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Konzert-Bericht

Bruce Springsteen

Olympiastadion, München 02.07.2009

Es gibt Momente, da weiß man wieder, warum man diesen ganzen Konzertquatsch eigentlich auf sich nimmt. Da ist vergessen, dass leider allzu oft lustlose Vorstellungen, Zeitschinderei in Form von sinnlosen Soloeinlagen und Rumhängerei bei Vorgruppen, die die Welt nicht braucht, das Vergnügen trüben. Da gibt es nämlich die seltenen Gelegenheiten, bei denen einfach eine ganz eigene Magie entsteht, die selten genossen werden darf.

Der letzte Besuch des Boss Of Rock geriet zu eben einer solchen Gelegenheit. Denn was dieser mittlerweile auch nicht mehr ganz junge Herr ins Olympiastadion zauberte, war selbst für seine Verhältnisse außergewöhnlich. Nun ist Springsteen an sich schon nie schlecht, kann er gar nicht sein, bei dem Fundus an Klassikern, aus dem er sich bedienen kann - und bei der Mentalität, die ein Rockkonzert eben nicht als abzureißende Routine sieht, sondern als harte Arbeit für alle Beteiligten, die am Ende aber zur allgemeinen Begeisterung führt. Aber dieses Mal legte er die Messlatte einfach noch ein ganzes Stück höher.

Die Wetterlage war bestensfalls wacklig - von Hitze bis Volldusche war alles drin - und das Ambiente, in dem (irgendwie bedauernswerte) Getränkeverkäufer durch die Bayern 3-Menge (teilweise mit für Normalbürger unerträglichem fränkischen Akzent - Dobblgorosch Loddar Eurobbaboggal) watscheln, auch nicht gerade zu einem Konzerterlebnis erster Güte angelegt. Ist die Tribüne bis etwa eine halbe Stunde vor Beginn noch wenig gefüllt, stellt sich dann relativ schnell doch heraus, dass die Spielstätte mit 40.000 mehr oder weniger ausverkauft ist. Kurz nach acht betritt dann Nils Lofgren mit einem Akkordeon die weitgehend schmucklose Bühne und gibt ein fesches "Muss i denn zum Städtele hinaus" zum Besten. Kein Schnickschnack, keine bombastischen Effekte, nur Qualität zählt heute. Und eine gute Portion Humor, die sich durchziehen wird. Nachdem die gesamte E-Street-Band mit ihren gefühlten 85 Mitgliedern die Bühne bevölkert hat, begibt sich in lockerem Spaziergang auch der Meister auf die Bretter.

Mit einem deutschen "Auf geht's!" leitet Springsteen dann einen denkwürdigen Abend ein. "Badlands" sorgt als unverwüstlicher Kracher sofort für Stimmung, und da ist sie unmittelbar, diese unverwechselbare Boss-Stimmung, eine Mischung aus Begeisterung, Authentizität, Pathos und Ehrlichkeit, die nur der Mann im anthrazitfarbenen Hemd glaubhaft bereitet. Besagtes Hemd färbt sich bald schwarz, man wohnt einem Arbeiter bei, der sich mächtig ins Zeug legt. Unverschämt gutaussehend und fit für seine fast 60 Jahre, straft er alle Lügen, die eine Nostalgie-Schau für gut situiertes Klientel erwartet haben: gerade die Jüngeren im Publikum sind begeistert (klar - in der Altersklasse ist die Konkurrenz immerhin Lady GaGa) und gehen textsicher mit. Die E-Street-Band ist in Form, Clarence Clemens macht ein imposante Figur, auch wenn er körperlich beschwerlich wirkt, hinter seinem Minimal-Schlagzeug sorgt Mr Weinberg für erheblichen Wirbel, und die Gitarrenfraktion um den Boss zeigt sich bestens aufgelegt. "My Lucky Day" schließt sich an, Springsteen kommt dank weitläufiger Laufstege permanent nah ans Publikum, ja mitten hinein in die Menge, die ihn gar nicht mehr loszulassen droht. So seltsam sich das anhört: ab der dritten Nummer, dem begnadeten "No Surrender", ist das eine Mischung aus Stadion-Rausch und Wohnzimmer-Atmosphäre: die riesigen Videoleinwände fangen immer wieder auch das Publikum ein und schaffen so einen geschlossenen Raum, wo eigentlich keiner ist. Anstelle sich selbst oder das gerade aktuelle Video zu inszenieren, wie das andere tun, nutzt Springsteen die Möglichkeiten des weiten Runds, um Vertraulichkeit zu schaffen. Selbst ein neues Stück wie der Opener des aktuellen Albums, "Outlaw Pete", wird frenetisch aufgenommen, Springsteen trägt diese düstere Ballade mit Cowboy-Hut vor, und alles wirkt, als ob es so sein müsste. Die Begeisterung ist grenzenlos.

Was eigentlich verwunderlich ist: Springsteen spricht in seinen Songs von Dingen, die man eigentlich nicht mehr in dieser Form benennt, es geht um alte Werte wie Ehre, Moral, Stolz, Hoffnung, aber immer auch um die Verlierer des amerikanischen Traumes, weshalb er ja, wie auch an diesem Abend, das ewig missverstandene "Born In The U.S.A." nicht spielt. In seinen Stücken erzählt er immer eine Geschichte, ob das nun autobiographische Züge sind oder Stories von Einzelschicksalen, die einen Aspekt des Lebens an sich beleuchten. Wie ein knorriger Jock Ewing steht er da und spricht von der Ehre - und wenn er erzählt, dass er heute abend all das Negative, das Erschreckende und Traurige zwar sieht, aber für einen Moment ein Haus aus Hoffnung und Liebe bauen will, mit einem "solemn vow to rock the house" dann gibt es wirklich nicht viele, die das wie eine Gospel-Predigt herausschleudern können, ohne sich dabei auch nur eine Sekunde lächerlich zu machen. Zu zwingend ist die gnadenlose Echtheit, die einem hier entgegenschlägt - um so mehr, wenn ein Kind die Zeilen eines uralten Reißers wie "Spirit In The Night" ins Mikro singt, die um Jahrzehnte älter als der Vortragende sind.

Die Hunderte von Songwünschen, die ihm auf Pappschildern entgegengehalten werden, sammelt der Meister allesamt ein, schmeißt sie auf die Bühne und stimmt im weiteren Verlauf tatsächlich einige dieser Nummern an - jeweils mit dem Schild vor dem Mikroständer, damit man weiß was Sache ist. Wer sonst kann und will das im heutigen Musikzirkus tun? Auch die aufblasbare Geburtstagstorte für Keyboarder Roy wird dankend entgegengenommen, wofür er dann fast wieder von der Bühne gezerrt wird. "Working On A Dream", da geht es nicht um das Obama-mäßige "yes we can", sondern um die trotzige Hoffnung, das eigene Leben ein bisschen besser zu machen, und auch diese neue Nummer wird begeistert gefeiert.

Springsteen scheint diese Dynamik aufzunehmen und wird im Verlauf des Abends immer cooler. Nach einem etwas zu lange ausgedehnten "Seeds" beweisen "Johnny 99" und das immer wieder unfassbare, dieses Mal voll instrumentierte "Atlantic City" die Brillanz des Songwriters, bevor mit "Seven Nights To Rock" wieder ein Musikwunsch erfüllt wird. "This Hard Land" nehmen sie auch in Angriff, obwohl man das, wie er sagt, "schon lange nicht mehr gespielt" habe. Gut ist's trotzdem. Dann auch immer wieder beste Entertainer-Qualitäten: einige Belgier haben Roy zum Geburtstag ein Plakat mit einer heißen Dame gebastelt, eine Pretty Woman, die sie ihm wünschen. "If Roy had this woman", so der lakonische Kommentar, "he wouldn't have another birthday". Und dann improvisieren sie ihn tatsächlich, den alten Orbison-Heuler, und sichern sich mit der schwungvollen Darbietung endgültig alle Sympathien.

Die weiteren Highlights reihen sich Schlag auf Schlag, das oft geforderte "Because The Night", "Waiting On A Sunny Day", die wunderbare Hymne "Promised Land" ziehen vorüber, bevor sich der Meister dann mit Mundharmonika und akustischer Gitarre daran macht, mit "The River" einen seiner besten Songs in einer bedächtigen Fassung darzubieten. Diese Geschichte einer erkalteten Liebe und des dennoch trotzigen Zusammenhaltens gehört zu den Sternstunden nicht nur in seinem Kanon - sondern überhaupt und generell. Und das behaupte ich so lange bis Sie mir das Gegenteil beweisen.

"Kingdom Of Days" und "Lonesome Day" schließen sich an, gefolgt vom 9/11-Werk "The Rising", an das sich das frenetisch gefeierte "Born To Run" anschließt, bei dem alle Bayern 3-Fan wieder zu Rebellen mutieren (rennen tun die höchstens noch abends aufs Sofa, aber was solls). Beim Brass-Band-Reißer "Tenth Avenue Freeze Out" lässt sich der Meister dann noch zu einem astreinen Pole-Dance hinreißen (immer dran denken, Kinder, der wird bald 60, so wie Opa Theobald da hinten in der Ecke!), und dann ist erst Mal Schluss. Nach über zwei Stunden Spielzeit, was schon deutlich mehr ist als eine übliche Konzertlänge. Die Magie bleibt, klar will keiner gehen, und man lässt sich gottlob auch nicht lange bitten, sondern ballert ohne Pause mit "Hard Times" weiter, einem Folk-Song aus dem Jahr 1865 - so was geht, wenn man das kann. Und es passt. Mit "Bobby Jean" komme ich dann auch noch zu einem meiner persönlichen Favorites, bevor es mit "American Land" eine weitere Folk-Nummer gibt.

Unter dem Decknamen "Detroit Medley" feuern sie eine Rock'n'Roll-Melange raus, bestehend aus "Devil In A Blue Dress", "CC Rider" und "Golly Miss Mollie". Langsam macht sich ein flaues Gefühl breit - lange kann es jetzt nicht mehr gehen, völlig ohne Pause werden die Nummern angestimmt, offenkundig hat er durch die Spontan-Zugaben Zeit verloren, die es jetzt gut zu machen gilt. "Glory Days", oft als Party-Song falsch aufgefasst, wirkt wie immer bestens, und das unzerstörbare "Dancing In The Dark" markiert dann einen fulminanten Schlusspunkt unter fast drei Stunden, in denen er Boss regiert.

Was soll man sagen? Eigentlich nichts, denn es gibt nichts zu ergänzen zu dieser faszinierenden Leistung, die einiges an Konzertglauben zurückbringt. Klar könnte man die Setlist beliebig verlängern, "Darkness On The Edge Of Town", "Racing In The Streets" fehlten, es gab auch nichts vom hervorragenden vorletzten Album, wie z.B. "Radio Nowhere" - aber man hat alles bekommen, was man erwarten durfte, und vieles mehr. Auf den Anzeigetafeln des Stadions stehen beim Hinausgehen schon die kommenden Attraktionen: vor allem Madonna. Einen besseren Kontrast zwischen Künstlichkeit und Kunst, zwischen Kalkül und Leidenschaft könnte man nicht setzen. In einem Business aus Casting, Plastik und Wellenreitern ist Springsteen der wahre Folk-Poet unserer Tage. Aus.

Setlist Bruce Springsteen:
Badlands
My Lucky Day
No Surrender
Outlaw Pete
Spirit In The Night
Out In The Street
Working On A Dream
Seeds
Johnny 99
Atlantic City
Seven Nights to Rock
This Hard Land
Pretty Woman
Because The Night
Waiting On A Sunny Day
Promised Land
The River
Kingdom Of Days
Lonesome Day
The Rising
Born To Run
Tenth Avenue Freeze-Out
---
Hard Times
Bobby Jean
American Land
Detroit Medley
Glory Days
Dancing In The Dark

Holgi

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