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Interview

Interview mit Dark Tranquillity (20.01.2005)

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Die schwedische Melodic Death-Institution hat sich mit Character eindrucksvoll zurück gemeldet und sich mal eben so nebenbei selbst auf ein neues Level gehoben. Wenn das mal kein Grund ist, die Jungs mit unseren Fragen zu löchern. Der sehr sympathische Niklas Sundin (Gitarre) stand geduldig Rede und Antwort und geizte nicht mit Worten, aber lest selbst:

HH: Hi Niklas, wie geht's Dir? Dick im Stress?

Niklas: Hi! Mir geht's gut, aber ich bin ziemlich müde. Wir hatten gestern einen Gig in London und mussten danach noch viel arbeiten und hatten deswegen kaum Schlaf. Mikael (Vocals) und ich sind auf Promo-Tour für elf Tage und waren in den letzen vier Tagen in vier verschiedenen Ländern unterwegs und sind jeweils sehr früh auf den Beinen. Aber es macht trotzdem Spaß.

HH: Wie war der Gig in London?

Niklas: Großartig. Wir spielten mit Arch Enemy, The Haunted und Nightrage im London Forum. Es waren eine Menge Leute da und wir hatten unseren Spaß. Die meisten großen Magazine waren auch anwesend. Es war zwar erst unser dritter Gig in London aber es war cool.

HH: Wie findest Du Arch Enemy mit der deutschen Frontfrau? Sie hört sich ja auf der Bühne nicht wirklich wie eine Frau an.

Niklas: (lacht) Nein, das tut sie wirklich nicht. Aber sie ist gut, ich hatte sie vorher noch nie gesehen. Angela (Gossow - Vocals) hat eine sehr brutale, tiefe Stimme. Wir waren ja schon mal mit Arch Enemy auf Tour, aber das war schon 1999 und da war noch Johan Liiva hinter'm Mikro, das war etwas ganz anderes.

HH: Ich kann mir vorstellen, dass die Promotion Arbeit, Interviews usw. recht anstrengend ist. Siehst Du dies als notwendiges Übel an oder machst Du die Arbeit gerne?

Niklas: Das kann man so und so sehen. Es ist das erste Mal, dass wir eine derartige Promo-Tour fahren, also von Stadt zu Stadt fahren, Leute treffen und Interviews geben. Mikael hat bislang alle Interviews per Telefon von zu Hause aus gemacht. Ich habe bislang nur Interviews per Mail beantwortet. Nun machen wir beide zwischen 15 und 20 Interviews am Tag, was sehr ermüdend sein kann, vor allem wenn man bedenkt, dass wir täglich um 10:00 Uhr starten und bis abends um 21:00 Uhr Interviews geben. Das ist alles sehr hektisch und man wird relativ schnell müde, weil man die gleichen Sachen immer und immer wieder erzählen muss. Aber es macht auch eine Menge Spaß sich mit den Leuten zu unterhalten, ihren Enthusiasmus für das neue Album zu spüren und zu sehen, dass Interesse an der Band da ist. Dieses Interesse beruhigt einen dann doch sehr. Die Interviews in diesen 14 Tagen sind auf alle Fälle besser als einfach nur das Album rauszubringen und dann still daheim zu sitzen und die Reaktionen abzuwarten. Vor allem ist es genial vom Label, diese Promotion zu fahren, das zeigt uns, dass sie hinter uns stehen und Dark Tranquillity und das neue Album wirklich vorwärts bringen wollen.

HH: Ich bin von eurem neuen Album mehr als begeistert. Es hätte keinen anderen Titel als Character haben dürfen. Denn das ist es, was eine Platte ausmacht. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ihr schlechte Kritiken bekommen habt, oder etwa doch?

Niklas: Nein, überall wurde Character positiv aufgenommen. Bislang hat es keine negativen Äußerungen gegeben. Alle waren sehr beeindruckt. Auch diejenigen, die unsere bisherigen Alben lieben haben gemeint, wir haben mit Character unser Limit bzw. ein neues Level erreicht. Seit geraumer Zeit erreichen uns entsprechende Nachrichten und Reviews über das Internet und alle sind sich darin einig, dass wir hiermit ein sehr forderndes Album am Start haben. Ich denke, es ist ein cooles Album.

HH: Du hast grad gesagt, ihr hättet mit Character euer Limit erreicht. Was können wir demnach mit dem nächsten Album erwarten? Welche Steigerung ist noch möglich?

Niklas: Hmm, schwierige Frage. Das Limit ist nicht unbedingt auf den Musikstil bezogen, vielmehr haben wir unsere Kreativität mit Character ziemlich ausgereizt. Bei jedem Album von uns werden Vergleiche zum jeweiligen Vorgängeralbum gezogen. In diesem Fall dachten wir dass Damage Done ein gutes Album ist, aber die Songs haben einen zu schnell erfasst, die Songs gingen etwas zu schnell ins Ohr. Diesmal wollten wir es einfach etwas komplizierter, etwas technischer machen. Wir wollten ein Album schreiben, dass dem Hörer mehr Interesse, mehr Zuwendung abverlangt. Also haben wir diesmal mehr Details in die Songs gepackt, haben mit verschiedenen Sounds experimentiert, so dass man auch nach dem zehnten Hören noch neue Sachen entdecken kann. Das macht Character einfach auf lange Sicht interessanter. Und das ist auch eine Art Befriedigung für mich persönlich, denn wir werden für dieses Album lange auf Tour sein. Und wenn man Abend für Abend die selben Songs spielt, ist es von Vorteil, wenn einem selbst die eigenen Songs auf lange Sicht nicht langweilig werden. Und genau das haben wir mit den entsprechenden Details erreicht.

HH: Wie siehst Du Character im Vergleich zum direkten Vorgänger Damage Done? Was sind Deiner Meinung nach die hauptsächlichen Unterschiede?

Niklas: Als erstes haben die beiden Alben verschiedene technische Ansprüche. Auf Character gehen wir komplexer an die Songs heran, die Songs wurden anders arrangiert, sie haben eine andere Struktur als noch auf Damage Done. Und nicht zuletzt haben wir alles etwas roher gehalten, haben versucht, statt nur gute Melodien zu schreiben, Atmosphäre zu erschaffen. Character ist einfach fortschrittlicher und intensiver, wir haben wieder schnellere Songs am Start. Nimm einfach gleich den Opener "The New Build", der einfach mit seinen Double Bass Attacken nach vorne losgeht. So haben wir schon lange kein Album mehr eröffnet. Ich finde, es ist uns gelungen, ein wirklich intensives Album vorzulegen.

HH: Ihr habt mit Character ein Album gemacht, dass zum einen durch die gelungene Melodieführung zu begeistern weiß aber andererseits viel Tiefgang hat, so dass man sich mit den Songs mehrfach beschäftigen muss. Wie habt ihr diese Gradwanderung geschafft?

Niklas: Danke! Es ist gut zu hören, dass wir genau das erreicht haben, was unsere Intention war: Songs zu schreiben, mit denen man sich beschäftigen muss, bei denen nicht gleich beim ersten Hören alles klar ist. Es ist eigentlich immer dasselbe: jeder schreibt seine Parts oder Riffs zu Hause und wir treffen uns dann im Proberaum. Dort probieren wir einfach alles aus, arrangieren Teile um und sehen dann, was passt, was nicht passt oder woran noch gearbeitet werden muss. Jeder hat so seine Ideen, seine Meinung, jeder ist beim Songwriting integriert, wir haben da eine sehr demokratische Vorgehensweise. Schließlich sind wir eine Band und nicht nur eine Gruppe von Menschen. So ist es bei uns eigentlich schon seit dem ersten Album, jeder trägt seinen Teil zum Album bei, es ist nicht nur einer oder zwei, die die ganze Arbeit machen und den anderen vorsetzen, was zu tun ist.

HH: Zum Song "Lost In Apathy" wird es ein Video geben. Was erwartet uns darin? Warum habt ihr diesen kommerziellen Schritt gemacht (Single-Auskopplung und Video)? Habt ihr ein Auge auf MTVIVA geworfen? Dark Tranquillity goes Mainstream?

Niklas: (lacht) Nein, ich denke nicht. Der Hauptgrund für die Single war, dass das Album bereits im Februar aufgenommen wurde und erst jetzt veröffentlicht wird. Damage Done war ja unser letztes Album, das unter dem alten Century Media Vertrag veröffentlicht wurde. Obwohl wir mit deren Arbeit sehr zufrieden waren, haben wir uns trotzdem erst einmal bei verschiedenen Companys umgehört um das beste für Dark Tranquillity zu erreichen und verschiedene Möglichkeiten auszuprobieren. Es hat dann allerdings doch länger gedauert, als wir uns vorgestellt haben, bis alle Details unter Dach und Fach waren und wir einen neuen Vertrag mit Century Media unterschrieben haben. Das war so gegen Juli / August 2004. Nachdem die Fans schon lange nichts mehr von uns gehört hatten und das Album erst Ende Januar 2005 erscheinen wird, haben wir uns für eine Single entschieden, um die Wartezeit auf Character zu verkürzen. Natürlich steckt da aber auch etwas Promotion dahinter. Denn das Video wird nicht gespielt, wenn der Song nicht ebenso als Single veröffentlicht wird. Und ich glaube, die Single (und das Video) kann uns durchaus nach vorne bringen. Also haben wir erneut das Studio geentert um zwei neue Songs für die Single aufzunehmen. Hier haben wir Riffs und Melodien von Character neu arrangiert und aufgenommen, man kann es also als eine Art Trailer für das Album ansehen. Zudem wird es eine Remix-Version des Songs "The Endless Feed" geben, die sehr elektronisch ausgefallen ist, im Gegensatz zur Album Version, die ja mehr gitarrenlastig ist. Was wir jedoch nicht erwartet hatten ist, dass unsere Single in die schwedischen Single Charts neben Britney Spears eingetreten ist. Das hat uns alle dann doch sehr überrascht, zumal der Song ja doch sehr aggressiv ist. Aber wir haben uns sehr darüber gefreut.

HH: Wie habt ihr euch auf diesen Song geeinigt. Standen noch andere Songs zur Auswahl oder war es die erste Wahl?

Niklas: Nun, als wir uns entschieden haben, eine EP inkl. Video zu machen, haben wir uns zuerst beraten, welchen Song wir denn nehmen sollten, wobei natürlich verschiedene Meinungen aufeinander trafen. Zumal Character ja kein eingängiges Album ist und auch keine wirkliche Hitsingle beinhaltet. Nachdem wir uns nicht einigen konnten, haben wir einfach Century Media entscheiden lassen. Die haben dann "Lost In Apathy" vorgeschlagen, was eine gute Wahl war, denn der Song repräsentiert dann doch in etwa das Album.

HH: Bei der Promo-CD lagen leider keine Texte bei. Ist für die Texte wieder allein Mikael verantwortlich?

Niklas: Ja, die Texte hat wieder Mikael alleine geschrieben.

HH: Kannst Du mir etwas über die Texte sagen?

Niklas: Natürlich, klar. Wenn man die Texte von Character mit einem anderen Dark Tranquillity Album vergleichen soll, kann man sie am ehesten mit Projector (1999) vergleichen. Sie sind dieses mal sehr persönlich und selbstbeobachtend ausgefallen. Man kann sagen, sie analysieren sein Innerstes. Es ist zwar kein Konzeptalbum im engeren Sinne, aber man kann durchaus einen roten Faden sehen, der die Songs verbindet und sich durch das komplette Album zieht. Die meisten Songs handeln von verschiedenen Antworten, verschiedenen Reaktionen in unterschiedlichen Situationen, wie man sich währenddessen verhält und wie destruktiv diese Reaktionen sein können, was ja nicht immer im Interesse der jeweiligen Person ist. Der Titeltrack z.B. handelt von einer speziellen Person und ihre verschiedenen Reaktionen auf die Umwelt und was diese bewirken. Der Song hat viel mit den Dingen zu tun, die um uns herum passieren, wie man sich durch sein Handeln in die unterschiedlichsten Situationen selbst hinein manövriert und wie man wieder herauskommt. Sie sind alle sehr abstakt gehalten, aber so sind nun mal alle unsere Texte. Wenn man zu direkt ist, nimmt man dem Hörer die Möglichkeit der Interpretation, man nimmt ihm die Möglichkeit, die Texte auf sich zu beziehen. Stattdessen würde man ihm nur etwas vorsetzen.

HH: Aufgenommen wurde Character wieder einmal im Studio Fredman. Wollt ihr kein anderes Studio ausprobieren?

Niklas: Nun, zuerst einmal brauchen wir keinen Produzenten mehr, nachdem wir alles selbst in die Hand nehmen. Wir haben immer alles zu 100% fertig, bevor wir ins Studio gehen. Wir sind ja sechs Leute in der Band und demnach haben wir so ziemlich jede Sekunde eines jeden Songs x-mal durchgesprochen und analysiert, da brauchen wir einfach keinen dritten von Außen, der uns sagt, welchen Part wir wohin zu verschieben haben oder welches Riff wir zweimal statt viermal zu spielen haben. Das haben wir innerhalb der Band bereits alles vorab geklärt. Wir wollen einfach nur ins Studio gehen und die Songs aufnehmen. Und hier hat das Studio Fredman einfach gute Räume, gutes Equipment und gute Mikrophone, die wir verwenden können. Fredrik Nordström (Produzent) hat uns bei den Basics geholfen, die Mikros optimal zu positionieren und wir hatten dann vier bis fünf Wochen allein im Studio, um die Songs aufzunehmen. So konnten wir uns einfach auf die Musik fokusieren und das Beste aus uns herausholen. Anschließend hat und Fredrik mit dem Mix geholfen alles optimal auszuloten. Natürlich wäre es einmal interessant, ein anderes Studio auszuprobieren, aber eigentlich brauchen wir das nicht.

HH: Getreu dem Motto "Never change a winning team"?

Niklas: Ja, im Prinzip schon. Wir hatten schon mal die ein oder andere Diskussion hierüber, aber wir wissen, was Fredrik kann und sind mit seiner Arbeit mehr als zufrieden. Es ist zwar gut, mal neue Dinge auszuprobieren, aber wir müssen uns einfach zu 100% auf alles verlassen können. Es gibt nichts Schlimmeres als ständig Angst zu haben, ob alles klappt, z.B. ob der Computer abstürzt oder ähnliches. Wir müssen hier entsprechendes Vertrauen haben damit wir uns voll auf die Musik fokussieren können.

HH: Wie entsteht bei euch ein Song? Ihr geht ja recht gut vorbereitet ins Studio. Steht da alles schon zu 100%?

Niklas: Jaja, genau. Alles bei uns entsteht im Proberaum, jedes Detail wird im voraus genau festgelegt. Also ist alles fertig, wenn wir ins Studio gehen. Wir haben immer Demo-Versionen dabei, so wissen wir immer genau, wie ein Song zu klingen hat, was wann kommt, welcher Sound nun zu verwenden ist. Wir haben keine Lust, im Studio abzuhängen und nicht zu wissen, was als nächstes kommt. Wir wollen immer die volle Kontrolle behalten. Es ist so eine Art Mechanismus /Automatismus bei uns. Wir bauen also unser Equipment auf und beginnen sofort mit den Aufnahmen genauso, wie wir es im Vorfeld geplant haben. Das macht es natürlich auch ein kleines Stück "langweilig" bzw. es ist schon anstrengend, auf den Punkt genau topfit zu sein und quasi auf Knopfdruck die volle Leistung zu bringen.

HH: Gehen wir einige Jahre zurück in der Zeit. Genauer gesagt ins Jahr 1996 zur Enter Suicidal Angels CD. Was ist in euch vorgegangen, als ihr den Song "Archetype" geschrieben habt? Schließlich fällt dieser Song komplett aus dem Rahmen.

Niklas: Magst Du diesen Song?

HH: Ja, mir gefällt der Song, auch wenn er schon seltsam ist.

Niklas: (lacht) Nun, zu diesem Zeitpunkt haben wir ein neues digitales Programm/System angeschafft, dass wir erst mal ausprobieren mussten. Schließlich haben wir bis zu diesem Zeitpunkt noch nie mit etwas derartigem gearbeitet, bis dahin hatten wir nur analoges Equipment. Wir hatten zu diesem Zeitpunkt noch etwas Studiozeit übrig und wir dachten, es wäre mal interessant, einen Song nur aus Samples aufzunehmen. Also haben wir diverse Riffs von der Minds I Session genommen, Drum-Loops und Vocal-Samples und verarbeitet. Es ging uns nicht um den Song als solches, vielmehr stand das Experimentieren und Ausprobieren im Vordergrund. Heute denke ich, der Song "Archetype" ist eigentlich schlecht, heute könnten wir so was viel besser machen. Andererseits bin ich schon stolz, dass wir damals das Experiment gemacht haben. Heute ist es für Metal Bands ja schon normal, elektronische Einflüsse und Samples zu verarbeiten und Remixe zu veröffentlichen. Aber wir haben das bereits 1996 gemacht und haben damit eine Menge Leute überrascht. Heute finde ich wie bereits gesagt den Song nicht mehr optimal, aber damals haben wir einfach etwas ausprobieren wollen. Schließlich ist der Song ja auch nur auf einer EP erschienen und ich finde, eine EP ist der richtige Ort, um Experimente machen zu können.

HH: Welche Musikstile hörst Du privat? Was sind Deine Einflüsse?

Niklas: Wow, das ist eine Menge. Jeder von uns hat seine eigenen Favoriten und seine eigenen Einflüsse. Ich denke, nachdem wir sechs Leute in der Band sind decken wir so ziemlich jeden musikalischen Einfluss ab, den es so gibt. Ich persönlich finde, man kann in jedem Musikstil Qualität finden, wenn man nur lange genug danach sucht. Ich höre so ziemlich alles, von Klassik über Jazz bis zu extremen Grindcore, Black Metal und sogar Pop Musik. Die Musik muss nur Qualität und Hingabe besitzen, dann kann man sie auch zu schätzen wissen.

HH: Man kann also durchaus sagen, Du bist "open-minded"?

Niklas: Ja, genau, wobei man sagen muss, dass sich das in Zyklen abspielt bei mir. Es gibt Zeiten, da höre ich nur extremen Metal für drei Wochen und dann habe ich Phasen, da höre ich über Wochen hinweg überhaupt keinen Metal. Das hängt immer ganz von meiner Stimmung ab. Wenn wir z.B. viel mit Dark Tranquillity arbeiten ist es mir kaum möglich, privat auch nur noch Metal zu hören, da brauche ich einen Ausgleich. Wenn wir auf Tour sind, höre sich keinerlei andere Musik, da brauche ich meine Ruhe.

HH: Was war die letzte CD / LP, die Du Dir gekauft hast?

Niklas: Moment, da muss ich kurz überlegen... ich glaube, es war die neue Nick Cave vor ca. zwei Wochen. Ich habe sie mir aber nur zweimal angehört da sie meinen Erwartungen nicht ganz gerecht wurde. H: Was machst Du, wenn Du nicht mit Dark Tranquillity beschäftigt bist?

Niklas: Wir haben alle von Zeit zu Zeit verschiedene Jobs, wenn wir allerdings auf Tour sind, ist das natürlich ein Full-Time-Job. Wir wollen so viel Kraft wie möglich in die Musik stecken und um das zu ermöglichen, können wir uns nicht einengen lassen von regulären Jobs. Ich z.B. bin in meiner wenigen Freizeit Grafik Designer (wenn ich gerade mal nicht mit der Band beschäftigt bin) und mache u.a. Album Cover für andere Bands.

HH: Du bist ja seit den Anfangstagen dabei. Was war für Dich damals der Grund, selbst Musik zu machen bzw. eine Band zu gründen?

Niklas: Nun, wir waren Freunde und kannten uns schon einige Jahre und haben angefangen, Metal zu hören. Wenn Du dann eine Zeitlang in der Szene unterwegs bist, kommt einfach der Wunsch, Gitarre spielen zu erlernen und Deine eigene Band zu gründen. Also haben wir uns einfach Ende 1989 Instrumente gekauft und die Band gegründet. Der Rest ist der normale Prozess gewesen: wir haben jeden Tag nach der Schule im Proberaum verbracht und stundenlang geübt, Demos und 7'' aufgenommen und dann 1993 den Deal an Land gezogen. H: Was wäre aus Dir geworden, wenn es mit Dark Tranquillity nicht geklappt hätte?

Niklas: Nun, ich weiß nicht, wahrscheinlich würden wir so oder so Musik spielen, egal ob wir nun Erfolg hätten bzw. Karriere gemacht hätten. Es geht uns ja nicht wirklich darum, so viele Alben wie möglich zu verkaufen oder so groß und erfolgreich wie möglich zu werden. Vielmehr geht es uns darum, uns mit der Musik auszudrücken und auszuleben. Ich denke, auch wenn wir keinen Deal bekommen und keine Tourneen gemacht hätten, würden wir trotzdem weiter unsere Musik machen.

HH: Was bedeuten Dir eure bisherigen Alben? Gibt es ein Album, dass Du besonders magst bzw. nicht mehr hören kannst?

Niklas: Eigentlich nicht, genauer gesagt höre ich mir unsere eigenen Alben eher selten an. Ich kann nicht objektiv unsere Alben miteinander vergleichen, welches Album besser oder schlechter ist; jedes Album steht für unsere Entwicklung und dokumentiert, was wir genau zu diesem Zeitpunkt dachten und erschaffen wollten. Jedes unserer Alben stellt eine Weiterentwicklung dar und es ist daher nicht möglich, z.B. unser neues Album mit sagen wir mal Projector zu vergleichen, da es jeweils verschiedene Herangehensweisen an das Album gab. Jedes Album stellt also eine Momentaufnahme dar und deswegen ist es auch nicht nötig zu sagen, welches Album besser oder schlechter ist als das jeweilige Vorgängeralbum, sie sind einfach zu unterschiedlich.

HH: Gibt es eine Band oder eine Künstler, mit dem Du unbedingt einmal auf Tour gehen willst?

Niklas: Hmmmm... eigentlich nicht. Natürlich gibt es eine Menge Bands, mit denen man auf Tour gehen will. Wir waren ja schon mit einer Menge Bands unterschiedlichster Stile unterwegs, von Death/Black Metal bis zu softeren Bands wie z.B. Sentenced oder Gothic Bands wie To Die For. Es kommt immer darauf an, wie das Zusammenspiel klappt.

HH: Ihr seid ja im Februar hier in Deutschland mit Kreator und Ektomorf unterwegs. Dark Tranquillity und Kreator zusammen in einer Show ist einfach nur geil! Auf die beiden Shows in Nürnberg und Kaufbeuren freue ich mich schon riesig. Läuft der Vorverkauf gut?

Niklas: Hoffentlich! Kreator waren schon immer einer unserer Haupteinflüsse. Sie waren immer einer unserer Top Favoriten. Songs wie "Flag Of Hate" haben uns enorm beeindruckt und waren auch ein Grund dafür, selbst eine Band zu gründen. Mit ihnen auf Tour zu gehen, ist eine große Ehre und ein großes Privileg für uns! Ihr neues Album ist einfach nur phänomenal!

HH: Als nächstes würde mich interessieren, was Dir als erstes zu den folgenden Begriffen durch den Kopf geht: Dissection / Jon Nödtveidt, der ja vor kurzem aus dem Gefängnis entlassen wurde.

Niklas: Gute Band.

HH: Metallicas St. Anger.

Niklas: Schlechtes Album.

HH: Afghanistan.

Niklas: Politik.

HH: Amerikanische Außenpolitik.

Niklas: wieder Politik... ich habe ein paar Prinzipien, eins davon ist, über Politik nicht zu diskutieren. Ich habe meine Meinung über die allgemeine Politik, auch über die amerikanische Außenpolitik, aber wir haben innerhalb der Band verschiedene Meinungen und jeder hat sein eigenes Statement hierzu und darüber will ich nicht wirklich diskutieren.

HH: Schweden.

Niklas: Heimat.

HH: Deutsches Bier.

Niklas: Exzellent!

HH: Das Touren.

Niklas: ... kann schön sein, aber auch sehr hart. Auf der Bühne zu stehen ist jedenfalls großartig.

HH: Die heutige Metal Szene.

Niklas: Wird besser und besser.

HH: Filesharing/Downloading via Internet.

Niklas: Wow, das ist sehr komplex zu sehen... man kann diese Problematik von so vielen verschiedenen Perspektiven sehen, es gibt so viele Pro und Contra hierzu. Aber eines ist sicher, dieses Thema wird sich nie erledigen und was man akzeptieren muss ist, dass, sobald eine Promo verschickt wird, wird sie auch kurzfristig im Internet verfügbar sein. Und jeder der es haben will, weiß schließlich wo es zu finden sein wird. Ich denke, die Metal Szene ist da eher loyal, wenn sie ein Album haben wollen, dann wollen sie es mit entsprechendem Cover, mit den Lyriks usw. Sie wollen das Produkt fühlen. Und schließlich wollen sie ja auch die Band unterstützen, denn die meisten Bands können ja nicht von der Musik leben und brauchen demnach auch das Geld aus den Verkäufen um weiter machen zu können. Ich denke, Filesharing schadet den Metal Bands nicht in dem Maße, wie es den großen, kommerziellen Bands wie z.B. Britney Spears schadet. Aber wie gesagt ist es ein sehr komplexes und interessantes Thema, das uns noch weiter beschäftigen wird, denn hier wird sich noch vieles radikal in Zukunft ändern, das Musik-Business wird in ein paar Jahren nicht mehr das sein, was es heute ist, aber keiner kann sagen, wohin die Reise geht. Aus Fansicht ist es natürlich eine feine Sache, man kann in ein Album reinhören bevor man es kauft. Schließlich sind CDs inzwischen sehr teuer (wie wahr, wie wahr - Ray) und jeder muss Geld sparen. Andererseits muss man sich das Album dann aber auch kaufen, sonst bekommen die Labels und die Bands kein Geld mehr und für die Bands wird es dann schwerer, ihre Musik zu vertreiben. Es gibt also viel Dafür und Dagegen, letztendlich muss man aber akzeptieren, dass es die Möglichkeit über das Internet gibt, denn ändern kann man es nicht.

HH: Trotzdem noch eine Frage zu Politik: Was hältst Du von Politik im Metal, jetzt nicht nur speziell im Death Metal. Sollte Metal politisch sein oder haben diese Statements hier nichts verloren?

Niklas: Nun, das bleibt ganz der Band allein überlassen. Wenn sie politische Themen und Statements in der Musik und in Interviews vertreten will, ist das ihr gutes Recht. Das hängt auch davon ab, was Du mit der Band erreichen willst. Musik ist hier ein sehr mächtiges Werkzeug. Wenn Du also mit Deiner Musik politisch tätig werden willst, egal ob in Metal oder Pop oder sonst wie, geht das in Ordnung. Bei uns handelt die Musik eher von persönlichen Dingen, von Gefühlen und Emotionen. Wir behandeln keine politischen Themen mit der Band, genauso wie wir keine öffentlichen Diskussionen über Politik, Religion oder ähnliches halten. War haben sehr verschiedene Fans, Christen, Satanisten, Moslems usw. und jeder kann sich aus unserer Musik das herausziehen, was er braucht, was ihm gefällt, denn unsere Texte behandeln nur den Menschen in dir und schreiben dir nicht vor, was du von welchem Thema auch immer zu denken hast. Wir schreiben nichts vor. Wie bereits gesagt, sind wir sechs Mitglieder und jeder hat hier seinen eigenen Standpunkt und seine eigene Meinung, es wäre uns wahrscheinlich gar nicht möglich, alle Standpunkte hierzu unter einen Hut zu bringen. Natürlich habe ich persönlich meine eigene Sichtwiese, aber die hat rein gar nichts mit Dark Tranquillity zu tun und hat demnach auch hier nichts verloren.

HH: Von Zeit zu Zeit gibt es ja immer Trends im Metal, die extrem nach vorne gepusht werden. Ich denke da an Nu-Metal vor gar nicht allzu langer Zeit und nun eben Metalcore. Was denkst Du über diese Entwicklung? Findest Du sie gut/schlecht oder denkst Du gar nicht darüber nach?

Niklas: Das ist schwer zu sagen... in letzter Zeit kommen viele Metalcore Bands nach oben, die hörbar stark von der Göteburg Szene (z.B. In Flames oder At The Gates oder von uns) beeinflusst sind. Wir werden oft gefragt, was wir von diesen Bands halten. Nun, es ist natürlich ein großes Kompliment an uns bzw. an unseren Göteburg-Sound, wenn Menschen dadurch beeinflusst werden, Musik zu machen unseren Sound in ihrem integrieren. Grundsätzlich ist es schon eine gute Sache, denn wenn Bands in Amerika von unserem Sound beeinflusst werden und damit erfolgreich sind, wird es Fans geben, die eben diese Einflüsse im Original auch anchecken wollen und somit kommt es auch uns zugute. Solange die Band es ehrlich damit meint, ist es gut, wenn der Sound aber nur gespielt wird, weil er gerade "In" ist, sollte man die Finger davon lassen. Auch hier kann man also diverse Pro und Contras aufführen, ohne zu einer endgültigen Entscheidung zu gelangen.

HH: Wenn ich einmal in Schweden Urlaub mache (was ich mit Sicherheit machen werde), welches Ziel, welches Gebiet würdest Du mir empfehlen?

Niklas: Nun, das kommt darauf an, was Du sehen willst, wo Deine Interessen liegen. Wenn Du an der Natur und schönen Landschaften interessiert bist, kann ich Dir den Norden Schwedens mit seinen Bergen empfehlen. Wir hier in Göteburg haben dagegen eine schöne Küstenlandschaft mit entsprechenden Inseln, Klippen usw. Wenn Du schon hier oben bist, kann ich nur empfehlen, ebenfalls Norwegen mit seinen Fjorden zu besuchen!

HH: In Schweden existiert ja eine wirklich große Metal-Szene. Haben eigentlich die Bands aus verschiedenen Szenen, ich denke hier z.B. an Black und Death Metal, Kontakt zueinander oder existieren diese Szenen nebeneinander her, ohne sich zu berühren?

Niklas: Wir haben hier eine wirklich gute Atmosphäre in unserer Szene, keine Spur von Wettkampf untereinander. Jeder versucht hier das Beste mit und für seine Musik zu erreichen. Wir sind zwar keine glückliche Familie, das wäre zu weit hergeholt, aber die Chemie stimmt und es gibt genügend Freundschaften von Bands untereinander. Zudem sind die "Barrieren" zwischen den unterschiedlichen Stilen in den letzten Jahren zunehmend gefallen. Es ist nun nicht mehr so wichtig, ob man in einer Death oder Black Metal Band spielt. Was zählt ist gute, extreme Musik. Es kommen inzwischen auch wieder mehr Leute zu den Gigs und es gibt wieder mehr neue und gute Bands im Underground.

HH: Wo siehst Du Dark Tranquillity in ca. 5 Jahren?

Niklas: Hmmm, gute Frage. In fünf Jahren werden wir knapp 20 Jahre als Band aktiv sein. Ich denke, solange wir aus der Musik etwas Positives rausziehen können, werden wir weitermachen wie bisher. Wie dann allerdings unser Sound klingen wird, ob er soft und atmosphärisch oder extrem brutal klingen wird, kann ich Dir nicht sagen. Da müssen wir warten und es herausfinden. Aber ich denke, wenn nichts dramatisches passiert, wird es Dark Tranquillity auch dann noch geben. Schließlich kennen wir uns schon seit wir Kinder waren, wir haben immer noch vier Mitglieder der Originalbesetzung in der Band und entsprechende Freundschaften haben sich entwickelt, da müsste schon wirklich was Drastisches passieren um mit Dark Tranquillity aufzuhören.

HH: Wenn Du die Möglichkeit hättest in der Zeit zu reisen, wohin würdest Du reisen und warum?

Niklas: (überlegt ne Weile) Ich denke, ich würde in die Zukunft reisen. Die Vergangenheit kannst Du ja in Büchern nachlesen. Zudem lernt man aus der Vergangenheit. Aber die Zukunft wäre schon mal interessant, so ca. 400 bis 500 Jahre voraus, das wäre mal schön zu wissen.

HH: Die letzte Frage: wenn Character eine Frau wäre, wie würde sie aussehen?

Niklas: Oh Mann... (lacht) Ich hoffe doch, es wäre eine ziemlich schöne Frau... obwohl unsere Musik ja doch teilweise intensiv und hässlich sein kann. Ich denke darüber nach, welche Schauspielerin oder Künstlerin diese Fähigkeiten hätte... am ehesten noch eine Cartoon-Figur, die hässlich und schön gleichzeitig sein kann und über entsprechendes Benehmen verfügt.

HH: Danke, dass Du Dir Zeit für meine Fragen genommen hast. Die letzten Worte gehören Dir.

Niklas: Danke für das Interview. Unser Album wird Ende Januar erhältlich sein. Anschließend freuen wir uns auf die Tour mit Kreator und hoffen, viele Fans auf der Tour erreichen zu können.

Ray

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