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Interview

Interview mit Ingrowing (11.06.2004)

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Logo Ingrowing

Vlakin ist Sänger und Gitarrist der tschechischen Band Ingrowing, die 2003 ihr neuestes Album Sunrape herausgebracht haben. Ingrowing stehen für hammerharten Grindcore, hinter ihnen steht das tschechische Label Obscene Productions, das bekannt dafür ist, Bands der besonders brutalen und heftigen Gangart unter Vertrag zu haben.
Ich habe mit Vlakin ein Interview vereinbart, um mir einen Einblick in die Metalszene der Tschechischen Republik zu verschaffen. Zur Zeit des kommunistischen Regierungssystems hatten Musiker und Künstler nicht viel zu lachen, künstlerische Freiheit war in der Öffentlichkeit wortwörtlich kein Thema. Während bei uns gerade in den 1980/90ern die Rock- und Metalszene ihren "Siegeszug" antrat, wurde die Situation für Musiker auch nach dem vergleichsweise friedlichen Ende des Kommunismus in Tschechien nicht unbedingt einfacher...

Über Bürokratie, billiges Bier und harte Musik

HH: Erzähl mir etwas über die Musikszene in deinem Land, insbesondere von der Metalszene dort. Ist es eine offizielle Szene wie bei uns oder ist das Ganze mehr "Underground"?

Vlakin: Nun, wenn ich daran denke, was für ein kleines Land die Tschechische Republik ist, dann ist da eine wirklich große Szene... wir waren - wir sind es immer noch! - in einer harten Situation. Vor dem Fall des kommunistischen Regimes war alles total inoffiziell. Doch haben bereits einige größere Bands wie Root oder Krabathor schon vor dieser Zeit im Ausland gespielt. Nach dem Fall dieses fucking Systems wurde die Situation ein wenig besser, das heißt besser für die Underground-Musik, ihre Distribution und für Magazine.

HH: Also hattet ihr von da an mehr Freiheit das zu tun, was ihr wolltet.

Vlakin: Ja, schon... für die alten Regierungen der kommunistischen Länder war diese Musik ja Teufelszeug gewesen: satanistische Lyrics, harte Musik... mit der Freiheit begannen viele Leute Musik zu machen. Ich habe keine Ahnung warum, anscheinend wollten alle besonders gerne sehr brutale und harte Musik. Es gibt hier ja kaum Melodisches, eher viel Death und Grindcore. Etwa in der Hälfte der Neunziger Jahre, da gab es in Tschechien eine wirklich gute Szene, aber niemand kannte sie über die Landesgrenzen hinaus.

HH: Und das hat sich jetzt geändert? Seid ihr als Band nun bekannter im Ausland?

Vlakin: Ja...

HH: ... als ich zur Vorbereitung auf das Interview mal in eure Platte reinhören wollte, wurde mir hierzulande aber gesagt, Ingrowing sei nur als Import zu haben und müsste extra angefordert werden.

Vlakin: Es ist so: Wir begannen 1995 zu spielen und ein halbes Jahr später gingen wir ins Studio, um unser erstes Demo aufzunehmen. Zu dieser Zeit wurden in Tschechien viele Musiker in der ganzen Welt promotet, nicht offiziell, natürlich! Produziert wurden hauptsächlich Tapes, 7" und wenige CDs. Wir hatten dann auch einige Auftritte in Europa, in Frankreich zum Beispiel. Lange Zeit war die Situation so, dass osteuropäische Labels die Produktionen einheimischer Musiker unter der Hand an ausländische Labels verkauft haben und so kam osteuropäische Musik in den Westen. Teilweise ist das noch so. Aber wenn wir im Ausland spielen wollen, macht der Staat uns immer noch Probleme bei der Ausreise.

HH: Sogar jetzt noch, fünfzehn Jahre nach dem Zerfall des Kommunismus?

Vlakin: Ja, sie fragen dich auf der Behörde: warum willst du ausreisen? Was willst du in diesem anderen Land? Weißt du, du musst alles offen legen: ob du Familie hast, wo du arbeitest, wie viel du verdienst, ob du eine eigenen Wohnung hast... Ich habe sozusagen Glück, mich lassen sie fast problemlos ausreisen, weil ich eine eigene Wohnung habe, einen relativ gut bezahlten Job als Drucker - wozu sollte ich das Land verlassen? Bei den anderen aus der Band ist es schwieriger. Wer Single ist, nicht viel verdient und keine eigene Wohnung hat, bei dem ist die Gefahr größer, dass er das Land verlassen könnte, da machen sie es einem schwer. Du musst haufenweise Papier ausfüllen... in die USA zu reisen, ist deshalb für uns praktisch unmöglich. Du hast ja selber gesehen: wir haben nur zu dritt gespielt, weil unser zweiter Gitarrist, der aus der Slowakei kommt, noch keinen Pass bekommen hat, obwohl er sich schon vor langer Zeit in Tschechien einbürgern ließ.

Tatsächlich erfahre ich später von der Veranstalterin, dass Ingrowing so lange an der deutsch-tschechischen Grenze aufgehalten wurden (unter anderem auch wegen eines Streiks der Grenzleute und einer Bombendrohung... ), dass sie praktisch in der selben Minute, in der sie auf dem Festivalgelände ankamen, auf die Bühne gesprungen sind.

HH: Meinst du nicht, dass jetzt einiges besser wird, auch durch den EU-Beitritt deines Landes morgen?

Vlakin: Hmmm... ich glaube nicht, nein. Vielleicht in fünf oder sogar zehn Jahren. Aber so schnell wird sich da nichts ändern. Es ist noch zu früh, darüber nachzudenken. (lacht) Frag mich in ein paar Jahren wieder!

HH: Irgendwelche Kooperationen mit westeuropäischen Plattenfirmen in Sicht? Immerhin eröffnet sich mit der EU-Osterweiterung ein großer Markt... und andersherum.

Vlakin: Ich glaube kaum, dass sich ein Label im Ausland für uns interessiert, weil die mit unserer Musik nicht so viel Geld verdienen können. Es ist eher anders herum, dass die bei uns ihre CDs teuer verkaufen. Außerdem gibt es da ein Verständigungsproblem: Die meisten von uns Musikern, die so wie ich in den 70er Jahren geboren sind, mussten Russisch lernen. Kaum einer von denen kann richtig Englisch. Was zum Teufel fange ich heute mit meinen Russisch-Kenntnissen an?!

HH: Wir haben ja schon ein bisschen über eure Situation als Musiker gesprochen. Könntest du denn von der Musik leben? Immerhin gibt es Ingrowing schon seit fast zehn Jahren und ihr habt eine Menge veröffentlicht.

Vlakin: Nein, ich könnte niemals davon leben. Musik ist mein Hobby, ich liebe es. Aber um davon leben zu können, reicht es nicht. Wir müssen ja alles selber bezahlen. Als Drucker bin ich aber gut dran, ich verdiene mehr als der Durchschnitt der Tschechen bekommt. Wir haben im Übrigen recht harte Arbeitsbedingungen, dieses Wochenende habe ich zum Glück frei.

HH: Du hast ja gesagt, die Metal-Szene bei euch in Osteuropa ist riesig. Da muss es doch auch viele Konzerte und Festivals geben, oder?

Vlakin: Ja, es gibt auch viele Veranstaltungen. Aber ehrlich gesagt, so ein Auftritt wie hier (auf dem Walpurgis Metal Days Festival - Liz) ist mir persönlich am liebsten. Hier ist alles so professionell! Die Leute kümmern sich um alles, das Equipment steht... bei uns kann es passieren, dass du gleich einen Auftritt hast, aber es fehlt etwas und keiner will sich drum kümmern. Oder dir wird gesagt: "Nein, ich kann dir jetzt nicht helfen, du musst eben warten." Dann kann es manchmal Stunden dauern, bis ein Konzert endlich anfängt. Das finde ich auch den Fans gegenüber unfair. Es gibt auch so Vorfälle, zum Beispiel mit polnischen Besuchern: die kommen zu uns rüber auf Konzerte, stellen sich in die erste Reihe und ziehen sich was rein... und nach kurzer Zeit wird dann die ganze Veranstaltung geräumt

HH: Aber gibt es denn trotzdem ein Event, das du den Leuten von hier ans Herz legen möchtest? Wer mal als Tourist nach Tschechien kommt, der freut sich bestimmt, mal ein Konzert dort zu besuchen

Vlakin: Ja, da gibt es was, was die Metaller hier sicher interessiert: unser Label Obscene Productions, das auch viele andere Größen der Szene unter Vertrag hat (zum Beispiel Garbage Disposal, die eine der ersten Grindcore-Bands ins Tschechien waren, sowie die slowakischen Abortion - Liz), veranstaltet im Sommer das Obscene Extreme Festival in Trutnov. Da wird richtig was geboten, da kommen echt tolle Bands. Und Obscene ist da auch richtig professionell. Das lohnt sich, hinzufahren. Und es ist ja bei uns auch viel billiger, vor allem das Bier und so...

HH: Stimmt, ihr kommt ja aus Budweis... kannst du sonst noch was empfehlen für Tschechien-Reisende, zum Beispiel Clubs, in denen gute Musik gespielt wird?

Vlakin: Zumindest kann ich sagen, dass es in jeder größeren Stadt etwas gibt, wohin man gehen kann. Vor allem in Prag, das werden die Leute auf jeden Fall fündig. Ich selber gehe allerdings nicht so oft weg! Aber die Leute können in Tschechien natürlich viel billigere Musik kaufen. Für uns allerdings sind CDs aus dem Ausland recht teuer, die kosten hier so um die 10 Euro.

HH: Wie steht die Metalszene in Tschechien in der Öffentlichkeit da?

Vlakin: Schlecht. Es gibt eine riesige Menge junger Leute, die die Musik lieben, aber eigentlich ist sonst die Toleranz gegenüber dieser Art von Musik nicht sehr groß. Auch da hat sich seit Jahren kaum etwas verändert.

HH: Ich hoffe, dass ihr trotzdem weiter mit Leib und Seele Musiker seid. Vielen Dank für das Interview! Gibt es noch etwas, das du den deutschen Lesern sagen möchtest?

Vlakin: Ich habe mich zu bedanken! Danke für euren Support. Und den deutschen Metalheads möchte ich sagen: genießt die Musik und helft uns dabei, auch im westlichen Europa bekannter zu werden!

Liz

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