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Interview

Interview mit Lacrimosa (07.05.2009)

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Vier Jahre hat es seit dem letzten Studioalbum Lichtgestalt gedauert, bis wir nun das neue Album Sehnsucht vorliegen haben. Die Veränderungen zum Vorgänger sind offensichtlich, die in einem Gespräch mit Mastermind Tilo Wolff erläutert werden sollten. Pünktlich zum vereinbarten Termin war er dann auch am Telefon und präsentierte sich als sehr gesprächiger Interviewpartner.

HH: Hi Tilo, wie geht es dir? Bist du im Stress mit all der Promotion-Arbeit?

Tilo: Hi, klar ist viel zu tun, bevor man ein Album veröffentlichen kann, vor allem, weil wir das neue Album weltweit zeitgleich veröffentlichen werden. Da gibt es schon noch so einige Dinge zu erledigen.

HH: Bislang hatten Lacrimosa einen schönen zwei-Jahres-Rhythmus, was Veröffentlichungen von Studioalben anbelangt. Nun mussten die Fans doppelt so lange auf ein neues Album warten, warum diese längere Pause?

Tilo: Nun, zunächst hatten wir ja eine sehr ausgiebige Welttournee zu absolvieren. Im Anschluss hatten wir ja dann die Live-DVD und -CD heraus gebracht, was ja auch beides eine Menge Zeit in Anspruch genommen hat. Nach der Welttournee hatten wir weit über 1.000 Stunden an Material gefilmt, das zuerst einmal gesichtet und geschnitten werden musste. Und das alles hat letztendlich dazu geführt, dass 2007 das Lichtjahre Live-Set heraus kam. Gleich im Anschluss habe ich dann mit dem neuen Album angefangen, so dass man grob schon sagen, kann, dass ich dem zwei-Jahres-Rhythmus treu geblieben bin, auch wenn es jetzt kein Studioalbum war. Aber letztendlich lag es auch daran, dass man keine externen Produzenten oder ähnliches einkauft, dann dauert es halt etwas länger. Man kann sich ja auch nicht fünfteilen (lacht).

HH: Was kannst du mir über die Entstehungsgeschichte von Sehnsucht erzählen? Habt ihr bereits auf Tour mit dem Schreiben neuer Songs angefangen?

Tilo: Teils. Wie man zum Beispiel dem Titel "I Lost My Star In Krasnodar" entnehmen kann, ist der Titel auf unserer Russland-Tour entstanden. Es ist schon so, dass es sehr inspirierend ist, wenn man so viel Zeit mit dem Publikum verbringt, so viele Konzerte spielt und von einer Kultur zur nächsten reist. Da findest du dich jeden Tag ein einem anderen Kulturkreis wieder. Aber der Großteil der kreativen Arbeit ist dann doch erst entstanden, als wir wieder zurück waren. Das hat den Grund, dass ich beim komponieren auch gleich mit dem Produzieren anfange. Wenn ich auf dem Klavier oder der Gitarre spiele oder jamme, nehme ich alles gleich auf, so dass das Album sehr spontan und intuitiv entstanden ist.

HH: Du hast eben grad den Song "I Lost My Star in Krasnodar" angesprochen, worum geht es in diesem Song?

Tilo: Hier geht es um eine Reflexion, was wir auf Tour erlebt hatten, gebündelt in den Erlebnissen in Krasnodar. Man trifft auf Tour so viele Erlebnisse, trifft so viele Menschen. Und als wir dann in St. Peterburg angekommen sind, dachte ich, ich muss mich jetzt hinsetzen und einen Song darüber schreiben, weil die Station davor Krasnodar war und wir dort massive Erlebnisse hatten. Im Hotelzimmer habe ich dann die Tour bis zu diesem Zeitpunkt reflektiert. Es ist so eine Art Tour-Souvenir, was ich hier mitgenommen habe. Andere kaufen sich eine Postkarte und ich schreibe halt einen Song (lacht).

HH: Wie unterschiedlich reagieren eigentlich die Fans, wenn du gerade die unterschiedlichen Kulturkreise ansprichst. Wo liegen die Besonderheiten, wo gehen die Fans mehr mit oder wo ist es intensiver?

Tilo: Sehr intensiv gehen die Fans vor allem in Ländern wie Russland oder auch Lateinamerika mit. In Argentinien oder Mexiko gehen die Leute schon ganz anders mit als man es von Europa her kennt, wo die Fans doch deutlich verhaltener und nicht so in der Lage sind, ihre Emotionen zu zeigen und sich mit der Musik auseinander zu setzen. Dass die Fans auf die Bühne kommen und zurück ins Publikum springen bei Lacrimosa ist in Europa undenkbar, dort ist es einfach normal. Das hängt wohl auch von der speziellen Musik von Lacrimosa ab, weil in diesen Kulturkreisen die Unterschiedlichkeit der Musik ganz anders aufgenommen wird. Die Fans sind doch einfach nicht so verhalten, was die Auseinandersetzung mit ihren Gefühlen angeht. Die russische Seele besteht zum Beispiel nur aus Emotionen, dort gilt man nicht als schwach oder gar debil, wenn man zu seinen Gefühlen steht und seine Emotionen auslebt. Das ist dort ein Zeichen von Stärke, so etwas wird hier in Mitteleuropa ja ganz anders interpretiert. Hier ist man deutlich leistungsorientierter, da haben Emotionen kaum Platz. Andererseits will man hier in Europa die Dinge gern beim Namen nennen, da ist eine Musik, die mehrere Genres abdeckt, eher suspekt. Darum ist dort die Herangehensweise an Lacrimosa eine ganz andere als hier in Europa.

HH: Kann das evtl. aber auch daran liegen, dass gerade hier in Deutschland die Fans einfach schon zu satt sind? Teilweise hat man ja am Wochenende die Qual der Wahl zwischen mehreren Konzerten.

Tilo: Ja, das hat sicherlich auch damit zu tun, denn wenn man satt ist, wird man träge. Da treibt man nur noch an der Oberfläche und geht gar nicht mehr tiefer.

HH: Wie erklärst du dir den Erfolg von Lacrimosa in den nicht deutschsprachigen Ländern? Gerade weil eure Texte ein nicht ganz unwichtiger Teil eurer Musik sind.

Tilo: Nun, es ist durchaus so, dass wir immer wieder hören, dass Menschen aufgrund von Lacrimosa anfangen, deutsch zu lernen oder gar zu studieren, um die Text verstehen zu können. Man setzt sich dort also schon sehr intensiv mit den Texten auseinander, auch wenn man sie im ersten Moment nicht versteht. Man versucht daher auf diesem Weg, die Texte zu verstehen. Wieder andere lassen sich die Texte per Übersetzer in die jeweilige Landessprache übersetzen. Das ist auch ein Grund, warum bei uns die Texte immer zweisprachig im Booklet abgedruckt werden. Aber, das ist nur die Spitze des Eisbergs. Der wahre Grund ist meiner Meinung nach, dass man dort eben die Musik ganz anders versteht. Manche brauchen die Texte auch gar nicht, sie konzentrieren sich ganz auf die Musik und finden, dass damit alles gesagt ist. Das spiegelt sich auch darin wieder, dass ich erst die Texte schreibe und dann versuche, diese Texte mit der Musik wieder zu geben, so in etwa wie ein Soundtrack zu den Texten. Und das spricht die Leute an, das berührt sie, und damit ist wohl auch der Erfolg erklärbar. Vielleicht sind sie es auch gar nicht gewöhnt, so genau auf die Texte zu hören, denn die Zahl der spanisch, portugiesisch oder russisch singenden Bands ist ja doch überschaubar.

HH: Lacrimosa spalten ja nach wie vor die Geschmäcker. Nach all den Jahren im Musikgeschäft (19 an der Zahl), wie wichtig sind dir noch die Meinungen diverser Kritiker?

Tilo: Das kommt darauf an, wie fundiert die Meinungen sind. Man merkt sehr schnell, ob sich jemand mit Lacrimosa auseinander gesetzt hat oder eben nicht. Wenn sich jemand mit uns auseinander gesetzt hat und seine Meinung dazu schreibt, kann ich ganz anders damit umgehen als wenn ich merke, derjenige plappert nur irgendwelche Gerüchte oder ähnliches nach. Und das gilt fürs Positive genauso wie fürs Negative. Es geht also grundsätzlich darum, sich damit auseinander zu setzen. Natürlich gibt es auch diejenigen, die sich gar nicht mit der Musik auseinander setzen wollen, weil es ihnen einfach nicht gefällt. Und das liegt wohl auch an der Vielschichtigkeit unserer Musik. Das ist mir schon ein paar Mal passiert: man spielt jemandem ein Stück vor und gibt an, dass es die Band XY ist. Dann heißt es: spitze, großartig usw. Und kaum sagt man, dass es sich um ein Stück von Lacrimosa handelt, kommen Reaktionen wie: das hab ich mir doch gedacht, war mir aber nicht ganz sicher, gefällt mir nicht. Das sind dann diejenigen, die es grundsätzlich nicht gut finden wollen, schlicht und einfach weil der Name Lacrimosa darüber steht. Und solche Kritiken prallen dann an mir ab, weil ich merke, dieser Mensch hat kein Rückgrat und weht wie ein Fähnchen im Wind. Aber wenn sich jemand mit der Musik beschäftigt und mir sagen kann, dieser oder jener Part im Stück oder diese oder jene Textpassage klingt nicht gut oder hätte man anders machen können, dann akzeptiere ich das.

HH: Ich empfinde Sehnsucht etwas düsterer und teils auch stark aggressiver als Lichtgestalt, allen voran den Song "Feuer", der für Lacrimosa-Verhältnisse sehr aggressiv und nach vorne gerichtet gestaltet ist, was nicht zuletzt an der fordernden Art deines Gesangs liegt. Woher kommt diese Aggressivität?

Tilo: Nun, ich vertone immer das, was mich gerade beschäftigt, demzufolge ist das neue Album auch autobiographisch entstanden. Da hat sich durchaus eine gewisse Aggression in mir aufgebaut, gegen gewisse Vorgehensweisen, gegen gewisse Haltungen, und dieser Aggression wollte ich einfach freien Lauf lassen, einfach nur raus lassen. Ich hasse es, wenn man sich selbst zensiert. Ich empfinde das neue Album auch radikaler, in jeder Richtung. Das liegt auch in meiner Natur, ich will einfach nicht um den heißen Brei herum reden. Je älter ich werde, je länger ich Musik mache, desto direkter will ich einfach auf den Punkt kommen. Ich will mich um die Inhalte und die Feinheiten kümmern und nicht um das Gedöns drum herum. Das hat wohl zur Folge, dass die Alben von Mal zu Mal extremer werden, in ihrer jeweiligen Ausprägung gesehen, die düsteren Songs noch düsterer und die härteren Songs noch härter.

HH: Eure Musik ist wie bereits gesagt, sehr emotional, in der du immer ein Stück von dir preisgibst. Wo setzt du dir hier selbst Grenzen was deine Gefühle betrifft?

Tilo: Eigentlich setze ich mir da keine Grenzen. Dafür kann ich Dinge "verschleiern", kann mit Metaphern arbeiten und es so der Interpretation des Hörers überlassen, was er aus dem jeweiligen Song heraus zieht. Und das, ohne dass ich selbst emotional blank gezogen habe. Somit kann ich alles zum Ausdruck bringen, was ich will. Gut, bei "Feuer" ist es relativ klar, dass es sich hierbei nicht um einen Blümchen-Liebes-Text geht (lacht). Aber ich finde es so besser, als der Welt vorspielen zu wollen, dass man immer ein braver Typ ist. Das ist doch viel unaufrichtiger als die Gefühle einfach mal raus zu lassen.

HH: Die Aufnahmen zu Sehnsucht sind ja noch nicht lange her, kannst du schon einen Vergleich ziehen? Wo siehst du selbst die hauptsächlichen Unterschiede zwischen Sehnsucht und Lichtgestalt? Oder ist das alles noch zu frisch?

Tilo: Nein, da kann ich schon was zu sagen. Ohne jetzt Lichtgestalt in den Schatten stellen zu wollen, finde ich, dass Sehnsucht wesentlich direkter geworden ist, es geht bei den einzelnen Themen einfach mehr in die Tiefe. Das Facettenreichtum und die produktionstechnische Umsetzung hat in meinen Augen einfach mehr Impact. Ich sehe Sehnsucht als eine Steigerung an, auch wenn der Song "Lichtgestalt" immer einer meiner Lieblingssongs bleiben wird. Sehnsucht geht einfach tiefer und ist mehr am Mensch und am Musiker dran, als es zuvor der Fall war.

HH: Nach nunmehr 19 Jahren im Musikgeschäft, woher ziehst du nach wie vor deine Inspirationen her? Was inspiriert dich so sehr, dass du darüber einen Song schreiben musst?

Tilo: Das ist relativ einfach. Ich musste zwar auch schon mal um den ein oder anderen Song kämpfen, aber ich unterliege einfach der Faszination, kreativ tätig sein zu müssen. Mich einfach ans Klavier zu setzen oder die Gitarre in die Hand zu nehmen mit dem Bewusstsein, wenn ich sie wieder weg lege, habe ich ein neues Riff oder ein neues Gitarrensolo gemacht. Das ist der Motor, das treibt mich an. Bei den Inhalten, wie ich den Song dann fülle, kommt es mir zugute, dass ich ein sehr kommunikativer Mensch bin, auch wenn ich nicht unbedingt mit jedem Menschen reden will. Ich rede zwar gerne, aber ich bin nicht derjenige, der jedem Dahergelaufenen sofort seine Lebensgeschichte erzählt. Das war auch der Grund, warum ich angefangen habe, Texte zu schreiben. Ich habe sie immer so geschrieben, als wenn ich mich mit einer imaginären Person unterhalten würde. Der Drang zum Kommunizieren ist also da, jedoch nicht unbedingt mit Menschen, ich kommuniziere vielmehr durch die Musik. Also kann man sagen, die Freude an der Musik und der Drang, mich damit zu kommunizieren, macht den Antrieb, die Inspiration aus. Ich muss hier nicht auf Inspiration warten, es passiert einfach automatisch.

HH: Hast du dann nicht auch ab und zu die Angst, dass diese kreative Ader einmal zu Erliegen kommt?

Tilo: Im Moment, jetzt und heute, denke ich: Nein, das wird nicht passieren. Ich hatte jedoch schon einmal Zeiten, in denen ich massive Panik hatte, dass es einmal passiert. Und das führt dann zum Riders-Block, wo man denkt, ich kann das eh alles nicht mehr. Ich denke, das Ganze kann man auch mit Wellenbewegungen umschreiben. Im Moment reite ich oben auf der Welle und schreibe auch schon wieder an neuen Songs, obwohl Sehnsucht noch nicht einmal veröffentlicht ist. Aber es wird wohl leider auch wieder andere Zeiten geben. So extrem die Musik von Lacrimosa ist, so extrem bin wohl auch ich als Mensch dahinter. Es gab ja schon Zeiten, wo ich vor dem Klavier gesessen bin und überlegt habe, wie ich aus diesem Kasten jetzt Musik rausholen soll (lacht).

HH: In einer Welt, die immer schnelllebiger und emotionsloser wird, stehen Lacrimosa seit langem für gefühlvolle Musik. Ist es dir wichtig, hier einen Art Gegenpol darzustellen?

Tilo: Es ist mir nicht wichtig in dem Sinne, dass ich der Welt einen Gegenpol geben will, um die Welt zu verändern oder dergleichen. Aber es ist für mich wichtig, denn ich mache ja die Musik, die ich hören will. Und das was ich hören will, höre ich oftmals nicht. Es gibt kaum Bands, die diese Art von Musik machen, mir fehlt hier einfach etwas. Das ist wohl auch der Grund, warum die meisten Musiker überhaupt Musik machen, hoffe ich doch zumindest. Die Entwicklung unserer Gesellschaft betrachte ich als sehr gefährlich, denn diese steht in keinem Verhältnis zu dem, was der Mensch an sich zum Überleben bräuchte. Und um für mich hier ein kleines Stück "bessere" Welt zu bauen, mache ich einfach Musik. Kurzes Beispiel: der längste Song auf dem neuen Album ist der Opener "Die Sehnsucht In Mir". Und wenn man sich die Musikindustrie so ansieht, ist das eigentlich ein absoluter kommerzieller Todestoß. Denn man kann definitiv mehr Alben verkaufen, wenn der erste Song ein sogenannter Ohrwurm ist, der schon nach kurzer Zeit zündet. Und genau darauf verzichte ich, weil es mir egal ist, das kann ich auf anderen Platten erleben. Bei Lacrimosa will ich ein schönes Intro haben, bei dem ich langsam in diese emotionale Stimmung eintauchen kann. Und das meine ich damit, wenn ich sage, ich baue mir meine eigene musikalische Welt. Sie funktioniert einfach anders, als es in der realen Welt stattfindet. Dort haben die Plattenfirmen im Alternativ und Metal Bereich inzwischen die selben Mechanismen wie die großen Majors.

HH: Das Musikbusiness ist ein gutes Stichwort. Die ganze Musikindustrie klagt über sinkende Verkaufszahlen aufgrund des Internets. Hast du mit deinem Label Hall Of Sermon ähnliche Probleme/Erfahrungen gemacht?

Tilo: Das Internet ist nur Mittel zum Zweck. Es ist die sinkende Moral der Menschen, die glauben, für Ware nicht mehr bezahlen zu müssen. Eine Produktion kostet ja schließlich eine Menge Geld. Wenn ich zum Beispiel einen normalen Job machen würde und am Ende des Jahres würde mir mein Chef sagen, dass er mir nur 30% zahlen würde, dann hätte ich damit ein Problem. Und das kann man so auf die Musikbranche übertragen. Es ist einfach eine Frage der Moral. Das fängt schon damit an, wenn man sich von einem Kollegen eine CD ausleiht und sie kopiert. Das trifft die Nischen im Business einfach noch härter, einfach weil die Umsätze hier eh schon geringer sind. Darum müssen auch immer wieder Firmen schließen. Ich will hier den schwarzen Peter aber nicht auf das Internet schieben, das ist wie gesagt nur Mittel zum Zweck. Hier kann man problemlos Sachen z.B. gleich auf den Ipod laden. Einfach weil man denkt es ist in Ordnung, weil keiner einen bestraft. Wenn im Restaurant einen keiner aufhalten würde, würde es dort wohl genauso laufen. Dort fällt es halt auf, und darum macht man es nicht. Klar kann ich verstehen, wenn eine denkt, die CD kopier ich mir einfach, deswegen wird schon keiner Pleite gehen. Aber wenn alle so denken, dann wird es zum Problem. Ich habe in den letzten Jahren viele gute Bands gehen sehen, einfach weil sie es finanziell nicht mehr stemmen konnten, das Geld aus ihren regulären Jobs nur noch in die Band zu pumpen und im Gegenzug jedoch nichts über die Band eingenommen haben. Und das ist sehr schade.

HH: Nun, da stimme ich dir zu. Allerdings ist es auch ein schmaler Grad. Das von dir bereits angesprochene CD vom Kumpel brennen ist streng genommen nichts anderes als das Tape-Trading von früher, was vielen Bands erst geholfen hat, den Status, den sie heute haben, überhaupt erreicht zu haben. Zudem gibt es ja auch Möglichkeiten, sich davor zu schützen, wie z.B. Voice-Overs, die ihr ja wirklich zahlreich auf Sehnsucht verwendet habt. Tut es da nicht auch ein bisschen weniger als alle 30 Sekunden?

Tilo: Nun, das Tape-Trading hat dazu geführt, dass man hinterher die LP gekauft hat, das ist der große Unterschied. Das ist halt hier nicht mehr der Fall, wenn man die CD hat, hat man auch das fertige Produkt. Das kann man so nicht vergleichen, das sind zwei unterschiedliche Mechanismen. Tapes waren ein Promotion-Tool, heute wird es durch die CD ersetzt. Zum zweiten Punkt: dass so viele Voice-Overs beim Mastern mit drauf gepackt wurden, habe ich auch erst hinterher von Journalisten erfahren, das war nicht gerade unsere Intention. Letztendlich bin ich jedoch froh darum, denn nachdem wir den Versand der CDs gemacht haben, hat es keine drei Tage gedauert, bis Journalisten das Ding ins Netz gestellt haben. Wie bescheuert muss man eigentlich sein? Damit sägt man doch an dem Ast, auf dem man sitzt. Magazine müssen zumachen, weil die Journalisten nichts mehr zum schreiben hatten und die Anzeigen ausgeblieben sind, was wiederum klar ist, wenn die Labels kein Geld durch Verkäufe mehr einnehmen. Diese Kurzsichtigkeit dieser Journalisten, die die CDs ins Netz stellen, kann ich echt nicht begreifen.

HH: Das verstehe ich ehrlich gesagt auch nicht. Aber auch hier gäbe es ja die Möglichkeit, mit Watermarked-CDs nach zu verfolgen, wer denn der Übeltäter war und entsprechende Schritte einleiten oder einfach nicht mehr bemustern...

Tilo: Wenn ich hier kurz einhaken darf: theoretisch gebe ich dir recht. Aber in der Praxis sieht das dann so aus: man kann zwar dann herausfinden, wer es online gestellt hat und rechtliche Schritte einleiten. Aber zu diesem Zeitpunkt steht schon das fertige Produkt ohne Voice-Overs im Netz und das kannst du nicht mehr rückgängig machen. Watermarked sind nur sinnvoll, um Journalisten hinterher laufen und sie abstrafen zu können, aber das Problem beseitigen sie nicht.

HH: Von diesem Standpunkt aus muss ich dir recht geben.
Du bist ja nun auch schon sehr lange dabei, wie empfindest du die Szene heute? Was hat sich verändert, zum Guten wie zum Schlechten?

Tilo: Durch das heute vorherrschende Überangebot an Musik hat sich alles enorm aufgebauscht. Jeder, der einen Rechner zu Hause stehen hat, kann inzwischen Musik machen. Ich kann mich noch erinnern: wenn früher eine Band XY eine neue Scheibe heraus gebracht hat, war das DAS Ereignis. Heute müssen selbst große Bands darum kämpfen, in der Veröffentlichungsflut überhaupt wahrgenommen zu werden. Das ist auch die Ursache, dass die Szene oberflächlicher geworden und in viele Unter-Szenen zerbrochen ist. Dieses Szene-Zusammengehörigkeitsgefühl ist verloren gegangen, und das finde ich schade. Vielleicht bin ich da auch nicht ganz unbeteiligt daran, denn wir haben ja 1996 versucht, die Metal-Szene mit der Gothic-Szene zusammen zu bringen. Und das war echt heftig, teilweise mussten wir mit Securitys bei Schlägereien dazwischen gehen. Das war absolutes Neuland: ein Metaler steht neben einem Gothic und jubelt der gleichen Band zu. Da haben sicher einige ihre Identität innerhalb der Szene angegriffen gefühlt. Insofern bin ich an der Entwicklung nicht ganz unbeteiligt. Das ändert aber nichts daran, dass die Szene etwas oberflächlicher geworden ist, was aber auch an der Kommerzialisierung liegt. Die verbliebenen Labels kämpfen ums Überleben und da wird auf jeden Zug aufgesprungen, der vorbei rauscht. Es traut sich doch keiner mehr, wirklich innovative Bands aufzubauen und hier zu investieren. Und das beeinflusst natürlich die Szene und trägt nicht gerade wirklich zu einem fruchtbaren Wachstum bei.

HH Was bezeichnest du als deine beste, was als deine schlechteste Entscheidung?

Tilo: Die beste Entscheidung war, 1998 trotz aller Warnungen eine Tour durch Mexiko zu machen. Das war im Nachhinein betrachtet der Kick-Off für die Szene in Mexiko und Lateinamerika und hat uns zu einer unglaublichen Entwicklung verholfen. Die Erfolge, die wir mit Lacrimosa bis zu diesem Zeitpunkt gehabt hatten, wurden alle noch getoppt. Auch die Veröffentlichung von Inferno kann ich hier aufführen. Hier hat mich jeder gewarnt: die Metaller werden es nicht hören, denen ist es zu düster, und die Gothics werden es nicht hören, denen ist es zu hart. Letztendlich wurde mir prophezeit, dass keiner die Scheibe hören wird. Letztendlich hat es sich jedoch als anders herausgestellt. Das sind sicherlich zwei gute Entscheidungen, auf die ich auch stolz bin.
Schlechte Entscheidungen? Ich habe so viele schlechte Entscheidungen getroffen (lacht). Zum Beispiel die Art und Weise, wie ich das Album Echos publik gemacht habe... oder eben nicht publik gemacht habe. Wie ich in Interviews darüber gesprochen habe, hat das Album ganz anders dargestellt. Auf diese Weise konnte das Album dann auch nicht verstanden werden und ist sicherlich ein Grund dafür, warum es auch heute noch nicht so beliebt ist. Ich hoffe, die spezielle Schönheit des Albums wird irgendwann einmal erkannt werden. Rückblickend kann ich sagen, dass dieses Album der Öffentlichkeit falsch präsentiert wurde.

HH: Wie sieht es derzeit mit Tourplanungen aus und ganz wichtig: führt euch die Tour auch wieder nach München?

Tilo: Derzeit haben wir sehr konkrete Planungen: im Juli starten wir die Tour in Brasilien, gefolgt von Zentral- und Südamerika. Danach geht es gegen die Datumsgrenze nach Japan. Weiter über China nach Taiwan werden wir voraussichtlich im September in Europa sein. In Deutschland werden wir ca. sechs Konzerte spielen und im Moment ist auch geplant, dass wir ein Konzert in München geben werden.

HH: Das ist doch schön zu hören. Kommen wir zur letzten Frage: im nächsten Jahr feiert ihr euer 20-jähriges Jubiläum. Gibt es hierfür schon konkrete Pläne, wie ihr euren Geburtstag feiern werdet?

Tilo: Im Moment noch nicht, ich bin noch zu sehr mit der Veröffentlichung von Sehnsucht und der Tour beschäftigt. Die Tour wird ja auch bis Ende des Jahres gehen, da kann ich derzeit noch nicht sagen, ob wir was Großes machen werden. Wenn wir es zeitlich noch schaffen, wäre es schon schön, etwas auf die Beine zu stellen. Wobei das dann wohl eher in Form einer Veröffentlichung sein wird und nicht in Form von einer Party oder Ähnlichem. Bei einem Konzert ist man zudem zu sehr beschränkt auf diese eine Location, bei einer Veröffentlichung kann man einfach weltweit feiern, sozusagen.

HH: Vielen Dank für dieses Interview, die letzten Worte gehören dem Künstler.

Tilo: Auch dir danke für dieses Interview. Ich finde es immer wieder schön gefragt zu werden, ob man denn auch in "meiner" Stadt ein Konzert geben wird. Es zeigt mir das Interesse desjenigen, mit dem ich gerade über das Album gesprochen habe. Das freut mich immer sehr. Ich hoffe, dass es auch anderen so geht, schließlich ist es auch schon wieder vier Jahre her, seit wir in München gespielt haben. Ich kann jedem, der zu diesem Konzert kommen wird, nur für seine Geduld danken, dass er/sie vier Jahre auf uns gewartet hat.

Ray


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