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Interview

Interview mit Past M.D. (10.12.2010)

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Jawoll, es lohnt sich beizeiten einen wachen Blick in den metallischen Underground zu werfen - so das Fazit des folgenden Textes - und solchen das Wort zu übertragen, die sich ihre eigenen Gedanken machen und noch was zu sagen haben. Josh Reuter, seines Zeichens Sänger und Fronter der Power Metal-Combo Past M.D., die mit ihrem neuesten Output Circles ein ganz hervorragendes Konzeptalbum in den Startlöchern haben, gehört ohne Zweifel zu denen, die fern jedes Scheuklappen- und Schubladendenkens seit Jahrzehnten die Szene musikalisch bereichern und mitzugestalten versuchen. So werden wir im Folgenden Stories über Stephen King, einen Planeten kurz vor dem Umkippen, eine mit Blindheit geschlagene Gesellschaft, Gesangsstunden Ende der 80er und die Verwerfungen des Biz über die Jahre zu hören bekommen. Vorgetragen mit wohlbegründetem Esprit und einer mehr als gehörigen Portion Wut im Bauch. Absolut lesenswert.

Past M.D.HH: HeyHo und winterliche Grüße aus dem Süden vom gesamten Heavyhardes-Team an Past M.D. Mit Circles ist euch ja ein Werk gelungen, um der wohnzimmerlichen Stereoanlage ordentlich Feuer unterm Dach zu machen, wenn auch die Story alles andere als geeignet dazu ist, dem Hörer warme, wohlige, beruhigende Gedanken zu vermitteln. Gratulation! Klasse Scheibe.

Josh: Howdy liebes Heavyhardes-Team und zunächst mal vielen Dank für das Hammer-Review und die Tatsache, dass ihr euch richtig mit unserem Album auseinandergesetzt habt.

HH: Zäumen wir das sprichwörtliche Pferdle mal von hinten auf und fragen nach den Plänen für die nahe Zukunft. Wird denn das ausgeklügelte Konzept von Circles in Gänze auch live zu bewundern bzw. umzusetzen sein?

Josh: Natürlich ist ein Konzeptalbum dafür geschaffen, komplett live gespielt zu werden. Die Engländer hatten das Vergnügen bei unseren letzten Konzerten im Oktober und außerdem spielten wir einen Releasegig am 26.11. in Wuppertal, bei dem Circles ebenfalls komplett gespielt wurde. Für das Frühjahr planen wir eine kleine Tour. Genaueres steht bisher noch nicht fest, da wir die Planungen in den nächsten Tagen angehen. Sicher ist aber ein Gig im Rock City, Uster in der Schweiz. Für Bands mit eigenem Material wird es allerdings immer schwieriger einigermaßen vernünftige Gigs an Land zu ziehen. Da wir uns in Deutschlands Süden auch nicht so gut auskennen, sind wir natürlich für jeden Tipp dankbar.

HH: Stefan Huths Hauptinstrument wird als N/S-/Chapman-Stick angegeben. Kannst Du den Lesern kurz erklären, was es damit auf sich hat und warum ein solches "Instrumentarium" eben prädestiniert dazu ist, ein Album wie Circles auf die Bühne zu bringen?

Josh: Stefans NS-Stick besteht aus acht Saiten. Vier normalen Bass- und vier normalen Gitarrensaiten. Durch eine besondere Art von Anschlägen, Tappings und Zupfen, ist er so in der Lage, Gitarren- und Bassparts gleichzeitig zu spielen. Der Chapman-Stick hat zehn Saiten. Der Unterschied zum NS-; während beim NS-Stick die Saiten wie bei der Gitarre, also von dicker nach dünner werdend, angeordnet sind, ist die dickste Saite beim Chapman-Stick in der Mitte. Von dort ausgehend werden die Saiten zu beiden Seiten zum Rand hin dünner.
Für uns besteht in erster Linie der Vorteil, dass wir keinen weiteren Mann brauchen. Ursprünglich planten wir doch wieder einen zweiten Gitarristen aufzunehmen. Allerdings lässt sich mit vier Mann live ein wesentlich transparenterer Sound herstellen. Bei zwei Bratgitarren gibt's mit dem falschen Mann am Pult doch oft einen erheblichen Soundbrei.

HH: Die Idee des Konzeptalbums entspann sich, wie im Promosheet zu lesen ist, aus dem letzten Titel der Platte, "Nevermore". Wer hatte denn den Einfall? Hatte etwa Edgar Allen Poe seine geistigen Finger im Spiel und vor allem wie wurde die Storyline weiter entwickelt?

Josh: Während Poschi (D.P.) weitestgehend für den instrumentalen Teil zuständig ist, bin ich für die Lyrics verantwortlich. Nach meiner Textidee zu "Nevermore", dachten wir uns beide, dass dies eigentlich ein Thema ist, das nicht nur kurz in einem Song abgehandelt werden kann. So entwickelte sich die Idee zum Konzeptalbum. Die Idee zu "Nevermore" kam von ganz alleine. Durch die sphärischen Keyboardklänge war mir klar, dass das Ganze irgendwas mit Raumfahrt zu tun haben musste. Ich sah plötzlich einen Astronauten vor mir, der alleine in seiner Raumstation die Erde umkreist, und stellte mir vor, wie es sich für ihn wohl anfühlen müsste, wenn es plötzlich kein Zurück mehr gibt. Um die Idee weiter zu entwickeln, fragte ich mich, was passieren müsste, das genau dies hervorruft. Ich erinnerte mich an Stephen Kings The Stand, eins meiner Lieblingsbücher, und so verknüpfte ich diese beiden Ideen.

HH: Stand das lyrische Konzept mit fertigen Texten bereits, bevor ihr mit dem Komponieren begonnen habt?

Josh: Nö, wir starten grundsätzlich immer mit dem musikalischen Part. D.h. entweder hat Poschi ein Riff oder ich eine Gesangslinie, um die wir dann nach und nach den Song bauen. Erst wenn instrumental zusammen mit der Gesangsmelodie und irgendeinem Nonsenstext alles steht, begebe ich mich daran, die Emotionen des Songs zu analysieren und darauf textlich aufzubauen. Ich hatte schon in einigen Interviews von Bands, die solche Konzeptalben gemacht haben, gelesen, dass man ans Texteschreiben eines Konzeptalbums ganz anders herangeht. Das kann ich nur bestätigen. So entwickelte sich Circles auch nicht in der Reihenfolge, die man letztlich so auf dem Album findet. "The Devil In Me" etwa entstand als zweiter Song. Wann immer ich einen musikalisch fertigen Song vor mir hatte, wusste ich aber gleich an welcher Stelle er zu stehen hatte und baute darauf textlich auf.

HH: Stichwort Stephen Kings "The Stand". Welche Rolle spielte das Werk für Circles und welche waren dDeine Lieblingscharaktere darin (ich mochte den "Trashcanman", Glen Bateman, natürlich den überragenden Larry Underwood, aber auch Harold Lauder ganz gern)?

Josh: HeHe, da hast du eigentlich genau die vier Richtigen schon herausgepickt, obwohl ich zugeben muss, dass ich nicht mehr alle Charaktere so genau im Kopf habe. Ich hab das Buch vor etwa 15 Jahren 2x gelesen. Einmal die deutsche und, weil's mich so gefesselt hat, kurz darauf noch einmal die englische Originalfassung. Als bekennender Menschenhasser (natürlich hasse ich nicht jeden einzelnen persönlich, aber doch in ihrer Gesamtheit), gefiel mir vor allem die Vorstellung von den spärlich besiedelten Städten und Ländern. Da ich zudem unheimlich gerne unterwegs bin, konnte ich mir bestens vorstellen, wie es wohl sein mag, die Welt neu zu erobern. Es gibt doch heute keine Abenteuer mehr und das vermisse ich.
Ich glaube ohnehin, dass die Erde ohne die (zivilisierten) Menschen besser dran ist. Nicht umsonst ist auch "Der mit dem Wolf tanzt" mein absoluter Lieblingsfilm. Das Indianerleben, auch wenn's noch so hart war, wäre für mich genau das Richtige.

HH: Der Astronaut, die Raumstation als Gefängnis, der Virus auf Erden bilden meines Erachtens nur den Rahmen einer Geschichte, die sich letztlich eigentlich mit den Abgründen einer Menschheit befasst, die sich verrannt hat und kollektiv suizidal agiert, ohne es zu bemerken - erst als es zu spät ist. Kannst du für die Leser kurz die Story hinter der Story auffächern?

Josh: Klar, im Großen und Ganzen geht es doch heute nur noch um Kommerz, Konsum und Erfolg. Das Wort Menschlichkeit sollte ohnehin komplett aus dem Wortschatz gestrichen werden. Was bedeutet denn Menschlichkeit? Ich hab keine Ahnung. Als wir letztens vor einem Konzert in Birmingham durch eine riesige Shopping Mall (ok, war ja schließlich England, da darf man das Wort auch mal benutzen) gelaufen sind, ist mir aufgefallen, dass es eigentlich niemandem schaden würde, wenn jetzt von einer Sekunde auf die nächste ca. 95 Prozent der Leute verschwunden wären. Wenn du in deren Gesichter gesehen hast, fandest du lediglich die Worte "shoppen - fressen - shoppen - fressen". Damit wir uns nicht falsch verstehen, das hat nichts damit zu tun, dass es Engländer waren. Das lässt sich auf jedes der neumodernen Riesencenter anwenden. Das Ganze fängt doch schon bei der PISA-Studie an: "Oh, Gott, wir haben evtl. Kinder die nicht so schlau sind wie die Finnen." Natürlich ist es richtig zu sehen, ob man evtl. eingefahrene Richtlinien an Schulen nicht besser machen kann... aber, meine Herren, lasst die Kinder doch auch mal Kinder sein. Heutzutage werden die Balge geboren und sofort abgeschoben. Hey, wir brauchen noch mehr Krippenplätze, sonst müssen sich ja womöglich noch die armen Eltern um den Nachwuchs kümmern.
Aber bevor ich mich hier jetzt verrenne, ich habe mir nie Gedanken um eine Story hinter der Story gemacht. Ich bin allgemein ein Typ, der nicht besonders gut positive Texte schreiben kann. Ich bewundere zwar die Ami-have fun an' party-Mentalität und zähle nach wie vor viele der 80er- Glambands zu meinen Favoriten, ich selbst habe aber nichts davon in mir. Würde ich zwar gerne ändern, aber sowas geht nunmal nicht. Du bist entweder 'ne coole Sau oder nicht. Das kannst du nicht lernen.

HH: Der Plot bewegt sich als Wechselspiel zwischen der Schilderung der globalen Katastrophe und deren Rückkoppelung ans Individuum, das, verdammt zuzusehen im Gefängnis Raumkapsel auf sich selbst zurück geworfen wird. Spiegelt solches u.a. eine Handlungsunfähigkeit des Einzelnen angesichts globaler Verwerfungen wider? Ganz überzeugt bin ich persönlich nicht, dass nicht auch einer, heraustretend aus der Masse initial Großes bewirken kann...

Josh: Ha, probier's aus! Ich bin da eher weniger positiv gestimmt. Klar, im kleinen Rahmen magst du evtl. noch was bewirken können. Meine Erfahrungen haben aber gezeigt, dass es, gerade in Deutschland, kaum noch möglich ist, für eine Sache einzustehen - selbst wenn es um so immens wichtige Sachen wie deinen Arbeitsplatz geht. Für jeden, den du vielleicht auf deine Seite ziehen kannst, finden sich mit Sicherheit fünf, die dir in den Rücken fallen - selbst wenn die Grundmeinung und -einstellung zur Sache 100-prozentig übereinstimmt. Ok, der Mauerfall damals ist ein klares Gegenbeispiel, aber seitdem hat sich doch einiges geändert. Ich sehe, gerade in der Politik, niemanden mit wirklichem Charisma, der die Massen bewegt. Es geht doch längst nicht mehr darum, wer die beste Lösung für ein Problem hat, sondern darum, wer die Macht hat. Anders lässt sich doch auch nicht erklären, dass Parteien eine Koalition eingehen, die eigentlich keine gemeinsamen Eckpunkte haben. Macht ist alles - traurig aber wahr. Ganz abgesehen davon interessiert die meisten Leute doch eh nur Party, Party, Party ... und die Alternativen sind auch nicht die Lösung.

HH: In "The Devil In Me" - eines meiner subjektiven Highlights auf Circles - kommt es zu einem geistigen Zwiegespräch des zweiten Protagonisten Tommy Bob Bolton (der nicht der Astronaut ist) mit seinem Vater. Ein sehr persönlich wirkender Text, mit dem Vater als lebensbejahendem Stützpfeiler, wobei mir aber nicht ganz klar wurde, was nun "The Devil In Me" ausmacht...

Josh: Hier liegst du etwas falsch. Wie du schon richtig bemerkt hast, ist Tommy Bob Bolton nicht der Astronaut, sondern derjenige, der von der Base flüchtet und damit den Virus eigentlich nach draußen schleppt (geschildert in "Contagious"). Er ist also somit Charlie, der den Kreis in The Stand öffnet und mit Sally (seiner Frau) und Baby LeVon im Buch flüchtet.
Der Astronaut hat in der kompletten Story gar keinen Namen. Das liegt daran, dass er der Erzähler seines eigenen Lebens ist und natürlich nur in der Ich-Form spricht. Um aufzuzeigen wer nun im Grunde genommen überhaupt dieser letzte Mensch ist, erzähle ich abwechselnd von den Ereignissen auf der Erde und dem Leben des Astronauten.
"The Devil In Me" erzählt aus der Kindheit des Astronauten. Zu dieser Zeit hat er noch den Traum und das Talent, Baseball-Profi zu werden. Bei einem Unfall mit einem Messer verletzt er sich derartig, dass an eine Karriere als Pitcher nicht mehr zu denken ist. Selbstmordgedanken bestimmen zunächst sein Leben. Es ist sein Vater, der ihn letztendlich aus seiner Lethargie holt und versucht, ihm einen neuen Sinn im Leben aufzuzeigen. Trotzdem verfolgt ihn dieser zerplatzte Traum sein ganzes Leben und es kostet ihn in regelmäßigen Abständen echte Mühe, gegen diesen eigenen inneren Teufel anzukämpfen und nicht einfach aufzugeben. Daher auch am Ende von "Nevermore" die Einblendung eines kurzen Spielberichts der Los Angeles Dodgers (übrigens ein Ausschnitt aus dem Film The Sandlot. Eigentlich eher ein Kinderfilm. Trotzdem ist er einer meiner Lieblingsfilme). Während er merkt, dass es für ihn zu Ende geht, laufen diese Passagen seines Lebens noch mal vor seinem geistigen Auge ab. Ich selbst habe solch eine Phase auch schon durchgemacht, als für mich klar war, dass der Traum vom Rockstarleben für mich wohl niemals in Erfüllung geht, auch wenn ich noch so hart arbeite. Ich könnte immer das Kotzen kriegen, wenn ich von denen, die's geschafft haben, den Satz höre: "Du musst nur an dich glauben!" Das ist doch Kinderkacke. In erster Linie gehört dazu eine Riesenportion Glück und zwar schon von Geburt an. Du musst die richtigen Gene dafür schon in dir haben. Charisma, ein gesundes Selbstvertrauen und ein ansprechendes Aussehen, das auch auf die Frauen wirkt (denn wie schon Metallica sagten, "Du hast es erst geschafft, wenn du 50 Prozent Weiber im Publikum hast.") legst du dir nicht zu. Du hast es oder hast es nicht. "The Devil In Me" ist sozusagen auch eine Abrechnung mit mir selbst. Erst seit ich es trotzdem geschafft habe, irgendwie von der Musik zu leben, bin ich mit mir im Lot.

HH: In "Hazardous Freight" tritt nun eine weitere Person ins Drama - Jeremy -, dem in den wütenden Lyrics entgegen geschleudert wird: "Finally you get what you deserve / Reachin' out for more / More n' more / But all your money doesn't count / When it comes to end." Als Reflektorfigur könnte er einen der verantwortungslosen Finanzhai oder gierigen Manager darstellen, die die Gesellschaft mit ihrem Gebaren in die Enge treiben. Abgesehen davon, dass die Episode irgendwie abrupt in die Story einbricht, greift es nicht zu kurz nach "Schuldigen" Ausschau zu halten und diese anzuprangern, denn denen ist das ohnehin egal?

Josh: Im Grunde genommen hast du in Beidem Recht. Soweit gingen meine Gedanken allerdings nicht. Im Buch endet Charlies Reise ja in Arnette. Das ist bei uns die Phase in "The Delivery". Wie verbreitet sich der Virus also weiter? Arnette wird abgeriegelt, die wenigen, die überhaupt überleben, kommen in Quarantäne. Da wir hieraus aber kein Doppel- oder Dreifachalbum machen wollten, musste die Story so kurz wie möglich gehalten werden. Die einfachste und sicherlich auch wahrscheinlichste Lösung - jemand hat einen ganz wichtigen und dringenden Termin und er wird alles daran setzen, diesen auch wahrzunehmen. Ich weiß nicht, wie du handeln würdest, aber ich würde auf keinen Fall einen Gig absagen. Wer rechnet schon damit, dass dies das Ende der Menschheit bedeuten würde? Also, keineswegs eine pauschale Schuldzuweisung, obwohl mir deine Überlegung gefällt.

HH: Andererseits ist die Wut durchaus verständlich und ich denke, dass jeder, der die einzelnen Euros umdrehen muss, ähnlich fühlt. Und das katastrophale Ende darf ja letztlich wohl als Warnung genug gedeutet werden, aufzustehen und Umkehrungen einzuleiten. Dem Künstler ist es möglich Katastrophe wie Utopie vorwegzunehmen, doch zu wieviel Handlungsimpuls ist deines Erachtens die Kunst fähig?

Josh: Traurige Realität - Null. Es gibt auch einige saugeile Kabarettisten, wie z.B. Volker Pispers, die Sachen dermaßen treffend vorbringen (und es gibt wohl kaum jemanden, der ihnen anschließend nicht zustimmen würde), aber im Grunde genommen bewegen sie nichts. Für mich wird es immer ein Geheimnis sein, wie eine Handvoll Einzelpersonen Millionen andere beherrschen können. Ich bin ohnehin der Meinung, dass eine Gesellschaft nur vernünftig existieren kann, wenn das von mir gewählte Oberhaupt mich auch persönlich kennt. Wie will derjenige mich vertreten, wenn er meine Meinung gar nicht kennt und weiß, was ich von ihm erwarte? Wieviele Leute wollten wirklich die Wiedervereinigung in dieser Form und diesem Tempo? Wieviele wollten den Euro? Wieviele die Osterweiterung der EU? Der Wahnsinn dabei ist doch: wenn das Volk sich, das zunächst mal die Politiker bezahlt, um von ihnen vertreten zu werden, gegen diese auflehnt, kommt die Polizei, die ebenfalls vom VOLK bezahlt wird und knüppelt dieses nieder. Absurd, oder?

HH: Gibt es denn überhaupt Rettung für die Menschheit?

Josh: Das kann wohl keiner vorhersehen. Ich denke, solange dieser Planet existiert, wird es auch weiterhin Menschen geben. In welcher Form sie allerdings dumpf vor sich hin vegetieren, ist eine andere Frage.

HH: Die Platte ist sowohl eine lyrische wie musikalische Reise. Handwerklich meiner Meinung nach ganz hervorragend in Szene gesetzt. Die Ausgewogenheit zwischen klassischen Power Metal-Tracks wie "The Journey" oder dem großartigen "The Delivery" und ruhigeren Tönen wie in "Far Away" und "40 Days" (ruhig nur in Teilen) passt. Besonders Letzteres ist ein tolles Stück Musik geworden, in dem vom Vibe her Pink Floyd auf Virgin Steele treffen. Gab es während des Kompositionsprozesses Einflüsse anderer Bands?

Josh: Es ist jetzt nicht so, dass wir uns hingesetzt und gesagt haben, das muss jetzt aber wie die oder die klingen. Wir, und vor allem Poschi, der ja hauptsächlich für den instrumentalen Teil zuständig ist, hatten einfach einen tollen Lauf. Wir haben uns richtig in diese Sache reingesteigert und die Ideen sprudelten wie von selbst. Oft mussten wir uns sogar bremsen, um es nicht zu sehr ausufern zu lassen. Die Zeiten, in denen wir aber bei anderen abkupferten, sind längst vorbei. Die meisten Bands, mit denen wir in einigen Reviews verglichen wurden, kenne ich nicht mal. Ist schon spaßig, was da manchmal reininterpretiert wird. Natürlich holst du dir schon mal Anleihen, aber das passiert wohl eher unterbewusst.

HH: Deine Vocals sind neben den ausgefeilten Guitar-Arrangements einer der Faktoren, die die Scheibe aus dem Gros der Veröffentlichungen heraus stechen lassen. Wie hält man die Stimme über all die Jahre in solch einer Form? Tipps für jüngere Gesangskollegen? Spezielle Aufwärmprogramme?

Josh: Zu Midnight Darkness-Zeiten (erste Band Reuters in den 80ern; Fuxx) hasste ich meine Stimme. Das war auch die Zeit, als ich immer auf andere Sänger schielte und versuchte, wie der gerade Angesagte zu klingen. Daher hatte ich keinen eigenen Stil und mir fehlte zudem jegliche Technik und das Wissen um meine Stimme im Allgemeinen. Trotzdem hat mir natürlich auch das Imitieren anderer Stimmen eine Menge gebracht. So lernst du zumindest unterbewusst, was mit deiner Stimme überhaupt möglich ist. Wenn du dann noch einen Gesangslehrer findest, der dir die Zusammenhänge erklärt und deine Stimme in die richtige Richtung lenkt, bist du schon auf einem guten Weg. Damals habe ich aber nirgendwo einen Gesangslehrer gefunden. Das war schon anders als heute, wo du in jeder Stadt mindestens zwei bis drei Vocalcoaches oder Musikschulen hast. Ich bin allerdings mega-ehrgeizig und will alles möglichst perfekt machen. Als ich dann endlich den richtigen Maestro fand und volle drei Jahre Unterricht durchzog, machte ich täglich mindestens eine Stunde meine Übungen... und das ist wirklich nicht spaßig. Als Sänger brauchst du 'ne Menge Disziplin. Es gibt soviel, was wirklich dazu gehört. Hauptberuflich bin ich heute selbst Vocalcoach und lebe zudem vor allem von meinem Acoustic-Cover Rock-Duo; oder in letzter Zeit auch immer öfter Trio, weil Poschi entweder als Sub oder dritter Mann dabei ist. Mittlerweile spielen wir um die 70 Gigs im Jahr. Mit stellenweise drei Gigs am Wochenende, die meisten nicht unter vier Stunden - am Stück, musst du deine Stimme schon im Griff haben. Vernünftiges Aufwärmen und, was die Wenigsten wissen, Runterkühlen nach dem Konzert, gehören auf jeden Fall dazu. Du kannst das absolut mit einem Hochleistungssportler vergleichen. Mir kann echt keiner erzählen, er macht nach so einem Konzert einen auf fette Party und bringt dann am nächsten Tag wieder die gleiche Leistung.
Ich kann allen jüngeren Gesangsfreaks und angehenden Frontmännern nur raten, so früh wie möglich Unterricht zu nehmen, ohne sich allerdings in eine Ecke pressen zu lassen. Horch einfach mal in dich rein. Wenn du im Halsbereich angespannt bist, bist du auf dem falschen Weg. Das ist eine einfache Grundregel.

HH: Der Name Past M.D. suggeriert, dass eure alte Band aus den 80ern, Midnight Darkness, der Vergangenheit angehört. Schade eigentlich. Holding The Night war damals sicher kein schwaches Album. Ist der Bruch final oder gibt es Hoffnung für die alten Anhänger, Songs wie "We Like To Rock" oder "Lost In Dreams" noch mal live zu hören?

Josh: Das sagt mir, Du kennst unser erstes Album (gemeint ist von Past M.D.; Fuxx) Part Time Rebellion noch nicht. Da ist "L.A. Prisoner" in einer überarbeiteten Version drauf. Allerdings glaube ich nicht, dass Midnight Darkness überhaupt viele Anhänger hatten. Nach der Veröffentlichung war ja eigentlich auch schon wieder Schluss. Zudem sind die Texte absolut grottig. Ich weiß eigentlich gar nicht, was mir damals durch den Kopf ging. Ich glaube, ich habe da nur die englischen Worte, die ich irgendwie kannte, völlig sinnfrei aneinander gehängt. Was bitte soll schon alleine der Albumtitel Holding The Night bedeuten? Ich habe keine Ahnung. Von daher tue ich mich ziemlich schwer, die alten Songs tatsächlich noch mal vorzukramen. "L.A. Prisoner" hat einen völlig neuen Text erhalten. Den Weg müssten wir dann wohl auch mit weiteren Songs gehen... es sei denn, wir kriegen jetzt massenhaft Emails von Leuten, die unbedingt die alten Songs in genau dieser Fassung nochmal hören möchten.

HH: Mit eurer Nachfolgeband BornChild konntet ihr Ende der 80er immerhin mit Größen wie den Tygers oder Magnum zusammen zocken. Warum kam es damals zum Split und wie fandet ihr 2004 wieder zusammen, um Past M.D. zu gründen?

Josh: Einziger Grund für den Split war meine oben angesprochene Unzufriedenheit mit meiner Stimme. Mein Gesangslehrer empfahl mir, vorerst nicht in einer Band zu singen. Daraufhin stieg ich bei BornChild aus.
2004 war ich gerade selbst in einer neuen Band eingestiegen. Hier spielte ich zusätzlich noch Gitarre, was mir aber überhaupt nicht lag. Ich würde mich auch nie als Gitarristen bezeichnen, auch wenn ich auf meinem 12-Saiter schon einige Stücke schraddeln kann. An der E-Gitarre bin ich allerdings völlig schrottig. Zudem merkte ich, dass mein Gesang durch die Konzentration aufs Gitarre-Spielen erheblich litt. Somit schlug ich den Jungens vor, lieber einen anderen Gitarristen anzuheuern. Von der musikalischen Ausrichtung her kam ich irgendwie sofort auf Poschi, obwohl wir uns ja 15 Jahre nicht gesprochen hatten. Irgendwoher kriegte ich dann seine Telefon-Nr. und wir verabredeten uns in seinem Studio. Er hörte sich das Album der Band an und fand sie eher mies. Stattdessen schrieben wir noch am selben Abend einen neuen Song. Von da an war klar, ich steig bei der Band wieder aus und wir machen was komplett Neues.

HH: Mit einer Platte wie Circles im Gepäck können die Ambitionen eine gewisse Höhe besitzen. Gibt es, trotz langjähriger Zugehörigkeit zum Biz, noch so etwas wie Rockstar-Dreams, auch wenn man die 30 mal überschritten hat? Oder, bist du mit dem jetzigen Status von Past M.D. zufrieden?

Josh: Ich werde diesen Traum wohl niemals aufgeben. Ich bin allerdings auch nicht so naiv, der Realität nicht ins Auge zu sehen. Ich bin mir durchaus bewusst, dass uns zu echten Rockstars doch einiges fehlt. Ob man's wahrhaben will oder nicht, die Optik macht auch im Rock- oder Metalgeschäft einiges aus, auch wenn's heute längst nicht mehr so ist wie Ende der 80er. Hinzu kommt, und das kann man nun wirklich nicht leugnen, dass Hard oder Heavy heute einfach nicht mehr angesagt ist. Klar, Bands deren Namen sich über Jahrzehnte festgesetzt haben, ziehen auch heute noch Leute. Aber wer schert sich schon wirklich um neue Bands... und dann auch noch um eine deutsche? Überhaupt geht mir diese ganze Skandinavien-Verherrlichung ziemlich auf den Sack. Jeder Rotz muss einfach nur den Schweden-, Finnen- oder Norwegen-Stempel tragen und das Zeug wird hochgejubelt bis zum geht-nicht-mehr. Was mich allerdings am meisten ärgert ist, mit welchem Ekel man stellenweise in diese Old School-80er-Schiene gedrückt wird. Mal im Ernst, Metal oder Hardrock hat keine bessere Zeit erlebt als die 80er. Alle hat diese Zeit groß gemacht, von den übelsten Bands über Rock Hard, Metal Hammer usw. Selbst Metallica wären ohne diese Zeit einen Scheiß wert. Wen interessiert schon wirklich der Schrott nach dem Black Album? Jeder einzelne würde doch sein Leben dafür geben, wenn er diese Verkaufszahlen nur noch einmal erleben dürfte. Wir sind Old School? Meinetwegen, das war 'ne geile Zeit und ich kann auch nix anderes. Mir fehlt auch bei den ganzen modernen Bands jegliche Substanz. Da finde ich nix, was irgendein Gefühl in mir weckt.
Dazu kommt dann noch, dass es doch heute keine Unterstützung mehr in den Medien gibt. Wenn ich diesen ganzen Einheitsbrei im Radio oder auf MTV und Konsorten höre, kriege ich das Kotzen. Die Kids machen sich doch gar nicht mehr die Mühe, ihre eigene Richtung zu entdecken. Alles, was bei Popstars oder DSDS läuft, ist geil. Hauptsache Fernsehen... und wenn ich dann gar nix mehr inner Birne hab, werde ich Gangsta-Rappa. Erst gestern wieder wurden Fettes Brot als beste BAND ausgezeichnet. Hallo, was ist daran 'ne Band? Spielt eine Band nicht irgendwelche Instrumente?
Ein weiteres Stück im Grabstein der Originalbands sind ohne Zweifel die Millionen von Tribute- und Coverbands. Wir haben mittlerweile unser 2. Album raus. Damit wärst du vor 20 Jahren schon Gott gewesen. Heute kriegst du nicht mal 'nen Gig im kleinsten Club der Stadt... und wenn, spielst du vor 10-30 Leuten. Nächste Woche ist aber die grottigste Soundso-Tributeband in der Stadt und die Leute zahlen 15 Euro Eintritt.
Ein anderer Punkt ist: wenn du einen gewissen Standard erreichen willst, brauchst du einen vernünftigen Firmenapparat im Hintergrund. Wir haben die Preproduction einigen Major-Companies angeboten. Keine hatte Interesse. Denen geht's aber auch zumeist echt dreckig, das ist schon erschreckend. Ist aber auch klar. Ich kenne Kids die haben hunderte CDs im Schrank, aber nicht ein gekauftes Original. Zudem sind sie dermaßen übersättigt, die lechzen doch gar nicht mehr nach Neuem. Wenn ich daran denke, wie ich früher monatelange dem neuen Maiden-, Priest- oder Accept-Album entgegengefiebert habe - sowas gibt's doch heute gar nicht mehr.
Mich würde allerdings wirklich interessieren, wie sich Circles mit einem amtlichen, passenden Produzenten anhören würde. Irgendwo muss ja schließlich der Unterschied zu einer Hunderttausend- und mehr Euro-Produktion sein.
Nee, ganz ehrlich, für's Rockstarleben sehe ich schwarz, auch wenn mir jeder einzelne Gig weiterhin Riesenspaß macht ... und damit wären wir wieder bei "Devil In Me". *lacht*

HH: Wir haben vorher kurz über Einflüsse gesprochen. Wärst du so freundlich, für die Leser eine kleine Liste mit den für dich acht wichtigsten Konzeptalben der letzten Jahrzehnte zusammen zu stellen?

Josh: Für mich ganz klar: Queensryche - Operation Mindcrime, Pink Floyd - Animals, Dark Side Of The Moon und auch The Wall, obwohl ich das tatsächlich erst jetzt für mich entdeckt habe. Bis vor Kurzem konnte ich damit noch gar nix anfangen. Maidens Seventh Son gilt ja auch als Konzeptalbum. Das gehört dann natürlich auch dazu. Nicht zu schlagen allerdings, Dream Theater. Egal was die Jungs rausbringen, das kommt von einem anderen Stern. Scenes From A Memory oder auch Six Degrees und alles, was danach kam, auch wenn's keine echten Konzeptalben sind. Seit Poschi mich auf den Dream Theater-Trip gebracht hat, höre ich eigentlich selten was anderes. Hab ja auch 'ne Menge davon aufzuholen. Früher war mir das alles zu frickelig und ohne eine Linie, vor allem beim Gesang und da höre ich natürlich als Erstes drauf. Ab Scenes ist das aber ganz anders. Fehlen darf natürlich auch nicht Rushs 2112. Green Day - American Idiot und das war's dann eigentlich. Wenn ihr noch Tipps habt, her damit.

HH: Vielen Dank von meiner Seite für die Beantwortung der Fragen und noch mal Respekt in Bezug auf Circles. Die berühmten letzten Worte gehören dir:

Josh: Wir sagen einfach DANKE dafür, dass es doch noch Leute gibt, die etwas genauer in den Untergrund reinhören. Da merkt man eine ordentliche Portion Professionalität, die etlichen Redakteuren bekannterer Magazine völlig abgeht.
Wir hoffen euch schnellstmöglich auf Tour zu treffen. Keep that Rock 'n' Roll flame burnin' !!!

Andre, Stefan, D.P. und Josh.

Fuxx

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