ich werde im Juni erstmals Vater und mache ansonsten noch viel journalistische Arbeit...

HH: Welche drei Alben und welche drei Bücher würdest du mit auf eine einsame Insel nehmen?

Tom: Oh Mann, das ist vielleicht 'ne fiese Frage, selbst bei jeweils dreißig Titeln hätte ich da noch derbe Probleme eine Auswahl zu treffen. Aber sehr cool, dass du auch nach Büchern fragst... Also jetzt mal so zack-zack aus der Hüfte: Nine Inch Nails - The Downward Spiral, Katatonia - The Great Cold Distance, Deichkind - Noch fünf Minuten Mutti. Und die Bücher: Tad Williams - Otherland, Haruki Murakami - Mr. Aufziehvogel, Bret Easton Ellis - American Psycho.

HH: Wenn du Milgram mit einem Tier vergleichen müsstest, welches würdest du wählen?

Tom: So, ok, Premiere... Die Frage hat mir noch keiner gestellt, ich kenn sie zwar in ähnlicher Form aus anderen Interviews, aber selbst antworten musste ich auf die noch nie... Abgesehen davon, dass ich nicht finde, dass es ein Tier gibt, das völlig passt, nenn ich jetzt mal das Wombat. Ein merkwürdiges Tierchen, sieht völlig kuschelig aus, ist neugierig ohne Ende, ist aber auch ordentlich mit Muskeln und Power ausgestattet und kriegt fast alles kaputt.

HH: Danke für die Antworten. Wenn du noch etwas loswerden willst, lass es jetzt raus...

Tom: Tja, dann mal danke für das Interview, war fein und streckenweise auch durchaus überraschend. Ich kenn Heavyhardes erst seit kurzer Zeit, gefällt mir aber gut - auch wenn's aus Bayern ist! ;-) Weiterhin viel Erfolg und vielleicht sieht man sich ja mal bei einem Konzert! Take care, Tom.

JR

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