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Interview

Interview mit Emil Bulls (14.12.2020)

Logo Emil Bulls

Christoph von Freydorf ist ein leutseliger, entspannter Gesprächspartner. Umwege über Promoagenturen sind unnötig. Eine kurze SMS genügt und schon steht der Interviewtermin. Vier- oder fünfmal bereits bat ich den Sänger der Münchner Emil Bulls in den vergangenen zwölf Jahren zum Gespräch, was in der Regel nach dem offiziellen Teil in eine angeregte Fachsimpelei über Musik bei ein paar Bier zuviel ausartete. Zum Beispiel: Wer ist nun der bessere Entombed-Growler: L.G. oder Nicke? Oder: Welches ist das coolste Nebenprojekt von Faith No More-Sänger Mike Patton? Weltbewegendes also! Doch heute ist alles anders. Nicht nur, weil in 20 Minuten Aufwärmübungen für das dritte und letzte Bierzelt-Konzert im Münchner Backstage anstehen.

HH: Alles ist gerade anders. Und Christoph so richtig in Fahrt. Was die (Musik-) Welt 2020 bewegt, beziehungsweise lahmlegt? Man kann es sich denken.

Christoph: Sagen wirs mal so: Das mit diesem Covid 19-Virus ist eine ultra beschissene Geschichte, die ja bekannterweise auch unsere Branche sehr hart trifft. Obendrein kommt hinzu, dass wir ja dieses Jahr unser 25jähriges Jubiläum haben und dieses Jubiläumsjahr haben wir uns natürlich ganz anders vorgestellt. Jetzt wurde uns durch dieses Partyjahr einen Riesenstrich gemacht und es ist sehr traurig und schade, dass wir unseren 25jährigen Band-Geburtstag nicht so feiern dürfen, wie wir uns das vorgestellt haben. Da war eine große Tour gebucht, viele Festivals - welche Band wird schon 25 Jahre alt? Das kann man schon mal feiern.

HH: Sollte man meinen. Leider kam alles anders und zwar (noch) schlimmer als anfangs gedacht.

Christoph: Unsere Tour war auf Oktober gelegt und als im März der erste Lockdown kam, habe ich mir gesagt: Zum Glück ist unsere Tour erst im Herbst, bis dahin wird alles wieder easy, das dauert vielleicht drei, vier Wochen. Dann wird auf einmal die ganze Festival-Saison im Sommer abgesagt und da dachte ich schon: oh Scheiße. Einen Sommer ohne Festivals kennen wir gar nicht. Wir haben unsere Wochenenden ja immer auf Festivals verbracht. Ok, den Ausfall der Festivals kannst du vielleicht verschmerzen - nicht nur finanziell auch emotional, das kann ja mal ganz schön sein, ein entschleunigter Sommer, mal Zeit für andere Sachen, sofern dann im Herbst die Tour stattfindet. Jetzt wissen wir seit ein paar Wochen, dass bis zu Jahresende Großveranstaltungen untersagt sind und darunter fällt eben auch unsere Jubiläumstour. Das bedeutet: Wir haben in diesem Jahr keinerlei Konzerte und dadurch auch keinerlei Einnahmen und das ist für eine Firma, für jede Firma, egal ob das jetzt eine Band ist oder irgendetwas anderes, nichts wo du sagst: Ok, ein Jahr so ganz ohne Einnahmen, das passiert halt mal [lacht bitter]. Das ist schon wirklich verheerend und macht einem auch Angst.

HH: Nun hört man ja überall von Corona-Hilfen, die besonders krisengebeutelte Branchen unterstützen sollen. Wie sieht es damit aus? Ein Thema, das Christoph zusätzlich in Rage bringt.

Christoph: Es ist eine bodenlose Frechheit, wie da gerade mit der ganzen Kulturszene und Veranstaltungsbranche umgegangen wird. Am Anfang, als viele Panik bekamen, habe ich mir noch gesagt. Bleibt mal alle ruhig. Wir leben in einem vernünftigen Staatssystem und die werden uns helfen. Aber Pustekuchen. Da kam nichts. Und jetzt ist es bei mir auch so, dass ich mir als Steuerzahler denke: Seid ihr bescheuert? Ihr lasst da einen riesigen Wirtschaftszweig links liegen. Da werden Existenzen kaputtgehen. Da wird es ganz viele tolle Künstler nicht mehr geben, nach dieser Krise. Das ist eine Situation, die jetzt auch mir definitiv Angst macht. Also wenn es mir keine Angst machen würde, wäre ich bescheuert. Was hilfts - wir vertagen jetzt einfach unseren 25jährigen Geburtstag und gönnen uns diese Freude nächstes Jahr. Wir tun dann so, als hätte es 2020 einfach nie gegeben.

HH: Nachdem dieses Jahr zunächst gar nichts zu laufen schien, kam doch noch ein Lichtblick für die Band und deren Fans: die "Hully Gully" Bierzeltkonzerte im Münchner Backstage.

Christoph: Als das so los ging mit diesen live streams und Autokino-Konzerten haben wir gesagt: Auf sowas haben wir keinen Bock. Die Leute sollen uns so sehen, wie sich das für eine Emil Bulls-Show gehört. Die Leute sollen tanzen, knutschen, weinen, lachen, sich in den Armen liegen und auch die Köpfe einhauen - das gehört einfach dazu. Wir konnten uns also dieses ganze Abstandsding nicht vorstellen. Aber dann kommt das Backstage um die Ecke und sagt: Hey, wir haben jetzt ein Bierzelt und da kann man zumindest vor 400 Leuten spielen! Welche Band passt besser in ein Bierzelt als wir [lacht]?! Und dann dachten wir: OK, Das ist jetzt was, das wir auch konzeptionell als was Besonderes verkaufen können und waren von der Idee relativ schnell überzeugt. Eine einzige Show mit nur 400 Leuten lohnt sich für uns nicht, den ganzen Motor nach zehn Monaten wieder anschmeißen - zehn Monate ist unsere letzte Show her! Man muss das ja auch finanziell stemmen, die ganze Crew ankarren und mit wachsendem Erfolg sind halt auch die Ausgaben für die Crew gestiegen. Wenn das nach nur einer Show wieder vorbei ist, hast du kurz mal wieder geschnuppert und so haben wir einen Deal gefunden, der für beide Seiten fair ist. Für das Backstage sind es ja wie für uns auch schwierige Zeiten und die sollen daran ja auch was verdienen. Wir versuchen also die Leute bestmöglich zum Getränkeumsatz anzutreiben.

HH: So einigt man sich schließlich auf drei Bierzelt-Shows, das letzte findet heute Abend statt. Wie liefen die ersten zwei?

Christoph: Wir haben noch nie zehn Monate nicht zusammen gespielt und die erste Show ist immer komisch, auch unter normalen Umständen. Die ersten eineinhalb Songs war es sehr komisch, weil du so gar nicht weißt, wie die Leute auf sowas reagieren. Wir alten Show-Füchse haben das Programm natürlich etwas bierzeltmäßig getrimmt, sodass es am Ende unfassbar viel Spaß gemacht hat. Es war dann gar nicht so schlimm, dass die Leute da nur sitzen. Ich muss ganz ehrlich sagen: Nach heute Abend, unserer dritten und letzten Bierzelt-Show, werde ich traurig sein. Ich hätte Bock, noch mehr Shows zu spielen. Es hat echt Spaß gemacht, weil wir es schon geschafft haben, dass es etwas Anderes, etwas Besonderes wird. Wir hatten von den Fans unfassbar gute Resonanz. Die waren froh, uns mal wieder zu sehen oder dass überhaupt mal wieder ein Konzert ist. Es ist anders, aber es ist geil. Also vielen Dank an alle, die gekommen sind und sich das getraut haben. Es ist ja noch nicht jeder soweit und sagt: Ich geh jetzt wieder unter Leute. Die Leute haben uns echt eine Freude gemacht und - so ehrlich muss man sein - auch sehr tatkräftig unterstützt, indem sie ein Ticket gekauft haben. Also Danke an jeden einzelnen, der da war.

HH: Wie es auf dem Konzert war - kleiner Spoiler: großartig! - könnt ihr in dieser Konzertkritik nachlesen.

Dr Drümmer


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